Borrowing-Base-Finanzierungen gewinnen auch in Deutschland im Rahmen der Working-Capital-Finanzierung zunehmend an Bedeutung. Sie sind ein Baustein des Liquiditätsmanagements, die sich besonders für Unternehmen mit hohem Rohstoffbedarf, saisonalem Umsatzverlauf oder starkem Wachstum eignen. Es handelt sich dabei um eine Kreditform, die eine Zwischenstellung zwischen Cashflow-basierten Finanzierungen und klassischen Umlaufvermögensfinanzierungen einnimmt. Maßgeblich ist dabei die flexible Möglichkeit der Inanspruchnahme. Diese ist abhängig vom zugrunde liegenden Umlaufvermögen, da die Besicherung durch aktive Vermögenswerte (Vorratsbestände und Forderungen) oder Teilen davon erfolgt. Meist ist diese Finanzierungsart für mittelständische Unternehmen ab einer Umsatzgröße von rund 10 Mio. EUR interessant.

Die „atmende“ Kreditlinie

Der vorher vereinbarte Rahmen eines Borrowing-Base-Kredits wird durch den Bestand des Umlaufvermögens (die sogenannte „Borrowing Base“, vergleichbar mit einem Beleihungswert) vorgegeben. Damit „atmet“ die gewährte Kreditlinie in Abhängigkeit vom jeweiligen Bestand des Umlaufvermögens bis zu dem für die Kreditlinie vereinbarten Höchstbetrag. Hierdurch kann der erhöhte Working-Capital-Bedarf zum Beispiel bei steigenden Beschaffungspreisen oder Erhöhung des Warenbestands aufgrund saisonaler Abhängigkeiten abgedeckt werden. Die gewährte Kreditlinie weitet sich dabei mit Zunahme des Umlaufvermögens ebenfalls bis zum vereinbarten Höchstbetrag aus. Die Borrowing Base setzt sich im Allgemeinen aus dem Vorratsvermögen und den Forderungen aus Lieferungen und Leistungen zusammen. Sie bildet für ein definiertes Zeitintervall die Obergrenze der Inanspruchnahmemöglichkeit aus dem vereinbarten Kreditrahmen.

Ermittlung des Kreditvolumens

Die Ausnutzung der Borrowing-Base-Finanzierung erfolgt durch ein Berechnungs- und Bewertungsschema, das mit dem Finanzierungspartner im Vorfeld festgelegt wird. Dabei wird im Rahmen einer kostenpflichtigen Due Diligence, die in der Regel unabhängige Spezialisten durchführen, eine Wertermittlung des Vorrats- und Forderungsbestandes vorgenommen. Diese Bewertung des physischen Bestandes, der internen Prozessabläufe (Forderungs-/Risikomanagement) und deren Abbildung in den Rechnungslegungssystemen ist Grundlage für die Kreditgewährung. Die Bewertung der Aktiva ist maßgeblich zur Einräumung von wirksamen Sicherungsrechten (Globalzession und Sicherungsübereignung) an diesen Vermögensgegenständen. Die Due Diligence erfolgt turnusmäßig in der Regel einmal jährlich. Auf die ermittelten Vorrats- und Forderungsbestände werden gewöhnlich Verwertungsabschläge zwischen 20 und 35% bei Vorratsbeständen bzw. 15 und 25% bei den Forderungen vorgenommen. Die Höhe der Abschläge hängt sehr stark von der Drittverwertungsfähigkeit der Produkte, dem Unternehmensrating, der Bonität der Abnehmer und der Struktur des Forderungsportfolios ab.

Berechnungsbeispiel (vereinfacht):

Nettovorratsbestand
– vereinbarte Bewertungsabschläge
– Lieferantenverbindlichkeiten
+ Bruttoforderungsbestand
– überfällige Forderungen
– vereinbarte Bewertungsabschläge

= Borrowing Base (gesamt)

In der Praxis wird sich dieses Modell in weitere Unterkategorien der hier dargestellten Positionen aufgliedern. Dies erfolgt, um eine differenzierte Darstellung der jeweiligen Risikogewichtungen bestimmter Vermögenswerte und die darauf vorzunehmenden Abschläge zu ermöglichen. Dabei ist jedoch zu beachten, dass ein höherer unterjähriger Reporting-Aufwand gegenüber der finanzierenden Bank entstehen kann.

Fazit
Auch für Unternehmen mit guten Zukunftsaussichten kann es sinnvoll sein, eine flexible Anpassung der Finanzierung am Umsatzwachstum auszurichten, um eine bedarfsgerechte Liquiditätsausstattung sicherzustellen. Die Borrowing Base Finanzierung ermöglicht über ihre stringente Ausrichtung am Working Capital des Unternehmens eine flexible Finanzierung der Mittelabflüsse aus operativer Geschäftstätigkeit. Durch die Due Diligence des Vorrats- und Forderungsbestands erfolgt eine Erhöhung der Objektivität und Transparenz. Dies wird sich positiv auf die risikoadjustierten Konditionen auswirken, da der Finanzierungspartner durch die Bewertung, die Ermittlung der Verwertungsabschläge und durch das laufende Monitoring eine höhere Transparenz der zugrunde gelegten Sicherheiten erhält. Ein effizientes Vorrats- und Forderungsmanagement sowie ein gutes Qualitäts- und Risikomanagement des Unternehmens werden sich positiv auf die Konditionen der Borrowing-Base-Finanzierung auswirken. Dem Unternehmen ermöglicht es neben der Flexibilität des Finanzierungsrahmens eine klare Sicherheitenstruktur, die ausschließlich auf Vermögensgegenstände des Umlaufvermögens abzielt und keine weiteren Zusatzsicherheiten fordert.


Zur Person

Ralph Lück ist Vorstand der BF.direkt AG in Stuttgart. Das Beratungsunternehmen BF.direkt betreut im Bereich Corporate Advisory mittelständische Unternehmen bei der Entwicklung geeigneter Finanzierungsstrategien und begleitet diese in allen Phasen der Finanzierung. www.bf-finance.de