Vom Kleinbus zum Mobilitätskonzept

Die Minibussparte von Daimler-Benz beschreitet nach Carve-out neue Wege

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Die Minibussparte von Daimler-Benz wurde im Zuge der Aufspaltung des Konzerns von der Münchner Industriegruppe Aequita erworben. Unter dem neuen Namen Tremonia Mobility GmbH will das Unternehmen neue Wege in der Mobilität beschreiten.

Empfang Dortmund; Foto: © Tremonia Mobility GmbH

Dass die Abspaltung eines Unternehmens aus einem Konzern wie Daimler-Benz eine vielschichtige Aufgabe wird, merkte Lukas Krahé, Geschäfts­führer der Tremonia Mobility GmbH, bereits zu Beginn des Carve-­outs. „In den ersten Monaten war es unsere Hauptaufgabe, alle Beteiligten mit auf die Reise zu nehmen. Mit transparenter und proaktiver Kommunikation haben wir unsere Stakeholder, angefangen vom Lieferanten über die Belegschaft bis hin zu unseren alten und neuen Vertriebspartnern, in diesen Pro­zess eingebunden, um Unsicherheiten abzubauen.“ Dem vorausgegangen war die Konzernaufspaltung von Daimler-­Benz in eine Lkw- und eine Pkw-Sparte. Es entstanden die Daimler Truck AG und die Mercedes-Benz AG. In der Truck­sparte, in welcher man sich fortan auf die Produktion von Fahrzeugen über acht Tonnen konzentrierte, wurden alle Aktivitäten des Bus- und Lkw-Geschäfts gebündelt.

Mitarbeiter machten Vorschläge für neuen Firmennamen

Seit 2008 wurden am Standort Dortmund über 20.000 Minibusse unter dem Dach der EvoBus produziert. Basierend auf der Modellreihe Sprinter werden kundenindividuelle Stadt- und Überland­busse, Shuttles und Fahrzeuge für den Behindertenverkehr gefertigt. Mit Jahres­beginn 2022 wechselte das Dortmunder Minibus­werk den Besitzer. Die Münchner Indus­triegruppe Aequita ist seitdem nicht nur Eigentümerin, sondern versteht sich auch als operativer Partner.

Lukas Krahé, Tremonia Mobility

Den Paradigmenwechsel vom Konzern zum Mittelständler zeigte das Unternehmen auch nach außen: Das Management involvierte die 240 Mit­arbeiter am Standort in die Namensfindung. He­raus kam Tremonia Mobility. Mit dem Namen Tremonia, dem lateinischen ­Namen Dortmunds, wurde ein ­kl­a­res Bekennt­nis zum Standort und der Historie des Werks abgegeben. Die Eigen­ständigkeit bietet neue Möglichkeiten für die Dortmunder, denn auch hier ­haben die Lieferschwierigkeiten von Basisfahrzeugen und spezifischen Einbauteilen die Produktion zuletzt aus­gebremst. Krahé sieht dabei auch eine große Chance: „Gerade in den aktuellen Zeiten, in denen Lieferketten reißen und Werksbänder stillstehen, ist es ein riesiger Vorteil, dass wir als Mittelständler nicht nur neue Basisfahrzeuge erproben, sondern dabei auch unser Zuliefernetzwerk optimieren.“ Darüber hinaus erschließt Tremonia neue Geschäftsfelder. Bisher wurden die Kleinbusse meist als „Add-on“, sprich als ­Zugabe für Großbusse im Portfolio der EvoBus gekauft. Das soll sich nun ändern. Neben dem öffentlichen Personen­nahverkehr sieht Krahé großes Wachstumspotenzial im Bereich Hotel- und Flughafen-Shuttle ge­nauso wie im Individualverkehr. In den letzten Monaten hat er zahlreiche Gespräche mit Verkehrs­be­trieben und Kommu­nen geführt. „Wir sehen, dass immer mehr Städte Alter­nativen zu den nicht ausgelasteten Großbussen suchen. Viele wollen den Minibus nutzen, um schwer befahrbare Innenstädte oder Außenbezirke anzubin­den. Zudem verbrauchen unsere Stadt­busse ungefähr 40% weniger Kraftstoff im Vergleich zu einem gängigen Großbus.“

Investitionen in Elektromobilität

Weit oben auf der Agenda der Dortmun­der steht das Thema Elektromobilität. Trends wie der demografische Wandel und die dünne Besiedlung des ländlichen Raums machen den Minibus schon heute vielerorts zur vollwertigen Alternative im Personennahverkehr. Mit der eigenständigen Entwicklung eines voll­elektrischen Minibusses will das Unternehmen noch in diesem Jahr auf den Markt. „Mit welchem Innovationsgeist wir hier mit dem gesamten Team am Standort Fahrzeuge zur Marktreife führen, macht mich stolz“, so Krahé.

Minibusse werden auf individuellen Kundenwunsch auf ein Mercedes-Chassis montiert; Foto: © Tremonia Mobility GmbH

Bei Tremonia bleibt im Zuge der Heraus­lösung aus dem Konzern kein Stein auf dem anderen. Dabei geht es nicht nur um die Entwicklung neuer Fahrzeuge, sondern auch um die internen Strukturen. „Wir müssen ein eigenes ERP-System installieren, die Personalabteilung und die Lohnbuchhaltung auf eigene Beine stellen. Das ist zwar nicht so sexy für das Produkt, aber die Grundvoraussetzung für ein eigenständiges Agieren, denn die aktuellen Krisen machen auch vor uns nicht halt. Das spüren wir schon deshalb, weil auch wir unsere Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken müssen, obwohl wir sie aktiv in den Prozess des Umbaus einbeziehen müssten.“ Aktive Unterstützung bekommt er dabei vom Expertennetzwerk des neuen Besitzers Aequita, bei dem er auch angestellt ist. „Wir können uns inner­halb der Industriegruppe über ak­tuel­le Problemstellungen austauschen, die alle Unternehmen betreffen.“

redaktion@unternehmeredition.de


„Unser Fokus liegt auf komplexen Transaktionen“

Interview mit Simon Schulz, Partner,
Aequita

Unternehmeredition: Wer verbirgt sich hinter Aequita und worauf richtet sich Ihr Investmentfokus?

Simon Schulz: Wir sind mit fünf Partnern und inzwischen rund 45 Mitarbeitern seit vier Jahren als inhabergeführte Industrie­gruppe am Markt. Unser Fokus liegt auf komplexen Transaktionen, beispielsweise Konzernabspaltungen, und auf Unternehmen, die sich in Sondersituationen befinden. Unser Ziel ist es, die Unternehmen wieder als selbstständig agierende Mittelständler nachhaltig aufzustellen. Dabei bekommen die Unternehmen tatkräftige Unterstützung aus unseren operativen Teams.

Auffällig ist, dass sich viele Ihrer Transaktionen im Bereich Automotive bewegen. So haben Sie im Mai dieses Jahres den weltweiten Gelenkwellenhersteller IFA Group aus Sachsen-Anhalt übernommen; ebenso zählt die Willi Elbe Group, ein Spezialist für Lenktechnik, zum Port­folio. Wollen Sie sich auf dieses Seg­ment spezialisieren?

Simon Schulz, Aequita

Der Bereich Automotive ist innerhalb ­unserer Gruppe mittlerweile der größte. Das liegt vor allem daran, dass wir umfangreiche Erfahrungen in der Neuaus­richtung von Automobilzulieferern ha­ben und sich die Branche einem starken Wandel unterzieht. Der Automobilsektor ist aber nur eines unserer Kernsegmente. Grundsätzlich interessieren wir uns stark für produzierende oder produktionsnahe Unternehmen mit einem technischen Know-how.

Welches strategische Ziel verfolgen Sie mit der Übernahme von Tremonia?

Uns ist wichtig, dass wir ein zukunfts­fä­hi­ges, nachhaltiges und solides Un­ter­neh­men auf die Beine stellen, das, wie am Beispiel von Tremonia Mobility, als mittelständischer Mobilitätsdienstleister schneller und agiler auf den Markt reagieren kann.


Kurzprofil 

Tremonia Mobility GmbH

Branche: Automotive

Unternehmenssitz: Dortmund

Umsatz 2021: 30 Mio. EUR

Mitarbeiterzahl: 240

www.tremonia.com

Autorenprofil
Torsten Holler

Der Wirtschaftsjournalist Torsten Holler schreibt seit 1987 regelmäßig für renommierte Wirtschaftsmedien über verschiedenste Themen.

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