Prickelnde Zahlen, spritzige Preise

Nick Reh, Vorstandschef der Sektkellerei Schloss Wachenheim AG, ist trocken wie seine Produkte, doch freundlich. „Ich bin vor allem Kaufmann“, sagt er. Das hat insbesondere mit Mengen zu tun, denn Reh handelt Schaumwein en gros. Er ist Chef des unangefochtenen Weltmarktführers für Sekt.

Der Gesamtabsatz der Wachenheim-Gruppe erreicht dieses Jahr 256 Mio. Flaschen à 0,75 Liter. Davon sind annähernd 176 Mio. Flaschen Schaumwein, die übrigen rund 80 Mio. Flaschen sind Wein, Wermut und Spirituosen sowie alkoholfreie Produkte. Doch Zahlen jonglieren alleine macht eine Kellerei nicht so erfolgreich. „Die Produktqualität ist mir enorm wichtig, bei allen Neueinführungen probiere ich selbstverständlich mit“, sagt Reh.

Weltmarktführer aus Trier
Die Konzernzentrale liegt in Trier in einem tristen Gewerbegebiet. Mit 40 Quadratmetern Größe ist das moderne Büro des Mannes, der den größten Schaumweinproduzenten der Welt lenkt, nicht größer als das eines Abteilungsleiters bei einer Sparkasse. Aus dem einen Eckfenster blickt Nick Reh auf die Hunsrücker Berge. Auf der anderen Seite stehen stramm in Reihe Dutzende von gewaltigen Stahltanks, in jedem lagern 250.000 Liter Sekt. „Das ist die modernste Sektkellerei auf dem Erdball“, sagt Reh. Hier liefert die Eisenbahn an. Aus den Tanks strömt der Geruch vergorenen Traubensafts. Bekannteste Marken der Trierer sind Faber, Feist, Schloss Wachenheim, Nymphenburg, Schweriner Burggarten, Light live, Dorato, Cin & Cin, Charles Volner, Muscador und Opéra. Sie sind erfolgreich: Die Sektkellerei Schloss Wachenheim AG schloss die ersten sechs Monate des Geschäftsjahres 2008/2009 (1. Juli bis 31. Dezember 2008) mit einem Konzernjahresüberschuss von rund 10,3 Mio. Euro ab. Hiermit hat der Konzern das Vorjahresergebnis (4,8 Mio. Euro) mehr als verdoppeln können, was angesichts der schwierigen Wirtschaftslage nicht zu erwarten war und den nüchternen Manager zu der Formulierung „geradezu sensationell“ hinreißen lässt. Das Ergebnis wird sich laut Vorstandsvorsitzendem halten lassen. Die Familie Reh freut’s, denn sie hält 71% der stimmberechtigten Aktien. Der Rest ist im Streubesitz.

Alkohol als Familiengeschäft
Die ganze Familie verdient ihr Geld mit vergorenem Traubensaft. Bruder Carl leitet die Großkellerei Reh-Kendermann (Weine für den britischen Massenmarkt), die mit dem Wachenheim-Konzern nichts zu tun hat. Die Schwester Annegret Reh-Gartner ist Winzerin und führt das VdP-Weingut (VdP = Verband der Prädikatsweingüter) Reichsgraf von Kesselstatt an der Mosel, eine 100%ige Tochter der Wachenheim AG. Nick Reh hat das Werk seines 81 Jahre alten Vaters erfolgreich ausgebaut. Das Unternehmen in seiner heutigen Form entstand 1996 durch die Verschmelzung der Trierer Sektkellerei Faber GmbH & Co. KG mit der Sektkellerei Schloss Wachenheim AG, die 1888 als Aktiengesellschaft gegründet wurde. Ende der 60er wollte Günther Reh selbst Sekt herstellen. In Trier stieß er auf die marode Kellerei Faber. Er kaufte, modernisierte und stellte Faber Krönung 1972 auf der Nahrungsmittelmesse Anuga vor. Faber, so sagen auch die Wettbewerber anerkennend, sei die „Demokratisierung des Sektgenusses“ gewesen, der nach dem Krieg zunächst als Luxusgetränk den Schönen und Reichen vorbehalten war. Sieben Jahre später war man hierzulande Marktführer, mit null Werbung und einem mit 1,99 Mark extrem günstigen Preis. Jahrelang währte die Vorherrschaft, ehe Rotkäppchen Sekt aus Ostdeutschland den Rehs den Rang ablief.

In Deutschland auf Platz zwei, in Osteuropa Spitzenreiter
Für Rehs Billigmarken werben Discounter wie Aldi und Lidl gern vor dem Neujahrsfest, weshalb die Marken bekannter sind als die Sektkellerei selbst. Doch auch einige nur unter Liebhabern bekannte, champagnergleiche Edelgetränke zieren das Portfolio. Mit einem Marktanteil von 20% liegt Schloss Wachenheim in Deutschland hinter Rotkäppchen-Mumm (30%) auf Platz zwei. Die Erfolge feiert Schloss Wachenheim in Osteuropa. Polen, Tschechien und Rumänien sind die Märkte, denen es Wachstum und Rentabilität verdankt. Die Umsatzrendite ist dort mit 5% doppelt so hoch wie in Deutschland. Gleich nach der Wende legte Nick Reh zusammen mit seinem Vater den Grundstein für die Expansion gen Osten: Als sich die Wettbewerber noch an der Wiedervereinigung berauschten, kaufte Schloss Wachenheim die erste Sektkellerei in Polen, später schlug Reh auch in Rumänien, Ungarn und Tschechien zu. Heute ist die polnische Tochter Ambra an der ukrainischen Grenze die Schaltzentrale für das Osteuropageschäft.

Sparmaßnahmen im desolaten deutschen Markt
Schloss Wachenheim hat sein Angebot in Deutschland dem desolaten Marktumfeld angepasst, die Kosten gesenkt und die Produktpalette bereinigt. Die Weinmischgetränke, sogenannte Cooler, flogen aus dem Sortiment. Auch die mehr als 1000 Gastronomie- und Hotelleriekunden, die Hausabfüllungen bezogen, mussten sich nach neuen Lieferanten umschauen. Ebenso im Osten musste Nick Reh kräftig aufräumen, weil er überall auf der Welt durch Rohstoffpreiserhöhungen dazu gezwungen wurde, deutliche Preissteigerungen durchzusetzen. Der Einkauf musste teils das Doppelte für Basisweine, Glas, Kork und Energie hinblättern. Natürlich auch in Deutschland, weswegen sich Reh von etlichen Mitarbeitern trennen musste.

Blick weit gen Osten
Weil sich nach dem EU-Beitritt der osteuropäischen Länder die Konsumgewohnheiten denen der westlichen Länder angleichen werden, richtet Reh seinen Blick bereits noch weiter Richtung Osten. „Doch bis von dort ordentliche Renditen fließen, dauert es noch lange; da fangen wir ganz klein an“, sagt Nick Reh. In China sei viel Aufbauarbeit zu leisten; die neue Mittelschicht im Reich der Mitte müsse noch viel lernen, um Genuss mit Sekt aus dem Rheintal verspüren zu können. Die Russen trinken gerne und viel Sekt, weswegen Reh auch eine Kellerei unweit Moskaus aufgebaut hatte. Als der russische Partner ausstieg, stoppte auch der Wachenheim-Boss das Projekt, räumt er ein. Denn im sehr abgeschotteten Sekt- und Weinmarkt funktioniere das Geschäft ohne Ortskundige nicht.

Eingefleischter Familienunternehmer
Das Verhältnis zu den Geschwistern und dem Vater, die ja die Hauptaktionäre sind, sei sehr gut, beteuert der 48-Jährige. „Sonst wäre das bestimmt schon nach außen gedrungen“, meint der zurückgezogen in Trier lebende Manager. „Und das Familienunternehmen würde nicht so gut laufen.“ Überhaupt, zum Thema Familienunternehmen äußert er eine provokante Meinung: „Ohne die inhabergeführten Unternehmen wäre die Bundesrepublik eine DDR light.“ Denn die Neigung großer Konzerne, zusammen mit der Politik „Probleme am grünen Tisch und vor allem vorbei am Markt zu lösen, würde unser Land beeinflussen“, sagt Reh. „Wenn es keine unternehmerischen Lösungen mehr gibt, dann haben wir de facto Planwirtschaft“, äußert der Wachenheim-CEO. Dass eine sich selbst regulierende Marktwirtschaft der Inbegriff aller Freiheit und Prosperität ist, hat ihm Vater Günther schon früh mit auf den Weg gegeben. Als die SPD 1979 in Bonn die Regierung übernahm, wollte der Vater zunächst aus Angst vor dem Sozialismus mitsamt der Familie in die Schweiz umsiedeln. Seinen Sohn Nick schickte er schon einmal vor. Das ist auch der Grund, weshalb der heutige Vorstandschef auf dem Internat im eidgenössischen Zugerberg seine „Matura“ ablegte. Heute, wenn der Tag sich zu Ende neigt, steht er auch dem gelegentlichen Konsum eigener Produkte nicht abgeneigt gegenüber. „Ein Riesling-Sekt von Kesselstatt“ sagt er schmunzelnd, bevor wieder der Kaufmann in ihm
zum Vorschein kommt. „Der kostet keine 15 Euro.“

Thomas Grether
redaktion@unternehmeredition.de

Kurzprofil Schloss Wachenheim AG
Gründungsjahr: 1888
Branche: Sektkellerei
Unternehmenssitz: Trier
Mitarbeiter: ca. 1.200
Umsatz: 302,5 Mio. Euro (ohne Sektsteuer)
Internet: www.schloss-wachenheim.com

Autorenprofil

Thomas Grether ist Gastautor.

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