Mit Einstecktuch und Krawattennadel

Serie Unternehmerdynastien: Trigema Inh. W. Grupp e.K.


Alte Managementmethoden als Erfolgsgarant
Das ist untypisch für Wolfgang Grupp. Normalerweise schuftet er, wenn es sein muss, rund um die Uhr. Aber heute sprechen wir auf einem Hochsitz mit ihm. Hier in Immenstadt im Allgäu ist sein Revier, wo er den Hasen und den Hirschen nach dem Leben trachtet. Derweil steuert seine Frau, Baroness Elisabeth von Holleuffer, schon die ganze Woche lang sein Textilunternehmen. Für den Chef und Alleinbesitzer der Trigema Inh. W. Grupp e.K. hat die Angetraute sogar ihren Medizinerberuf aufgegeben und Wirtschaft gelernt. Der 69-jährige Wolfgang Grupp wünscht sich, dass eines seiner Kinder ganz schnell ins Unternehmen einsteigt. Bonita ist 21 Jahre alt und will bald ihren Bachelor in Wissenschaftswissenschaften beenden, das Gleiche gilt für den 20-jährigen Wolfgang junior, der „Management“ lernt, wie Grupp das ausdrückt. Er ist der letzte deutsche Unternehmer, der auch heute noch komplett im Land Strick- und Wirkwaren in größerem Stile fertigt, also T-Shirts, Jogginganzüge, Unterwäsche und Sweatshirts. Seine Konkurrenten produzieren längst in Billiglohnländern oder haben, wie das Traditionsunternehmen Schiesser, bereits Insolvenz angemeldet. Der Mittelständler aus dem schwäbischen Städtchen Burladingen hat alle Krisen überstanden. Auch, weil er seinen Vertrieb radikal umgestellt hat – umstellen musste. Vor sechs Jahren stieg der Unternehmer, der seine Firma mit zum Teil altmodischen Methoden führt, ins Internetgeschäft ein. „Wir haben jährliche Steigerungsraten von 50% im Online-Handel“, erzählt Grupp stolz.
Einstecktuch, Krawattennadel, 100% Germany
Der 69-Jährige, der selbst feine Anzüge mit Einstecktuch und Hemden mit Krawattennadel bevorzugt, verkauft seine T-Shirts über die Online-Plattformen von Versendern wie der Otto-Gruppe in Hamburg oder von Quelle in Fürth. Doch das beste E-Commerce-Business läuft über die Trigema-Website. Unter dem Slogan „Deutschlands größter T-Shirt- und Tennisbekleidungshersteller“ können Kunden im Internet Sportmode und Unterwäsche kaufen. Wer durch die verschiedenen Bekleidungsabteilungen blättert, sieht auf dem Kopf der blaugrundigen Seiten immer neue Grupp-Slogans. Das reicht von „Beste deutsche Qualität“ über „100% Made in Germany“ bis hin zu „Für sichere Arbeitsplätze“. Um vom Einzelhandel unabhängiger zu werden, baute er 50 „Testgeschäfte“ auf dem Land, aber mit guter Verkehrsanbindung auf. Anderswo heißen diese Läden „Factory Outlet“. Inzwischen gibt es sie teilweise auch in touristischen Gebieten. Sie tragen zu etwas mehr als der Hälfte des Gesamtumsatzes bei. Der Rest entfällt auf Versender, Einzelkunden – und das Internet-Geschäft. In den meisten „Testgeschäften“ verkauft der Marktleiter auch Wild aus der Gefriertruhe, das Chef Grupp selbst geschossen hat. „Nur in Deutschland“ produzieren 1.200 Mitarbeiter bei Trigema, wie ein Werbespot propagiert. Zu den Kunden gehört der Kegelverein, der ein Dutzend Polo-Hemden mit Club-Emblem ordert, ebenso wie die Daimler AG, die individuell bestickte Betriebshemden bestellt. Grupp bedient sie alle innerhalb weniger Tage.

Flexibilität gepaart mit Qualität
„Wir können hier in Deutschland hohe Flexibilität gepaart mit Qualität bieten“, erklärt Grupp den Standortvorteil. Während die schwäbischen Textilkollegen von Hugo Boss nur noch ihre Musterkollektionen am Standort Metzingen fertigen, verweist Alleineigentümer Grupp auf 78% Fertigungtiefe: stricken, färben, schneiden, konfektionieren – alles made by Trigema. „Das funktioniert aber nur, weil ich alles im Blick habe“, sagt Grupp. Er führt sein Unternehmen nach ganz eigenen Methoden. Bei 1.200 Festangestellten gäbe es nur 32 Verwaltungsleute; der Rest produziere Kleidung. „Meine leitenden Angestellten waren alle Lehrlinge“, erzählt er. Die „Werbeleiterin“ – anderswo hieße sie wohl Marketingdirektorin – ist seit 18 Jahren dabei, seine Sekretärin 34 Jahre im Unternehmen. Er verzichtet auf ein Chefbüro und sitzt mit den Angestellten der Verwaltung in einem Großraumbüro. Der Mann, der von den Einwohnern des schwäbischen Städtchens „König von Burladingen“ genannt wird, garantiert seinen Mitarbeitern einen sicheren Arbeitsplatz und nennt seine Beschäftigten „unsere Trigema-Betriebsfamilie“. Wie viel er verdient, bleibt sein Betriebsgeheimnis.
Butler und Hubschrauber immens wichtig
Seine altmodischen, aber von Erfolg gekrönten Managementmethoden verkündet er gerne in Talkshows, wo er ein gefragter Gast ist. Dort zieht er dann auch kräftig vom Leder gegen das „angestellte Top-Management in den DAX-Unternehmen, die sich nur persönlich die Taschen füllen“. Er sei nie geistreich gewesen, sagt er. Aber er habe immer die Augen offen gehalten und jeden Vorschlag angehört. „Ich schotte mich nicht ab, bei mir kommt man durch.“ Hinter seinem Rücken im Großraumbüro hängen drei Ölgemälde – von ihm, seiner Gattin und seinen Großeltern. Wenn ein Telefon lange klingelt, murmelt er: „Was ist denn da los?“, und greift selbst zum Hörer. „Ich nehme jedes Gespräch an“, sagt Grupp, „vielleicht ist was Interessantes dabei.“ Dass seine Fertigungsbetriebe alle weit abseits großer Städte liegen, stört Grupp nicht. Ein bisschen Luxus muss sein: Er fliegt mit dem firmeneigenen Hubschrauber von Termin zu Termin. Der Mann mit dem weiß gestärkten Hemdkragen leistet sich einen Butler, der auch den Rollce-Royce steuert. Bald ist der Privatfriedhof der Grupps fertig gestellt – 45 lang und 15 Meter breit. Eigentlich wäre auf dem Friedhof Platz für mindestens 100 Normalsterbliche. Aber der 67 Jahre alte Grupp ist in Burladingen kein Normalsterblicher.
Fordert für sich den 70%-Steuersatz
Der Familienunternehmer musste von Anfang an kämpfen. Ende der 60er Jahre übernimmt er das Unternehmen in dritter Generation von seinem Vater. Die zwei Geschwister zahlt er aus. Der Junior muss die 1919 gegründete Firma neu aufstellen. Er macht aus den Trikotwarenfabriken Gebrüder Mayer die Marke Trigema und startet in der Flower-Power-Zeit ins Geschäft mit T-Shirts und Tenniskleidung. In zahlreichen Talkshow-Auftritten verkündet Grupp seit Jahren sein unternehmerisches Mantra, wonach es trotz Globalisierung durchaus möglich ist, in Deutschland Massenkonsumartikel wie T-Shirts zu produzieren. Die Weltwirtschaftskrise wäre weniger schlimm ausgefallen, wenn die Vorstandsvorsitzenden der Aktiengesellschaften persönlich haften müssten. In der derzeitigen Finanzkrise könnten auch die gut Verdienenden, wie er selbst, vom Staat durchaus mehr zur Kasse gebeten werden. „Ich erwarte das geradezu von einer Regierung“, sagt Grupp und schlägt vor, den Spitzensteuersatz auf 60 oder 70% zu erhöhen und denen, die persönlich haften, einen Rabatt von 50% einzuräumen.

Thomas Grether
redaktion@unternehmeredition.de

Kurzprofil: Trigema Inh. W. Grupp e.K.
Branche: Textilindustrie
Unternehmenssitz: Burlading
Mitarbeiterzahl: ca. 1.200
Umsatz: 83 Mio. EUR (Geschäftsjahr 2009; veröffentlicht Januar 2011 im Bundesanzeiger)
Internet: www.trigema.de

Autorenprofil

Thomas Grether ist Gastautor.

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