„Man braucht viel PS im Kopf“

Wie zwei Serien-Entrepreneure und die BayBG ein erfolgreiches Familienunternehmen für ihre Investitionen fanden

Wenn zwei Serien-Entrepreneure nach einem lukrativen Investment suchen, dann ist ein mittelständischer familiengeführter Automotive-Zulieferer aus Augsburg nicht die erste Wahl – sollte man meinen. Simon Specka und Nikolas Langes beweisen das Gegenteil und haben dabei großen Erfolg. Mit Mezzanine mit dabei: Die Bayerische Beteiligungsgesellschaft BayBG. VON ALEXANDER GÖRBING

Simon Specka gehörte zu den bekannten Gesichtern der deutschen Startup-Szene. Er gründete unter anderem die VPN-Lösung ZenMate und die Immobilienplattform CASAVO. Sein Freund Nikolas Langes war der Gründer der Flugsuchmaschine Tripcombi. Beide standen vor der Aufgabe, die nächsten Schritte in ihrem geschäftlichen Leben zu planen. Dabei wurde den jungen Gründern in langen gemeinsamen Gesprächen bewusst, dass sie nicht „die hundertste Suchmaschine“ programmieren wollten. Das Internet war für sie kein „neuer Markt“ mehr und es dürfte daher schwierig werden, noch eine erfolgversprechende Nische zu finden.

Mittelstand ist attraktiv

So kamen Specka und Langes auf eine ganz andere Idee, indem sie ein Auge auf die mittelständischen Unternehmen warfen. „Bei einer großen Zahl von Familienbetrieben und zugleich den wachsenden Problemen mit der Nachfolge durch den demographischen Wandel haben wir uns einen sehr interessanten Markt für eine Investition versprochen“, erinnert sich Specka. Der Gedanke dahinter: Wenn erfahrene Digital-Gründer ihre Kompetenz in ein Familienunternehmen einbringen, dann kann dies zu einem langfristig erfolgreichen Transformationsprozess und schnellem Wachstum führen. Zudem sei eine Investition in einen erfolgreichen deutschen Mittelständler weitaus weniger risikobehaftet als eine Finanzierung im Startup-Sektor. Zuerst wurde ein Katalog mit Kriterien erarbeitet und dann folgte innerhalb eines Jahres eine Analyse von 150 deutschen Unternehmen. Mit 30 Firmeninhabern führten beide Gespräche und fündig wurden sie dann Ende 2019 bei einem mittelständischen Familienunternehmen aus Augsburg – der GREMCO GmbH.

Standorte in Mexiko und USA

GREMCO entwickelt und beliefert Kunden aus zahlreichen Branchen mit hochwertigen und ausgereiften technischen Schlauch-Lösungen und Komponenten für Hightech-Verkabelungen – und das weltweit. Als Nischenspezialist ist das Unternehmen zudem in der Lage, komplette Systemlösungen ebenso wie Sonderanfertigungen nach Maß zu liefern. Produziert werden die Materialien in modernen Fertigungsstätten in Europa, USA und Mexiko. Die Schrumpf-, Geflecht- und Isolierschläuche sowie elektrischen Leitungen und Kabel von GREMCO kommen in der Luftfahrt-, Medizintechnik -, Automobil- sowie Industrie- und Umwelttechnik zum Einsatz.

Es gab keinen Kulturschock

Wenn zwei Digital Natives auf einen familiengeführten Mittelständler treffen, dann könnte ein Kulturschock drohen. Der blieb aber aus: „Das Team bei GREMCO ist dynamisch und jung – auch die älteren Mitarbeiter sind im Kopf jung geblieben. Das hat uns den Einstieg sehr erleichtert“, erinnert sich Specka. Ein Erfolgsfaktor sei die lange Betriebszugehörigkeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Auf diese Weise gebe es eine Menge Know-how im Unternehmen und eine hohe Loyalität. Für Langes und Specka war es zum Anfang wichtig, sich in eine neue Branche hineinzudenken. „Da braucht man schon eine Menge PS im Kopf“, sagt Specka. Die Ideen des neuen Führungsteams würden gut angenommen. Um bei der Gewinnung von neuen Mitarbeitern punkten zu können, wurden auch vollkommen neue Möglichkeiten für Remote-Working geschaffen. Dabei kam es nicht nur auf die Organisation, sondern auch auf die technischen Voraussetzungen an. Inzwischen gibt es jede Menge Laptops, eine Daten-Cloud und die passende Serverstruktur – das aktuelle Wissen der Digital Natives findet sofort seine Anwendung.

Corona-Krise gut überstanden

Und als wenn dies nicht genüg wäre, so kam kurze Zeit später noch die Corona-Krise als neue Herausforderung hinzu. Der weltweite Zusammenbruch der Lieferketten wirkte sich auch auf GREMCO aus. Nach einer kurzen Durststrecke liefen die Geschäfte aber wieder gut weiter – auch dank der stabilen Kundenbeziehungen. Hier bewährte sich auch der behutsame Übergang vom früheren Inhaber zum neuen Führungsteam. „Bei einigen ausgewählten Kundengesprächen sind wir gemeinsam aufgetreten und da war der Verkauf von GREMCO nur ein Randaspekt“, erklärt Specka. Trotz der Erschwernisse durch die Pandemie kümmerten sich die neuen Inhaber rasch um die Optimierung und den Ausbau der ERP-Software und eines neuen CRM-Systems. „Für uns ist das eine wichtige Investition in die Zukunft für die Optimierung von Abläufen und für ein besseres Verständnis unserer Kunden“, sagt Specka. Zudem wurden auch neue Mitarbeiter eingestellt.

Automotive ist weiter ein Wachstumsmarkt

Die Übernahme vom GREMCO erfolgte Ende 2019 – zu einer Zeit also, als die Investition in ein Zulieferunternehmen der Automotive-Industrie nicht der naheliegendste Schritt war. „Uns war dieses Thema schon sehr bewusst und deswegen haben wir uns alles sehr gut angeschaut. GREMCO hat eine sehr breite Kundenstruktur von Tier1 bis Tier4, damit liegen keine großen Abhängigkeiten vor. Zudem rechnen wir damit, dass sich die Menge an Kabeln in Fahrzeugen aufgrund der Digitalisierung und der Elektrifizierung auf eine Länge von 5 Kilometern fast verdoppeln wird. Das ist unser Markt und hier wollen wir weiter wachsen“, sagt Specka. Zudem ist das Unternehmen auch stark in anderen Branchen wie Medizintechnik, Umwelt und Industrie stark engagiert.

Finanzierung langfristig-stabil geplant

Specka und Langes waren von ihren früheren Firmen die Finanzierungs-Gespräche mit internationalen Venture Capital-Investoren gewohnt. Für den Kauf der GREMCO wählten sie aber ein bewusst konservatives Schema. „Eine exitgetriebene Finanzierung hätte nicht zu einem mittelständischen Familienunternehmen gepasst. Wir sehen uns hier in einem sehr langfristigen Engagement und wir wollten zudem konservativ mit vielen Sicherheiten und Rücklagen planen“, betont Specka. Eine grundsätzliche Einstellung, die sich auch in den schwierigen Monaten der Corona-Krise bewährt hat.

Als Vehikel für den Unternehmenskauf gründeten beide die Investmentgesellschaft 3CC-Partners. Sie entschieden sie sich bewusst für eine Mezzanine-Finanzierung als Werkzeug für eine langfristige Beteiligung.  Die beiden Gründer gingen auf die BayBG zu und stellten ihre Planungen und Ideen für die zukünftige Entwicklung vor. „Die BayBG ist für uns ein idealer Partner bei dieser Art der Beteiligung. Sie ist ein Investor mit einem guten Ruf und ein einem guten Auge für die Unternehmen in der Region. Als wir uns mit der BayBG verständigt hatten, war es danach nicht mehr schwierig auch zusätzliche Geldgeber zu finden. Wenn man die BayBG als Investor gewinnen kann, dann ist es quasi wie in TÜV-Siegel“, erinnert sich Specka.

BayBG vom Erfolg überzeugt

Erwin Hängler, BayBG

Auch die BayBG, die neben Gremco im vergangenen Jahr erneut mehrere Unternehmensnachfolgen mit Beteiligungskapital begleitet und ermöglicht hat, zeigt sich sehr angetan und zufrieden mit dem Engagement: „Mit Simon Specka und Nikolas Langes übernimmt ein sehr erfahrenes Managementteam das Unternehmen“, erläutert Erwin Hägler, der als Senior Investment Manager seitens der BayBG die Transaktion begleitete. „Gremco ist ein großartiger, weltweit erfolgreicher Nischenspezialist. Unternehmen, Mitarbeiter, das MBI-Team und die BayBG passen bestens zusammen. Wir freuen uns, Gremco langfristig auf seinem weiteren Erfolgsweg begleiten und mit unserem Engagement zur stabilen weiteren Entwicklung des Unternehmens beitragen können.“

Expansion fest eingeplant

Für die kommenden Jahre haben sich Specka und Langes eine Menge vorgenommen – wie nicht anders zu erwarten. „Wir streben in den nachsten sieben Jahren eine Verdoppelung des Umsatzes an. Zehn Prozent Wachstum pro Jahr sind eine sportliche Hürde, aber wir trauen das uns und dem Team zu“, erklärt Specka. Der Markt für die Technologie von GREMCO wachse weiter. Die Aktivitäten in den USA wollen beide weiter ausbauen, derzeit gibt es dort eine Vertriebs-Dependance. Auch den asiatischen Raum haben beide für ihre Expansion im Visier. Schließlich bleiben auch die Augen offen, wenn es um eine mögliche Akquisition geht. „Vielleicht streben wir auch demnächst eine Übernahme an“, sagt Specka. Es bleibt also spannend bei GREMCO.


Kurzprofil Gremco GmbH

Gründungsjahr: 1990
Branche: Hightech-Verkabelungen
Unternehmenssitz: Augsburg, Bayern
Kunden:
Automotive, Medizintechnik, Luftfahrbranche
www.gremco.de

Diese Fallstudie ist erschienen in der Unternehmeredition 1/2021.