„Die Großen haben sich zu Lasten der Kleinen finanziert“ (Ausgabe 3/2010)

Interview mit Dr. Carsten Uthoff, Vorstandsvorsitzender, Creditreform AG

Der Creditrefom Wirtschaftsindikator untersucht regelmäßig die konjunkturelle Lage und die wirtschaftliche Situation von Unternehmen auf Basis der Creditreform-Wirtschaftsdatenbank in Kombination mit Unternehmensbefragungen
Der Creditrefom Wirtschaftsindikator untersucht regelmäßig die konjunkturelle Lage und die wirtschaftliche Situation von Unternehmen auf Basis der Creditreform-Wirtschaftsdatenbank in Kombination mit Unternehmensbefragungen. Im Interview spricht Dr. Carsten Uthoff, Vorstandsvorsitzender der Creditreform AG, über die Entwicklung der Insolvenzen, das aggressive Verhalten von Großunternehmen gegenüber dem Mittelstand im Working-Capital-Management sowie den richtigen Umgang mit Wirtschaftsauskunfteien.
Unternehmeredition: Herr Dr. Uthoff, wie wird sich Ihrer Meinung nach die Zahl der Insolvenzen und Restrukturierungsfälle in diesem Jahr entwickeln?
Uthoff: Die Zahl der Insolvenzen hat 2009 einen Höhepunkt in der Nachkriegsgeschichte erreicht. Wir erwarten im Laufe dieses Jahres einen weiteren Anstieg – im Vergleich zum Vorjahr um 10% auf 38.000 – als Spätfolge des Krisenjahres 2009. Denn viele Unternehmen haben 2009 ihre Eigenkapitaldecke sichtbar geschmälert und somit wenig Puffer. Man darf nicht vergessen, dass ein Aufschwung zunächst Liquidität erfordert: Das Working Capital muss aufgebaut werden, es sind Vorräte anzuschaffen, Umsätze sind zu finanzieren. Daher besteht durchaus die Gefahr, dass der Aufschwung für viele Unternehmen zu spät kommen kann. Er könnte daran ersticken, dass die Finanzierung nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung steht. Wir schätzen, dass die Zahl der Krisenunternehmen 2010 zunehmen wird. Nachdem 2009 besonders Großunternehmen Insolvenzantrag stellten, wird das Restrukturierungsjahr 2010 eher von kleineren und mittelgroßen Firmen geprägt sein.
Unternehmeredition: Nach Ihren Analysen sind im Krisenjahr 2009 gerade Konzerne und Großunternehmen eine aggressive Strategie im Working-Capital-Management gefahren. Wie hat sich das auf den Mittelstand ausgewirkt?
Uthoff
: Ja, Großunternehmen nutzen ihre dominante Stellung innerhalb des Wertschöpfungsprozesses aus, um von ihren Vorlieferanten lange Zahlungsziele zu erhalten – sie finanzieren sich im Grunde genommen zu deren Lasten. Zwar konnte auch der Mittelstand im vergangenen Jahr vielfach sein eigenes Working-Capital-Management gegenüber seinen Lieferanten verbessern. Aber den Kunden, gerade wenn es sich um Großunternehmen handelt, mussten längere Zahlungsziele eingeräumt werden. Hart formuliert könnte man sagen, die Großen haben sich zu Lasten der Kleinen finanziert.
Unternehmeredition: Wie entwickelt sich generell die Finanzierungssituation im Mittelstand? Rechnen Sie mit einer Kreditklemme?
Uthoff: Bereits im letzten Jahr hat sich die Finanzierung durch Banken merklich erschwert. Die Kreditinstitute haben Sicherheiten sowie Konditionen nachverhandelt und branchenbezogene Bereinigungen ihres Kreditportfolios durchgeführt. Nun sind die Bilanzen des Krisenjahres 2009 aufgestellt und werden den Banken zum Rating eingereicht werden. Vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Entwicklung 2009 ist davon auszugehen, dass viele Unternehmen eine deutliche Abwertung ihres Bilanz-Ratings erfahren werden. Etliche Banken haben schon angekündigt, dass sie weniger die vergangenheitsbezogenen Jahresabschlussdaten, sondern stärker qualitative Daten wie Strategie, Wettbewerbsposition, Führung, Innovationskraft, usw. im Unternehmensrating abbilden wollen. Trotzdem wird es im Grundsatz für die Unternehmen schwieriger, die notwendigen Linien 2010 zu erhalten. Dies gilt insbesondere für Firmen aus risikobehafteten Sektoren, wie etwa der Logistik, der Baubranche oder der Automobilzulieferindustrie. Wer dagegen Branchen angehört, die selbst im Krisenjahr 2009 robust waren, wie etwa Green Tech, hat weiterhin gute Chancen auf Fremdkapital. Erschwerend kommt hinzu, dass auch die Situation der Banken selbst angespannt ist. Der Interbankenmarkt ist praktisch ausgetrocknet; Banken haben derzeit nur geringe Möglichkeiten, ihr Eigenkapital zu erhöhen. Auf der einen Seite bleibt die Eigenkapitalsituation der Kreditgeber limitiert, auf der anderen Seite sind die bestehenden Kreditvergaben, bedingt durch Ratingabschläge der Kreditnehmer, mit einem höheren Eigenkapital zu hinterlegen. In diesem Spannungsfeld können die Banken nur restriktiv in der Kreditvergabe agieren.
Unternehmeredition: Wie hat sich dies auf die Erteilung von Wirtschaftsauskünften bei Creditreform ausgewirkt? Was sollten Unternehmen tun?
Uthoff: Mit 12 Mio. Abrufen aus unserer Datenbank konnten wir 2009 ein leichtes Wachstum erreichen. Einerseits haben Unternehmen, die in großem Maße Auskünfte von uns beziehen, etwa aus der Leasingbranche, ihr Geschäftsvolumen im letzten Jahr drastisch zurückgefahren. Andererseits konnten wir diesen Rückgang durch die höhere Unsicherheit in anderen Branchen kompensieren. Auskunftsabrufe sind in hohem Maße transaktionsabhängig, und in der Rezession geht die Zahl der Transaktionen zurück. Gleichzeitig nimmt die informatorische Unsicherheit zu und erhöht den Bedarf der Unternehmen, die Informationsasymmetrie zwischen Gläubiger und Schuldner durch eine Wirtschaftsauskunft zu schließen. Für Unternehmen ist es gerade in Krisenjahren oder zu Beginn des Aufschwungs wichtig, eine aktive Finanzkommunikation zu betreiben. Dies gilt nicht nur gegenüber den Banken, sondern auch gegenüber den Auskunfteien. Gerade die Bewertung von Creditreform als Marktführer in diesem Sektor ist eine wichtige Visitenkarte des Unternehmens gegenüber seinen Kunden, Lieferanten, Kreditversicherungen und Banken. Denn eine Vielzahl der Unternehmen setzt Creditreformauskünfte systematisch in ihrem Risikomanagement ein. Ich bin erstaunt, wie wenig Unternehmer das Gespräch mit Creditreform als festen Jahrestermin auf ihrer Agenda haben und damit Verbesserungspotenzial verschenken. Idealerweise sollten die Unternehmer vor Ort bei ihrem Creditreform-Büro eine Eigenauskunft anfordern, diese im Gespräch mit dem Analysten von Creditreform besprechen und zeigen, wie sich die aktuelle und künftige finanzielle Situation des Unternehmens darstellt. So kann der Unternehmer einen aktiven Beitrag leisten, wie seine Unternehmensbonität gegenüber Dritten mit berechtigtem Interesse dargestellt wird.

Unternehmeredition: Wie beurteilen Sie die weitere Konjunkturentwicklung in Deutschland?
Uthoff: Derzeit ist die Konjunktur noch schwach. Sie muss sich stabilisieren, um wirklich die Kraft für die deutsche Wirtschaft zu entfalten. Der wesentliche Treiber der deutschen Wirtschaft ist nach wie vor die Exportindustrie. Es gibt positive Signale wie das robuste Verhalten des Arbeitsmarktes. Aber wir verzeichnen auch Risiken: Die Situation im Bankensektor ist nach wie vor angespannt, neben den Immobilien- und Unternehmensrisiken kommen jetzt staatliche Risiken hinzu. Es droht die Gefahr von Staatsinsolvenzen im Euroraum. Die Frage stellt sich, wie die öffentlichen Haushalte nachhaltig konsolidiert werden können. Wichtig ist, dass die Konjunktur an Fahrt gewinnt, um Vertrauen zu schaffen. Hier ist die Politik gefordert, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen.

Unternehmeredition: Was ist Ihr wichtigster Rat an Unternehmer in Bezug auf ein kluges Krisenmanagement?
Uthoff: Kluges Krisenmanagement zeichnet sich besonders dadurch aus, sich Handlungsspielräume zu schaffen, bevor man in eine Krise hineinkommt – sowohl auf strategischer, operativer als auch auf finanzieller Ebene. Man muss laufend unterschiedliche Optionen prüfen, die man dann im Falle einer Krise ziehen kann. Häufig haben Unternehmen, die bereits in der Krise sind, dann keinen Raum mehr zum handeln.

Unternehmeredition: Herr Dr. Uthoff, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Markus Hofelich.
markus.hofelich@unternehmeredition.de

Zur Person: Dr. Carsten Uthoff, Vorstandsvorsitzender, Creditreform AG
Dr. Carsten Uthoff (c.uthoff@creditreform-ag.de) ist Vorstandsvorsitzender der Creditreform AG und Geschäftsführer des Verbandes der Vereine Creditreform e.V. Traditionell Wirtschaftsauskunftei und Inkasso-Dienstleister, ist Creditreform heute mit 130 Geschäftsstellen in Deutschland (europaweit 175) europäischer Marktführer für Dienstleistungen im Bereich Wirtschaftsinformationen und Forderungsmanagement. Mit 4.000 Mitarbeitern in Deutschland (Europa: 4.500) wird ein Umsatz von 472 Mio. EUR erzielt. www.creditreform.de

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