LAT wieder in ruhigerem Fahrwasser: Wesentlichen Anteil daran hatten Larissa Zeichhardt und Arabelle Laternser (v.l.)

Fünf Jahre ist es her, da retten die beiden Schwestern Larissa Zeichhardt und Arabelle Laternser das elterliche Unternehmen LAT in Berlin vor dem Aus. Heute unterstützen die beiden auch junge Start-ups und Gründer. VON TORSTEN HOLLER

Der Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg gilt als Hochburg der Start-ups. Doch mittendrin befindet sich die Firmenzentrale eines mittelständischen Familienbetriebs aus der Old Economy – die LAT Gruppe, die seit über 50 Jahren Funk- und Fernmeldeanlagen für Busse und Bahnen errichtet sowie die Infrastruktur bei der Deutschen Bahn und im öffentlichen Nahverkehr erneuert, hier vor allem Signale und Stellwerke. Die Mitarbeiter des Unternehmens rüsten Berlins Straßenbahnen und Busse mit elektronischen Streckenanzeigern, Videoüberwachungstechnik oder Fahrgast-WLAN aus. Das zur Firmengruppe gehörende Tiefbauunternehmen verlegt Lichtwellenleiter und Glasfaserkabel. In einem der Räume zeigt ein Entwickler das neueste Projekt des Unternehmens: die datenschutzkonforme Übertragung von Videodaten aus den öffentlichen Verkehrsmitteln.

Töchter mit unternehmerischen Genen

Die Unternehmensgruppe ist das Lebenswerk von Heinz Laternser, der nach abgeschlossener Ausbildung zum Fernmeldetechniker durch die Deutsche Bundespost 23-jährig mit seiner Unternehmertätigkeit begann. Im Laufe der Jahre wuchs das Unternehmen, das er schlicht mit den drei Anfangsbuchstaben seines Nachnamens versah, zu einem mittelständischen Betrieb mit über 100 Beschäftigten sowie zu einem Spezialanbieter von Funk- und Fernmeldeanlagen. Dabei belieferte LAT nicht nur den Verkehrssektor, sondern etwa auch Krankenhäuser (Schwesternrufsysteme) und Justizvollzugsanstalten (Sicherheitstechnik).

Zwei seiner vier Töchter bekamen die unternehmerischen und technischen Gene des Vaters etwas stärker mit in die Wiege gelegt: Tochter Larissa studierte Elektrotechnik, ihre jüngere Schwester Arabelle Betriebswirtschaft und Biologie. Während Arabelle bei einem britischen Bahnanlagenhersteller anheuerte und sich so für das elterliche Unternehmen qualifizierte, zog es Larissa zu einem großen Verpackungshersteller nach Zürich. Dort kümmerte sie sich um Innovationen und Digitalisierung. Im Rahmen der Familiencharta regelte Heinz Laternser die Nachfolge: Tochter Arabelle sollte das Familienunternehmen später einmal führen und langfristig dafür aufgebaut werden; zudem sollten alle Töchter Anteile am Unternehmen erhalten.

Nachfolge anders als geplant

Mitarbeiter montieren Weichensensoren: LAT stattet Berliner Nahverkehrsfahrzeuge und -anlagen mit zeitgemäßer Elektronik aus.

Doch vor fünf Jahren erschütterte ein Schicksalsschlag das Unternehmen: das unerwartete Ableben von Heinz Laternser. Tochter Arabelle musste sofort die Führung des väterlichen Unternehmens übernehmen. Ihre Schwester Larissa, damals gerade im Mutterschaftsurlaub, kam nach Berlin, um sie bei diesem schwierigen Prozess zu unterstützen. „Unser Vater war wie eine Art Patriarch und hatte vieles per Handschlag geregelt. Plötzlich waren da zwei Frauen von Anfang 30, die jetzt die Führung innehatten“, erinnert sich Larissa Zeichhardt. „Das war eine schlagartige Veränderung für alle Beteiligten.“ Und obwohl sie anfangs nur ihrer Schwester helfen wollte, fand sie Gefallen daran, das Familienunternehmen in die Zukunft zu führen. „Ich habe dann meine Schwester gefragt, ob ich bleiben darf“, erinnert sie sich mit einem Schmunzeln zurück. „Ich fand die Branche der Verkehrstechnik wahnsinnig herausfordernd.“ Die Aufgaben zwischen den beiden sind klar verteilt: Während Larissa Zeichhardt das Unternehmen nach außen repräsentiert, verbleibt Arabelle Laternser im Hintergrund und hält intern die Zügel in der Hand.

Inzwischen haben die beiden Schwestern das Unternehmen wieder in ein ruhiges Fahrwasser geführt. Das lässt jetzt den Freiraum, das Lebenswerk des Firmengründers in die digitale Zukunft zu führen. Mit der Neustrukturierung des Familienerbes wurde auch ein Family Office gegründet. Hier beteiligen sich die Familienmitglieder an interessanten Start-ups, wie etwa Lindera, wo man als strategischer Investor eingestiegen ist. Das junge Start-up, das im selben Bezirk wie LAT sitzt, hat eine App entwickelt, die mithilfe von künstlicher Intelligenz die Sturzgefahr von Senioren senken kann. Larissa Zeichhardt: „LAT setzte schon immer auf technische Hilfsmittel, die den Krankenhausalltag erleichtern. Besonders im Bereich KI tut sich sehr viel. Diese technischen Quantensprünge könnten wir intern alleine nicht leisten.“ Mit dem Engagement beim Start-up-Wettbewerb Startup Teens, einer Onlineplattform, die Jugendliche zu Unternehmern ausbilden will, spielen die beiden Schwestern nicht nur beim Konzert der Schwergewichte der Start-up-Branche mit und holen sich auf diese Weise neue Inspirationen für die Digitalisierung des Unternehmens, sondern geben darüber hinaus im Rahmen eines Mentoringprogramms ihre unternehmerischen Erfahrungen an 14- bis 19-Jährige weiter.

 

Interview mit Larissa Zeichhardt, Geschäftsführerin LAT-Gruppe

Unternehmeredition: Trotz einer geklärten Nachfolgeregelung mussten Sie nach dem plötzlichen Tod des Vaters mit dem Unternehmen in den Krisenmodus schalten.

Larissa Zeichhardt, Geschäftsführerin LAT-Gruppe

Zeichhardt: Wenn von einem Tag auf den anderen der Inhaber nicht mehr da ist, müssen schnell die entsprechenden Schritte eingeleitet werden, damit das Unternehmen nicht ins Bodenlose fällt. Wir brauchten schlicht einen Notfallplan für die ersten 90 Tage.

Wie sind Sie konkret vorgegangen?

In den ersten 30 Tagen ging es darum, das Vertrauen bei den Mitarbeitern, den Kunden und den Banken zu erhalten. Das heißt, klare Ansagen zu machen, in wessen Händen jetzt die Leitung des Unternehmens liegt, und die Zahlung der Löhne zu sichern. In den darauffolgenden 60 Tagen ging es darum, die rechtlichen Rahmenbedingungen neu zu justieren und die Liquidität für die kommenden drei Jahre sicherzustellen – denn es wurde beispielsweise die Erbschaftsteuer fällig, obwohl einige der erforderlichen Dokumente von Ämtern und Behörden erst nach sechs bis elf Monaten vorlagen.

Wer hat Ihnen in diesem schwierigen Prozess dabei am meisten geholfen?

Unheimlich profitiert haben wir davon, neben internen und externen Beratern eine Familienpsychologin in diesen Prozess einzubeziehen und die Erbengemeinschaft auf das gemeinsame Ziel, den Erhalt des Unternehmens, zu fokussieren. Denn viele, auch namhafte Unternehmen sind daran zugrunde gegangen, dass sich die Erben hinterher zerstritten haben.


Kurzprofil LAT-Gruppe

Gründung: 1969
Firmensitz: Berlin
Beschäftigte: 130
Umsatz 2019: rund 20 Mio. EUR
Internet: www.lat.de