Prof. Dr. Anton Kathrein, IHK für München und Oberbayern: Expansion nach Indien und China (Ausgabe 5/2008)

Die Weltwirtschaft und mit ihr die deutschen Unternehmen erlebten in den letzten Jahren eine tektonische Verschiebung von bisher nicht gekanntem Ausmaß. Asien entwickelt sich dabei mehr und mehr zum neuen Gravitationszentrum der Weltwirt-schaft, das neben den USA und der EU zu einem neuen Global Partner avanciert.

Steigender Wettbewerbsdruck
Während der traditionelle Technologiestandort Japan seit einigen Jahren Schwäche zeigt, hat das globale Gewicht von China und Indien massiv zugenommen. Schon in diesem Jahr wird China voraussichtlich Deutschland als Export-Weltmeister ablösen. Indien wird nach Einschätzung vieler Fachleute bis zum Jahr 2020 weltweit zur drittgrößten Volkswirtschaft aufsteigen. China und Indien gewinnen aber nicht nur als Absatzmärkte, sondern auch als Standorte für Produktion, Dienstleistungen, Forschung und Entwicklung zunehmend an Bedeutung. Die Barrieren für den weltweiten Austausch von Gütern, Dienstleistungen und Ideen sind weitgehend abgebaut. Mit dem Wachstum auf den neuen Absatzmärkten entstehen gleichzeitig aber auch neue Konkurrenten, die von China und Indien aus nach Deutschland exportieren und den Wettbewerb auf dem Heimatmarkt verschärfen. Um in diesem harten Wettbewerb zu bestehen, gilt es, gerade für mittelständische Unternehmen, die eigene Produktivität dauerhaft und kontinuierlich zu steigern und bei schlanken Strukturen die eigenen Produkte kontinuierlich zu verbessern.

Perspektiven in Indien
Für mittelständische deutsche Unternehmen bietet die positive wirtschaftliche Entwicklung und die Aufbruchstimmung in Indien und China viele Möglichkeiten und Perspektiven: Ein großes Reservoir an hochqualifizierten Arbeitskräften, eine wachsende konsumorientierte Mittelschicht, ein großer Nachholbedarf beim Ausbau der Infrastruktur und geringe Produktionskosten machen sowohl Indien wie auch China für deutsche Mittelständler interessant. In Indien ist es vor allem der IT- und Dienstleistungsbereich sowie der Infrastrukturbereich, der mittelständischen Unternehmen zahlreiche Perspektiven bietet: Ein Beispiel dafür ist der Ausbau der indischen Infrastruktur. So sieht der neueste Fünfjahresplan vor, bis zum Jahr 2012 450 Mrd. USD in den Umbau und die Modernisierung der indischen Infrastruktur zu investieren. Für deutsche Mittelständler aus den Bereichen Maschinen- und Anlagenbau, Elektronik und Elektrotechnik, Mobilfunk, Umwelttechnologie und energieeffiziente Technologien bietet sich hier ein zukunftsträchtiges Betätigungsfeld. Aber auch im Bereich der Automobilindustrie, der chemischen Industrie und im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie bieten sich beste Chancen. Dies gilt für den Export deutscher Technologie ebenso wie für die Entwicklung von neuen Produkten gemeinsam mit indischen Ingenieuren.

Chancen in China
Auch das Reich der Mitte bietet für den deutschen Mittelständler mit seinen stetig wachsenden Märkten und einem Potenzial von fast 1,3 Mrd. Menschen zahlreiche Chancen und Perspektiven. Kein anderes Land der Welt hat in den letzten Jahren einen derart rasanten wirtschaftlichen Aufschwung genommen und steht als Auslandsmarkt und Investitionsstandort derart im Mittelpunkt des globalen Wirtschaftsinteresses. Inzwischen hat sich China zur Werkbank der Welt entwickelt. Etwa 50% aller Kameras, 40% aller Textilien, 30% aller Fernsehgeräte, Elektro- und Haushaltsgeräte, die auf dem Weltmarkt verkauft werden, stammen aus dem Reich der Mitte. Tendenz weiter steigend. Zur Modernisierung der eigenen Volkswirtschaft und zur Bekämpfung der massiven Umweltzerstörung ist China auch in Zukunft in hohem Maße auf den Import hochwertiger westlicher Technologie angewiesen. Mit einem bilateralen Außenhandelsvolumen von fast 100 Mrd. Euro ist Deutschland inzwischen der größte Außenhandelspartner Chinas innerhalb der EU. Darüber hinaus haben deutsche Unternehmen, viele davon aus dem Mittelstand, in den letzten Jahren fast 15 Mrd. Euro in China investiert. Für deutsche Firmen spricht auch, dass „Made in Germany“ in China, ähnlich wie auch in Indien, als ein Garant für hochwertige Ware gilt.

Markteinstieg gut vorbereiten
Natürlich sollte der Markteinstieg gut vorbereitet sein. Indien und China sind nicht nur zwei sehr schnell wachsende und aussichtsreiche, sondern auch nicht ganz einfache Märkte mit vielen Besonderheiten und Herausforderungen, die gerade mittelständische Unternehmen immer wieder vor erhebliche Probleme stellen. Dazu zählen in beiden Ländern eine schwierige Suche nach zuverlässigen Vertriebspartnern und qualifiziertem Personal, ein nicht einfacher Umgang mit der Bürokratie sowie sehr häufige Personalwechsel – Loyalität ist ein Fremdwort. Hinzu kommt gerade in China ein völlig unzureichender Schutz von geistigem Eigentum und das hemmungslose Kopieren von ausländischen Produkten hin bis zu echten „Klon“-Produkten, während in Indien von westlichen Geschäftsleuten immer wieder die allzu positive, euphorische indische Geschäftsmentalität unterschätzt wird.

Autorenprofil

Prof. Dr. Dr. h.c. Anton Kathrein (ihkmail@muenchen.ihk.de) ist Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern sowie persönlich haftender, geschäftsführender Gesellschafter der Kathrein-Werke KG. Der weltweit älteste und größte Antennenhersteller beschäftigt weltweit in 14 Produktionsstätten und 58 Tochter- und Beteiligungsgesellschaften über 6.500 Mitarbeiter. 2007 erwirtschaftete er einen Umsatz in Höhe von 1,3 Mrd. Euro. www.ihk-muenchen.de

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