Rettungsquoten bei Großinsolvenzen sinken drastisch

Insolvenz
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Die Überlebenschancen für insolvente Großunternehmen in Deutschland haben sich in den vergangenen fünf Jahren fast halbiert. Nach einer aktuellen Insolvenzanalyse der Transformationsberatung Falkensteg sank die sogenannte Rettungsquote bei Betrieben mit mehr als 10 Mio. EUR Jahresumsatz von 57% im Antragsjahr 2020 auf nur noch 32.1% im Jahr 2025. Das bedeutet, dass inzwischen fast zwei Drittel aller Verfahren in einer Schließung enden. Laut der Untersuchung betrifft die Entwicklung besonders den Maschinenbau und die Metallwarenhersteller. Im Maschinenbau brach die Quote von 73.1% im Jahr 2022 auf nunmehr 41% im Jahr 2025 ein. Bei den Metallwarenherstellern verharrt der Wert trotz eines leichten Anstiegs auf 29.9% auf einem sehr niedrigen Niveau. Die Beratungsgesellschaft analysiert in ihrer Auswertung ausschließlich Unternehmen, die die Umsatzgrenze von 10 Mio. EUR überschreiten. Als gerettet gelten dabei Betriebe, die bis zur Jahresmitte des Folgejahres an einen Investor veräußert oder per Insolvenzplan fortgeführt wurden.

Strikte Risikobewertung durch Investoren

Nach Angaben der Restrukturierungsexperten folgen die aktuellen Zahlen einem klaren Muster im Markt für Übernahmen. Potenzielle Erwerber sortieren notleidende Betriebe heute wesentlich schärfer aus als noch vor einigen Jahren. Eine Fortführung ist laut dem Bericht kein Selbstzweck mehr, sondern stets das Ergebnis einer strikten betriebswirtschaftlichen Risikoabwägung. Spätere Nachbesserungen nach einer Übernahme sind für Investoren meist viel zu teuer oder im normalen Wettbewerb kaum noch realisierbar. „Die höhere Quote bei den Metallwarenherstellern ist keine Entwarnung, und der Rückgang im Maschinenbau ist kein Ausrutscher“, sagt Sebastian Wilde, Partner bei Falkensteg. Nach seiner Einschätzung unterscheidet der Markt heute sehr genau, welches Geschäftsmodell überhaupt noch eine Zukunft besitzt. Strukturell überflüssig gewordene Kapazitäten werden von niemandem mehr übernommen. Als Hauptursache für den Rückgang der Rettungsquoten gilt demnach nicht nur die konjunkturelle Schwächephase, sondern vor allem der fortschreitende Strukturwandel in den klassischen Industriebereichen.

Unterschiede bei Vermögenswerten

Dass der Maschinenbau trotz der sinkenden Tendenz noch vergleichsweise häufiger saniert wird, liegt nach Angaben der Analysten an der Art der Vermögenswerte. Im Maschinenbau erwerben Käufer mobilen und übertragbaren Wert wie Patente, Konstruktionsdaten, eingespielte Kundenstämme sowie das Service- und Ersatzteilgeschäft. Diese lassen sich per Asset Deal unkompliziert herauslösen und notfalls an andere Standorte verlagern. Bei den Metallwarenherstellern ist das Vermögen hingegen meist in schwer beweglichen, kapitalintensiven Anlagen und den Immobilien gebunden. Schmelz- und Gießlinien sind kaum transportfähig und besitzen oft nur am bestehenden Ort einen echten Wert. Hinzu kommen erhebliche Boden- und Umweltrisiken sowie hohe laufende Fixkosten während des Verfahrens. „Die Rettungsquote wird damit zum Seismografen des Strukturwandels“, sagt Sebastian Wilde. Wo Technologie, Kundenbasis und Kostenstruktur stimmen, bleiben Fortführungen möglich. Wo hingegen die industrielle Logik fehlt, trennt der Markt laut dem Experten härter denn je.

Neue Anforderungen an Insolvenzverwalter

Die veränderten Marktbedingungen wandeln nach Einschätzung der Transformationsberater auch das Berufsbild der Insolvenzverwalter grundlegend. Die durchschnittliche Verfahrensdauer stieg von 151 Tagen im Jahr 2018 auf 200 Tage im Jahr 2025. Eine bloße Verwaltung der Insolvenzmasse reicht heute nicht mehr aus. Gefragt ist stattdessen ein aktives, operatives Eingreifen in das Geschäftsmodell, die Kostenstruktur und die Kapazitäten während des laufenden Sanierungsprozesses. Früher wurden solche Einschnitte oft erst nach dem Verkauf durch den Erwerber vorgenommen. Die Bereitschaft von Investoren zur Übernahme notleidender Firmen hat jedoch in den vergangenen zwei Jahren spürbar nachgelassen. Höhere Finanzierungskosten, geopolitische Unsicherheiten und schwache Marktaussichten dämpfen das Interesse deutlich. „Der Verwalter muss das Unternehmen aktiv auf einen Erwerber zuschneiden, nicht verwertbare Teile abrennen und dann den überlebensfähigen Kern verkaufen“, sagt Jonas Eckhardt, Partner bei Falkensteg.

Standortnachteile belasten deutsche Betriebe

Verstärkt wird die Auslese laut der Analyse durch gravierende Probleme am Wirtschaftsstandort Deutschland. Das Land verzeichnete im Jahr 2025 mit 548 ausländischen Direktinvestitionsprojekten das achte Minusjahr in Folge. Dies ist der tiefste Wert seit dem Jahr 2009. Zu den bekannten Gründen zählen hohe Industriestrompreise, die Steuerbelastung und die ausufernde Bürokratie. Vor allem fehlt es vielen Betrieben im internationalen Vergleich an der nötigen Rendite. Die EBIT-Marge deutscher Maschinenbauer liegt rund sieben Prozentpunkte unter derjenigen der US-Konkurrenz. Nach dem dritten Rezessionsjahr in Folge erwartet der Branchenverband VDMA für das laufende Jahr ein Nullwachstum. Die Kapazitätsauslastung fiel im April des Jahres auf 77.8%. „Niemand investiert in Kapazität, die schon jetzt brachliegt“, so Sebastian Wilde.

Anstieg der Insolvenzen in der Breite

Die Zahl der Insolvenzanträge steigt unterdessen in der Breite weiter an. Im ersten Halbjahr des Jahres verzeichnete Falkensteg 22 Anträge im Maschinenbau und 27 Anträge bei den Metallwarenherstellern. Ein vorübergehender Rückgang bei den Großinsolvenzen im ersten Quartal gilt laut den Experten nur als kurze Atempause. Für das gesamte Jahr wird eine Seitwärtsbewegung der Großinsolvenzen auf rund 450 Fälle prognostiziert. Zu den größten Belastungen für den Mittelstand zählen weiterhin hohe Energiepreise, das Arbeitskostenniveau und drohende Lieferkettenstörungen. Ein latentes Risiko bleibt zudem die Abhängigkeit des Maschinenbaus vom US-Exportmarkt.

Autorenprofil

Als Redakteur der Unternehmeredition berichtet Alexander Görbing regelmäßig über Unternehmen und das Wirtschaftsgeschehen. Zu seinen Schwerpunkten gehören Restrukturierungen, Insolvenzen, M&A-Prozesse, Finanzierungen und Unternehmensnachfolgen.

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