Der deutsche Mittelstand steht 2025 an einem Wendepunkt: Zwischen geopolitischen Unsicherheiten, verschärfter ESG-Regulatorik und steigenden Erwartungen von Kunden, Kapitalgebern und Mitarbeitenden wächst der Druck auf Familienunternehmen, Verantwortung messbar zu machen. Doch darin liegt auch eine Chance: Wer Nachhaltigkeit als Motor statt Pflicht versteht, kann seine Wettbewerbsposition stärken. Die von der Funk Stiftung, ESG.DNA, der Knöll Finanzierungsberatung für Familienunternehmen, REM Capital und Weissman & Cie. geförderte ReSTAINABILITY-Studie 2025 zeigt, dass strategisch nachhaltig agierende Familienunternehmen nicht nur resilienter und transparenter sind, sondern auch höhere Margen, bessere Finanzierungskonditionen und neue Umsatzpotenziale erzielen.
ReSTAINABILITY ist eine Wortschöpfung aus Responsibility und Sustainability und beschreibt dabei nicht lediglich die Kombination zweier Modebegriffe, sondern ein konsistentes Managementkonzept. Es geht darum, ökologisches und soziales Handeln nicht als isolierte CSR-Maßnahme, sondern als integralen Bestandteil der Unternehmensstrategie, der Organisationsstruktur, der Technologieentwicklung und der Unternehmenskultur zu begreifen.
Methodik: Wie Nachhaltigkeit messbar wird
Zur Messung der Wirkung von ReSTAINABILITY wurde ein Forschungsdesign mit wissenschaftlicher Fundierung und Praxisnähe entwickelt. In die Untersuchung flossen Interviews mit 187 C-Level-Entscheidern aus 60 deutschen Familienunternehmen ein, durchgeführt im Sommer 2024. Ziel war es, den Reifegrad der Nachhaltigkeitsverankerung systematisch zu erfassen.
Die Befragung orientierte sich an vier zentralen Stellhebeln: Strategie, Organisation, Technologie und Unternehmenskultur. Für jeden dieser Bereiche wurden Kriterien definiert und in Anlehnung an ein Reifegradmodell bewertet. Der Skalenansatz reichte von „noch nicht verwirklicht“ über „in der Umsetzung“ bis hin zu „verwirklicht und profitabel“. Dadurch wurde deutlich, ob Nachhaltigkeit lediglich als Ziel formuliert, bereits praktisch umgesetzt oder sogar als messbarer Wettbewerbsvorteil genutzt wird.
Praxisbeispiele und Studienergebnisse: Nachhaltigkeit zahlt sich aus
Die Untersuchungsergebnisse belegen, dass Nachhaltigkeit mehr ist als eine moralische Haltung. Sie wirkt sich unmittelbar auf den Geschäftserfolg aus. Unternehmen, die ReSTAINABILITY konsequent verankern, berichten von spürbaren finanziellen Vorteilen. Dazu zählen eine Senkung der Kapitalkosten, eine verbesserte Risikoeinschätzung durch Banken und Investoren sowie die Erschließung neuer Zielgruppen, die Produkte und Dienstleistungen zunehmend nach Nachhaltigkeitskriterien auswählen.
Ein anschauliches Beispiel liefert UVEX. Das Familienunternehmen mit über 3.000 Mitarbeitenden und einem Umsatz von rund 655 Mio. EUR ist international für seine Schutz- und Sicherheitsausrüstungen bekannt. Mit seinem Leitmotiv „Protecting People“ verknüpft UVEX die Kernwertschöpfung – nämlich die Entwicklung und Fertigung von Schutzausrüstung – direkt mit ökologischer Verantwortung. Durch die systematische Reduktion des CO₂-Fußabdrucks, die Förderung von Kreislaufwirtschaft und ein striktes Schadstoffmanagement entsteht ein Innovationsvorteil: Kunden honorieren nicht nur die hohe Produktqualität, sondern auch die Nachhaltigkeit in der gesamten Liefer- und Produktionskette.
Auch das Bauunternehmen Brüninghoff zeigt, wie ReSTAINABILITY in der Wertschöpfungskette ansetzt. Mit 700 Mitarbeitenden und einem Umsatz von etwa 180 Mio. EUR entwickelt das Unternehmen innovative Lösungen im Industrie- und Gewerbebau. Besonders hervorzuheben sind CO₂-reduzierte Betonsorten und rückbaufähige Konstruktionen, die Gebäude zu zukünftigen Materiallagern machen. Diese technologische Transformation reduziert nicht nur negative Umweltauswirkungen, sondern schafft für Bauherren einen klaren Mehrwert.
Der mittelständische Maschinenbauer FATH mit rund 500 Mitarbeitenden und einem Umsatz von über 100 Mio. EUR entwickelt technische Komponenten für den Maschinen- und Anlagenbau. Nachhaltigkeit ist hier nicht Nebeneffekt, sondern integraler Bestandteil des Geschäftsmodells. Effizienzsteigerungen in der Produktion führen zu Ressourcenschonung, während gesellschaftliche Verantwortung – etwa durch Ausbildungsinitiativen – die Arbeitgebermarke stärkt.
Die Hoffmann Group, ein Werkzeughändler mit rund 4.000 Mitarbeitenden und einem Umsatz von über 1,4 Mrd. EUR, belegt, dass ReSTAINABILITY in reifen Märkten entscheidend sein kann. Als Anbieter von Werkzeugen und Werkstattbedarf integriert Hoffmann Nachhaltigkeit direkt in die Unternehmenskultur – vom verantwortungsvollen Umgang mit Rohstoffen bis zu transparenten Lieferketten.
Ein überzeugendes Beispiel stellt zudem die Siegenia-Aubi KG dar, die als Gesamtsieger der ReSTAINABILITY-Studie 2024 hervorgegangen ist. Mit rund 2.900 Mitarbeitenden und einem Jahresumsatz von ca. 465 Mio. EUR gehört das Familienunternehmen zu den führenden Anbietern im Maschinenbau, der Lüftungs- und Fenstertechnik. Siegenia überzeugte in allen vier untersuchten Dimensionen und erreichte höchste Reifegrade in den Bereichen Organisation und Technologie. So setzt das Unternehmen auf innovative Lüftungs- und Fenstertechnologien, die nicht nur den Energieverbrauch reduzieren, sondern auch die Luftqualität in Gebäuden verbessern.
Gemeinsame Erfolgsfaktoren nachhaltiger Unternehmen
Die Beispiele von UVEX, Brüninghoff, FATH, der Hoffmann Group und Siegenia-Aubi verdeutlichen, dass ReSTAINABILITY in sehr unterschiedlichen Branchen entlang der gesamten Wertschöpfungskette Mehrwerte schafft – von der Produktentwicklung über Produktionsprozesse bis hin zu Unternehmenskultur und Lieferketten. Gemeinsam ist diesen Unternehmen, dass sie Nachhaltigkeit nicht als Zusatz, sondern als strategischen Bestandteil ihres Geschäftsmodells begreifen. Die positiven Effekte reichen von geringeren Kapitalkosten und höherer Effizienz über neue Kunden- und Marktchancen, eine hohe Arbeitgeber-Attraktivität bis hin zu gestärkter Resilienz gegenüber Krisen. Für andere mittelständische Unternehmen ergibt sich daraus eine klare Handlungsperspektive: Wer Nachhaltigkeit konsequent in Strategie, Organisation, Technologie und Kultur integriert, kann nicht nur regulatorische Anforderungen souverän erfüllen, sondern vor allem einen schwer imitierbaren Wettbewerbsvorteil aufbauen, der langfristig Wachstum und Zukunftsfähigkeit sichert.
ReSTAINABILITY als Triebfeder des Risikomanagements
Für CFOs und Risikomanager ist besonders relevant, dass Nachhaltigkeit und Risikosteuerung Hand in Hand gehen. Unternehmen mit hoher ReSTAINABILITY-Reife werden von Märkten als stabiler und weniger riskant bewertet. Dies schlägt sich in günstigeren Finanzierungskonditionen nieder und stärkt die Attraktivität für Investoren.

ReSTAINABILITY deckt eine Vielzahl von Risikodimensionen ab. Ökologische Risiken wie Rohstoffknappheit, Klimawandel und Lieferketteninstabilität werden durch Kreislaufwirtschaft, Diversifizierung und Energieeffizienzmaßnahmen entschärft. Soziale Risiken wie Fachkräftemangel, Reputationsschäden oder Compliance-Verstöße werden durch werteorientierte Unternehmenskultur, transparente Kommunikation und konsequentes Stakeholder-Management reduziert. Finanzielle Risiken, die aus den vorgenannten Risikoarten sowie ESG-Vorgaben und regulatorischem Druck entstehen, werden durch die Integration in die Risikomanagement-Prozesse und eine proaktive Berichterstattung frühzeitig adressiert.
Nachhaltigkeit ist somit kein „weiches“ Thema, sondern ein elementarer Bestandteil eines modernen, professionellen Risikomanagements. Sie senkt Versicherungskosten, verringert Rückstellungen und reduziert den Risikoaufschlag bei Finanzierungen. Gleichzeitig erhöht sie die Resilienz gegenüber externen Schocks.
Nachhaltigkeitsberichterstattung und das EU-Omnibus-Verfahren
Die Pflicht zur Nachhaltigkeitsberichterstattung nach CSRD wird von vielen Mittelständlern zunächst als bürokratische Belastung wahrgenommen. Doch die Realität zeigt: Berichte sind nicht nur Pflicht, sondern können echten Mehrwert stiften. Sie machen die ESG-Performance transparent, ermöglichen eine frühzeitige Risikoerkennung und dienen als Grundlage für strategische Investitionen.
Mit dem Omnibus-Verfahren verfolgt die EU das Ziel, Berichtspflichten zu verschlanken und besser aufeinander abzustimmen. Angehobene Schwellenwerte zur Betroffenheit der Unternehmen, die Verschiebung der Erstanwendung, eine deutlich reduzierte Anzahl von Datenpunkten und vereinfachte Inhalte sollen die Belastung für kleinere Unternehmen reduzieren. Doch darf dies nicht dazu verleiten, Nachhaltigkeitsberichte nur als lästige Pflicht zu sehen. Im Gegenteil, die Erleichterungen sollten einen zusätzlichen Anreiz bieten, sie als strategisches Instrument für Steuerung und Effizienzsteigerung zu begreifen.
VSME-Standard: Einstieg in freiwillige, aber wirkungsvolle Berichterstattung
Neben der CSRD, die insbesondere für größere Unternehmen verbindlich ist, hat die EU mit dem VSME-Standard (Voluntary Sustainability Reporting Standard for non-listed SMEs) einen pragmatischen Ansatz für kleinere und mittlere Unternehmen geschaffen. Dieser freiwillige Berichtsrahmen reduziert die Komplexität der CSRD erheblich und ermöglicht es Mittelständlern, ihre Nachhaltigkeitsaktivitäten strukturiert, aber mit deutlich geringerem Aufwand darzustellen. Damit können auch nicht berichtspflichtige Unternehmen Transparenz gegenüber Banken, Investoren und Geschäftspartnern schaffen – und so ähnliche Vorteile realisieren wie größere Player: bessere Finanzierungskonditionen, gestärkte Kundenbeziehungen und Zugang zu nachhaltigkeitsorientierten Märkten. Für viele Mittelständler kann der VSME damit ein sinnvoller Einstieg sein, um ReSTAINABILITY messbar zu machen und zugleich strategisch in Richtung einer späteren, umfassenderen Berichterstattung zu wachsen.
Transparenz schafft Vertrauen – und finanzielle Vorteile
Nachhaltigkeitsberichte liefern sowohl direkte als auch indirekte finanzielle Vorteile. Sie können die Kapitalkosten substanziell senken, indem sie Banken und Investoren valide Informationen zur Risiko- und Chancenbewertung liefern. Sie steigern die Effizienz, weil sie Transparenz über Energie- und Ressourcennutzung schaffen und Optimierungspotenziale sichtbar machen. Sie erhöhen die Wettbewerbsfähigkeit, weil sie Nachweise liefern, die im Wettbewerb um Kunden, Ausschreibungen und Lieferkettenbeziehungen entscheidend sein können. Und sie stärken die Innovationskraft, indem sie interne Diskussionen anregen und neue Geschäftsfelder eröffnen.
Ausblick: Quick-Wins und langfristige Perspektiven
Die ReSTAINABILITY-Studie zeigt eindrucksvoll, dass Nachhaltigkeit für Familienunternehmen kein Zusatz, sondern ein strategischer Erfolgsfaktor ist. Für CFOs, Risikomanager und Nachhaltigkeitsverantwortliche bedeutet dies, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, aktiv zu werden. Kurzfristige Maßnahmen wie die Integration von ESG-Daten in das Controlling, die Durchführung von Wesentlichkeitsanalysen oder Pilotprojekte zur CO₂-Reduktion können den Einstieg erleichtern. Mittel- bis langfristig jedoch gilt es, Nachhaltigkeit in allen Dimensionen der Wertschöpfungskette zu verankern und so einen schwer imitierbaren Wettbewerbsvorteil aufzubauen.
Wer heute in ReSTAINABILITY investiert, stärkt nicht nur seine Resilienz, sondern sichert sich den Zugang zu Kapital, Talenten und Märkten von morgen. Die Transformation ist komplex, aber sie bietet die einmalige Chance, ökonomische Stärke, ökologische Verantwortung und soziale Stabilität zu vereinen. Damit wird ReSTAINABILITY zum entscheidenden Motor der nächsten Wachstumsphase im deutschen Mittelstand.




