„Nachfolge braucht Perspektive“

Interview mit Johanna Antonie Tjaden-Schulte, Vorständin, NRW.Bank

Foto: © Juell - Adobe Stock

Hunderttausende mittelständische Unternehmen stehen in den kommenden Jahren vor einer Übergabe. Doch Nachfolge ist längst mehr als die Finanzierung eines Kaufpreises – es geht um Bewertung, Kapitalstruktur, Investitionsfähigkeit und strategische Weiterentwicklung. Johanna Antonie Tjaden-Schulte, Vorständin der NRW.Bank, erläutert im Interview, wo Finanzierungshürden liegen, wie öffentliche Förderung Nachfolgelösungen unterstützen und warum Transaktion und Transformation zusammen gedacht werden müssen.

Unternehmeredition: Wie ordnet die NRW.Bank die aktuelle Nachfolgesituation im deutschen Mittelstand ein?

Johanna Antonie Tjaden-Schulte: Bis 2029 werden laut KfW Research über 500.000 mittelständische Unternehmen eine Nachfolge suchen, vor allem aufgrund des demografischen Wandels. Gleichzeitig ist die Zahl geeigneter Nachfolgerinnen und Nachfolger begrenzt. Noch immer wird die Übergabe häufig zu spät angegangen, während Investitionen zurückgestellt werden. Dabei ist Nachfolge eine strategische Zukunftsentscheidung. Wer rechtzeitig investiert, stärkt die eigene Marktposition und erhöht die Chancen auf eine erfolgreiche Übergabe.

Welche Förderlogik verfolgt die NRW.Bank bei Nachfolgen? Und worauf kommt es dabei besonders an?
Eine Übernahme ist nur dann nachhaltig tragfähig, wenn nicht der gesamte finanzielle Spielraum in den Kaufpreis fließt. Entscheidend ist, dass das Unternehmen auch nach der Transaktion investitionsfähig bleibt. Mit unserer Förderung zielen wir deshalb darauf ab, dass Unternehmen auch nach der Übernahme weiter in Transformation, Digitalisierung und strategische Weiterentwicklung investieren können.

Welche Instrumente kommen bei der Finanzierung einer Nachfolge typischerweise zum Einsatz?

Häufig handelt es sich um Förderdarlehen, die über die Hausbank beantragt werden. Je nach Größe und Struktur der Transaktion können auch Mezzaninekapital oder direkte Minderheitsbeteiligungen zum Tragen kommen. Das hängt stark vom Geschäftsmodell, der Wettbewerbsposition und der strategischen Weiterentwicklung des Unternehmens ab. Ziel ist stets eine Finanzierung, die Stabilität und Zukunft schafft.

Viele Nachfolger verfügen nur über begrenzte Eigenmittel. Wie kann hier öffentliche Förderung ansetzen?

Wichtig ist eine tragfähige und gemeinsam mit der Hausbank entwickelte Finanzierungsstruktur. Instrumente wie Haftungsfreistellungen, Minderheitsbeteiligungen oder eigenkapitalähnliche Finanzierungen von Förderbanken können dazu beitragen, Finanzierungslücken zu schließen. Wichtig bleibt jedoch: Öffentliche Förderung ersetzt weder ein tragfähiges Geschäftsmodell noch eine solide Planung.

Welche Rolle spielt die Transformation im Zusammenhang mit Nachfolgefinanzierungen?

Nachfolgen fallen häufig in Phasen größerer strategischer Weichenstellungen, etwa mit Blick auf Transformation. Wichtig ist, dass in den Unternehmen vor und nach einer Übergabe kein Investitionsstau entsteht. Aus Finanzierungssicht ist deshalb wichtig, Transaktions- und Investitionsbedarf gemeinsam zu betrachten und entsprechende Reserven einzuplanen.

Wo sehen Sie in der Praxis die größten Finanzierungshürden bei Unternehmensnachfolgen?

Typisch sind Bewertungsdifferenzen zwischen Verkäufer- und Käuferseite, eine zu optimistische Ertragsplanung oder eine zu knappe Eigenkapitalbasis. Zudem wird der Kapitalbedarf für die Zeit nach der Übernahme häufig unterschätzt. Eine realistische und vorausschauende Strukturierung der Finanzierung ist deshalb entscheidend. Förderbanken wie die NRW.Bank vertreten dabei einen neutralen Blick.

Liebe Frau Tjaden-Schulte, wir danken Ihnen für das interessante Gespräch!

👉 Dieser Beitrag erscheint auch in der nächsten Magazinausgabe der Unternehmeredition 1-2026.


 

ZUR INTERVIEWPARTNERIN

Foto: © NRW.Bank

Johanna Antonie Tjaden-Schulte ist Vorständin der NRW.Bank mit der Zuständigkeit für Vertrieb und Förderstrategie. Neben der transformatorischen Förderung von mittelständischen Unternehmen treibt sie das Ziel an, Unternehmen nachhaltiges Wachstum zu ermöglichen, um sich stark in NRW zu positionieren. Zuvor war sie bei der Commerzbank AG als Managing Director im Corporate Banking tätig.

Autorenprofil
Chefredakteurin at  | Website

Eva Rathgeber ist Chefredakteurin der Unternehmeredition und verfügt über langjährige Erfahrung in Journalismus, PR und Unternehmenskommunikation. Inhaltlich liegt ihr Fokus auf Mittelstand, Familienunternehmen, Finanzierung, Investitionen, Private Equity, M&A, Nachfolge, Digitalisierung und Innovation.

Vorheriger ArtikelFamilieninterne Nachfolge im Handwerk wird zum Auslaufmodell
Nächster ArtikelRose Bikes erzielt deutliches Profitabilitätsplus