Minderheitsbeteiligungen im Mittelstand

Marktlücke für Familienunternehmen in Deutschland und Österreich

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In den letzten zehn Jahren stieg das Investitionsvolumen von Private-Equity-Gesellschaften in Europa und vor allem in Deutschland enorm an. Der Großteil der Private-Equity-Fonds ist jedoch auf mehrheitliche Übernahmen von Familienunternehmen fokussiert. Somit ist für Familienunternehmen das Angebot von Beteiligungskapital in Form einer Minderheitsbeteiligung äußerst überschaubar.

Die Aufnahme eines Minderheitsinvestors bedeutet für den Familienunternehmer auch immer, „ein Stück der Kontrolle“ abzugeben. Gerade deshalb ist es für Unternehmen empfehlenswert, sich im Vorfeld gut zu überlegen, mit welchem Finanzinvestor eine Partnerschaft begründet wird. Verständlich – die Unternehmer möchten weiterhin autonom unternehmerische Entscheidungen treffen. Im besten Fall unterstützt der Finanzinvestor mit frischem Kapital und dient auf Gesellschafterebene als Sparringspartner und Türöffner beziehungsweise stellt sein Netzwerk dem Unternehmen bei Bedarf zur Verfügung.

Anlässe für Minderheitsbeteiligungen können in zwei Kategorien eingeteilt werden: auf Gesellschaftsebene (Gesellschafter erhält Eigenkapital) und auf Unternehmensebene (das Unternehmen erhält Eigenkapital). Die Invest AG stellt beispielhaft pro Beteiligung zwischen 2 Mio. und 50 Mio. EUR zur Verfügung.

Bedarf für Minderheitsbeteiligungen entsteht auf Gesellschafterebene zum Beispiel durch folgende Situationen:

Veränderung im Gesellschafterkreis: Gesellschafterstraffungen, Strategiedifferenzen im Gesellschafterkreis, Auskauf eines Co-Gesellschafters.

  • Vermögensdiversifikation: Regelmäßig befindet sich der Großteil des Vermögens der Gesellschafter im eigenen Unternehmen. Durch eine teilweise Anteilsveräußerung kann der Familienunternehmer Geld hinter die „Brandschutzmauer“ bringen.
  • Nachfolgesituationen: Minderheitsinvestor unterstützt das Management im Zuge eines Management-Buy-outs/-Buy-ins.
  • Vorbereitung eines zukünftigen Gesamtverkaufs: Durch die Aufnahme eines Minderheitsinvestors wird ein Partner an Bord geholt, um einen professionellen Gesamtverkauf zu planen beziehungsweise vorzubereiten und umzusetzen.

Auf Unternehmensebene entsteht Bedarf für Minderheitsbeteiligungen, die hier oft über eine Kapitalerhöhung zustande kommen, zum Beispiel in folgenden Situationen:

  • Erweiterungsinvestitionen: Dabei handelt es sich meistens um sprungfixe Investitionen. Ein Familienunternehmen plant in absehbarer Zeit eine größere Investition und die Finanzierung kann nicht ausschließlich über Banken abgedeckt werden. Hier empfiehlt es sich, einen externen Eigenkapitalpartner hinzuziehen, um das Risiko zu minimieren und eine geduldigere Finanzierungsstruktur aufzuweisen.
  • Firmenübernahme: Beabsichtigt ein Familienunternehmen eine horizontale oder vertikale Firmenübernahme und fehlen ihm dabei externe finanzielle Mittel, kann dies durch einen Minderheitsinvestor in vielen Fällen perfekt abgedeckt werden.
  • Working-Capital-Bedarf: Geschäftsmodelle weisen oft einen hohen Vorfinanzierungsbedarf auf. Sollte dabei ein Familienunternehmen starke Wachstumsraten haben, und ist dies nicht mehr ausschließlich über Bankfinanzierungen möglich, empfiehlt es sich, einen weiteren Minderheitsinvestor im Gesellschafterkreis auf Zeit aufzunehmen, um frisches Eigenkapital einzuweben.

Dauer von Minderheitsbeteiligungen

Familienunternehmen haben meist einen längeren Planungshorizont und denken nicht kurzfristig in Quartalen oder in Dreijahreszyklen. Daher ist es wichtig, dass dies bei der Auswahl eines Minderheitsinvestors berücksichtigt und ein langfristig denkender Finanzpartner angesprochen wird. Um dieser Anforderung gerecht zu werden, ist die Invest AG als Evergreen-Fonds konzipiert. Dies bedeutet, die Investoren haben der Invest AG das Kapital unbeschränkt mit flexibler Laufzeit zur Verfügung gestellt – und dieser Vorteil ermöglicht es ihr, ein langfristiger Partner für Familienunternehmen zu sein. In der Regel ist die Invest AG vier bis zwölf Jahre an Unternehmen beteiligt. Die Laufzeit wird vor jedem Einstieg individuell mit dem Familienunternehmer vereinbart. Durch die Evergreen-Eigenschaft kann höchstmögliche Flexibilität zugesagt und ein Exitdruck vermieden werden.

Exit – Ausstiegsmöglichkeiten

In Gesprächen mit Familienunternehmern stellt sich eingangs die Frage, wie der Ausstieg/Exit des Minderheitsinvestors aussieht. In der Geschichte der Invest AG wurden in mehr als acht von zehn Fällen die Minderheitsbeteiligungen vom mehrheitlich beteiligten Familienunternehmer wieder aufgegriffen. Daher werden regelmäßig mit Familienunternehmern sogenannte Call-/Buy-Back-Optionen vereinbart. Dadurch hat der Familienunternehmer die Möglichkeit, die Minderheitsbeteiligung in Zukunft (etwa nach erfolgreicher Umsetzung der Wachstumsinitiativen) wieder aufzugreifen. Im Zuge dieser Call-Option wird im Vorfeld ein transparenter Bewertungsmechanismus definiert. Alternativ ist auch ein Gesamtverkauf (Trade Sale) oder ein IPO denkbar. Dies wird im Vorfeld mit dem Familienunternehmen besprochen und gemeinschaftlich festgelegt.

FAZIT

Die Aufnahme eines Minderheitsgesellschafters stellt für das Familienunternehmen und seine Gesellschafter eine große Chance dar. Der Partner auf Zeit ermöglicht durch seine Minderheitsbeteiligung viele Lösungen, die durch klassische Finanzinvestoren nur schwierig darstellbar wären. Familienunternehmen erhalten gerade dadurch oft die führende Stellung in ihrem jeweiligen Industriesegment.

Dieser Artikel erscheint am 23. Juni 2023 in der nächsten Magazinausgabe der Unternehmeredition mit dem Themenschwerpunkt “Unternehmensfinanzierung”.

Autorenprofil
Patrick Wawricka

Patrick Wawricka ist Investment Manager in der Invest Unternehmensbeteiligungs AG. Der studierte Wirtschaftswissenschaftler war nach dem Studium für ein Big-Four-Unternehmen in Wien im Bereich M&A und Restrukturierung sowie vor seinem Eintritt in die Invest AG als Management Assistant bei einem mittelständischen Unternehmen tätig. In der Invest AG fokussiert er sich auf Projekte in (Süd-)Deutschland.

Autorenprofil
Sebastian Braun

Sebastian Braun ist seit Anfang 2023 in der Invest Unternehmensbeteiligungs AG als Investment Director tätig. Nach Banklehre und BWL-Studium war er bei zwei Banken als Analyst für Financials in UK und Irland sowie im Corporate Banking beschäftigt, von 2006 bis Anfang 2023 als Senior Investmentmanager bei einer großen mittelständischen Beteiligungsgesellschaft. Die Invest AG hat seit ihrer Gründung vor circa 30 Jahren rund 200 mittelständische Unternehmen im Rahmen einer Minderheitsbeteiligung begleitet.

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