Hohe Arbeitskosten bremsen deutsche Unternehmen aus

Foto: © Miha Creative_AdobeStock
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Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) rechnet für das Jahr 2026 mit einem Wachstum von 1.0%. Hauptgeschäftsführerin Helena Melnikov beschreibt diese Entwicklung laut einer Pressemeldung als eine Erholung in Trippelschritten. Die aktuelle Umfrage unter 26.000 Betrieben zeigt zu Jahresbeginn lediglich eine geringfügige Besserung. Unverändert gegenüber dem Herbst bewerten 25% der Unternehmen ihre aktuelle Geschäftslage als gut. Dagegen sprechen laut dem Bericht 24% der Firmen von einer schlechten Lage. Der Lagesaldo steigt damit geringfügig auf plus einen Punkt. Die Geschäftserwartungen bleiben trotz einer leichten Aufhellung jedoch überwiegend trüb. Nur 16% der Betriebe rechnen in den kommenden zwölf Monaten mit besseren Geschäften. Ein Viertel der Unternehmen geht laut der Auswertung von einer Verschlechterung aus. Der Saldo der Erwartungen liegt mit minus neun Punkten deutlich unter dem langjährigen Schnitt.

Industrie in der Krise

In der Industrie zeigt sich eine besonders schwierige Situation für die Beschäftigten. Laut Zahlen der Beratungsgesellschaft EY gingen im vergangenen Jahr rund 124.000 Stellen verloren. Der Managing Partner bei EY, Jan Brorhilker, sieht die deutsche Industrie in einer tiefen Krise. Ende 2025 arbeiteten in dem Sektor noch rund 5.38 Millionen Menschen. Das entspricht laut dem Bericht einem Rückgang von 2.3% im Vergleich zum Vorjahr. Der Stellenabbau fiel damit fast doppelt so hoch aus wie im Jahr 2024. Besonders hart traf es laut den Experten die Autobranche mit 50.000 verlorenen Jobs. Die DIHK meldet für die Industrie aktuell einen Beschäftigungssaldo von minus 18 Punkten. Nur jeder zehnte Industriebetrieb plant laut der Umfrage mit mehr Personal.

Hohe Kosten als Risiko

Unternehmen sehen sich laut der Umfrage mit einer Vielzahl von Geschäftsrisiken konfrontiert. Eines der am häufigsten genannten Risiken sind die Arbeitskosten. Mit 59% erreichen diese laut dem Bericht einen neuen Höchststand. Grund dafür sind Lohnsteigerungen und steigende Belastungen durch die Sozialversicherungen. Auch die Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns belastet die Betriebe zusätzlich. Genauso häufig nennen die Unternehmen die Inlandsnachfrage als einen wesentlichen Risikofaktor. Aufgrund der Schwächephase sind Auftragsmangel und Konsumzurückhaltung ein Problem. An dritter Stelle folgt laut Bericht das Risiko der wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen. Diese Sorge teilen laut der aktuellen Erhebung 58% der befragten Firmen.

Investitionen am Standort

Die Unternehmen halten sich bei ihren Investitionsabsichten im Inland weiterhin sehr zurück. Während nur 23% mit erhöhten Budgets planen, wollen 31% ihre Investitionen verringern. Der resultierende Saldo von minus acht Punkten bedeutet kaum eine Verbesserung. Wenn Betriebe investieren, tun sie das laut Umfrage hauptsächlich für Ersatzbedarfe. Dieses Motiv nennen laut der Auswertung 66% der befragten Unternehmen. Überdurchschnittlich oft nennen die Betriebe zudem Rationalisierung als ein Investitionsmotiv. Darunter fallen laut dem Bericht auch Investitionen in Digitalisierung und künstliche Intelligenz. Die Ausweitung von Kapazitäten spielt hingegen nur bei 19% der Firmen eine Rolle.

Die Situation im Dienstleistungssektor ist laut der DIHK von allen Wirtschaftszweigen am positivsten. Der Saldo der Geschäftslage bleibt dort stabil bei plus zehn Punkten. Besonders wissensintensive Dienstleistungen bewerten ihre Lage laut dem Bericht überwiegend positiv. Im Gegensatz dazu bleibt die Stimmung im Handel weiterhin sehr schlecht. Händler schätzen ihre Lage im Branchenvergleich am pessimistischsten ein. Der Saldo der Lage liegt im Handel bei minus 14 Punkten. Laut der Umfrage ist die schwache Inlandsnachfrage hier das häufigste Risiko. Im Kraftfahrzeugbau ziehen die Geschäftserwartungen laut dem aktuellen Bericht jedoch wieder an. Erstmals seit zwei Jahren überwiegen in dieser Branche wieder knapp die positiven Erwartungen.

Wirtschaftspolitischer Ausblick

 Laut Helena Melnikov sind schnelle Entlastungen bei den Arbeits- und Energiekosten notwendig. Ökonom Marcel Fratzscher vom Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung sieht jedoch strukturelle Hindernisse. Er glaubt nicht an ein erneutes Anspringen des Wachstumsmotors in Deutschland. Grund dafür sei vor allem die demografische Entwicklung und der Mangel an Arbeitskräften. Das Ifo-Institut erwartet eine schrumpfende Bevölkerung bis zum Jahr 2070. Die CDU lehnt Steuererhöhungen ab, während die SPD soziale Kürzungen verhindern möchte. Frauke Heiligenstadt von der SPD warnt vor einer Erhöhung der Mehrwertsteuer. Laut Jan Brorhilker bauen Autokonzerne verstärkt Forschung und Entwicklung im Ausland auf. Dies belaste langfristig die Zahl der Arbeitsplätze am Standort Deutschland.

Autorenprofil

Als Redakteur der Unternehmeredition berichtet Alexander Görbing regelmäßig über Unternehmen und das Wirtschaftsgeschehen. Zu seinen Schwerpunkten gehören Restrukturierungen, M&A-Prozesse, Finanzierungen und Tech-Start-ups.

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