Fahrradbranche: Neustart für Winora Staiger, Aus für Ghost-Bikes

(c) Dan Milner
(c) Dan Milner
Der deutsche und internationale Fahrradmarkt durchlebt nach dem Ende des pandemiebedingten Booms eine andauernde und schwere Absatz- sowie Preiskrise. Diese widrigen Marktbedingungen haben die internationale Accell Group massiv getroffen. Der weltweit agierende Fahrradkonzern war erst im Jahr 2022 mehrheitlich von der US-amerikanischen Beteiligungsgesellschaft KKR & Co. erworben worden. Trotz umfangreicher finanzieller Restrukturierungsmaßnahmen, die in den Jahren 2024 und 2025 durchgesetzt wurden, gelang es nicht, eine nachhaltige Sanierung des Unternehmens herbeizuführen. Nachdem ein eingeleiteter strukturierter Verkaufsprozess für die gesamte Accell Group gescheitert war, sah sich der Konzern gezwungen, in zahlreichen europäischen Ländern – darunter Frankreich, Italien, Spanien und die Niederlande – Insolvenzanträge zu stellen.
Auch der deutsche Markt blieb von dieser Entwicklung nicht verschont. Die Tochtergesellschaften der Accell Germany GmbH, namentlich die Winora Staiger GmbH, die Ghost-Bikes GmbH und die Engelbert Wiener Bike Parts GmbH, reichten am 5. August 2026 beim Amtsgericht Schweinfurt Anträge auf Eröffnung von Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung ein. Die unternehmerische Verantwortung verblieb bei der Geschäftsführung um Joost van Schaik. Zur Überwachung im Interesse der Gläubiger bestellte das Gericht Rechtsanwalt Dr. Stefan Debus von der Kanzlei Müller-Heydenreich Bierbach & Kollegen als Sachwalter. Den Restrukturierungsprozess steuerte Sanierungsexperte Martin Mucha (Kanzlei Grub Brugger), der als Generalbevollmächtigter in die Unternehmen eintrat und dabei von seinem Team, insbesondere Dr. Hans Konrad Schenk und Markus Berger, unterstützt wurde. Die Anstrengungen der vergangenen Monate führten jedoch zu zwei völlig unterschiedlichen Ergebnissen für die Kernmarken der deutschen Gruppe.

Zukunft gesichert: Bike Tree GmbH übernimmt Winora Staiger

Für die Winora Staiger GmbH am traditionsreichen Standort Sennfeld konnte eine rettende Lösung gefunden werden. Zeitgleich mit der Eröffnung des Insolvenzverfahrens durch das Amtsgericht Schweinfurt wurde ein Kaufvertrag mit der Bike Tree GmbH abgeschlossen. Das zur Tri Star-Gruppe und DuTech (Singapur) gehörende Unternehmen übernimmt im Rahmen eines Asset Deals die wesentlichen Vermögensgegenstände. Dazu zählen die bekannten Fahrradmarken Winora und Haibike, die Warenbestände, ausgewählte Betriebs- und Geschäftsausstattung sowie das technische und kaufmännische Know-how. Der Geschäftsbetrieb wird in Sennfeld fortgeführt, wobei künftig 87 der ursprünglich 187 Mitarbeiter beschäftigt werden. Die sieben Ausbildungsplätze bleiben vollständig erhalten. Der unumgängliche Abbau von 73 Stellen wird in enger Abstimmung mit dem Betriebsrat auf Basis eines Interessenausgleichs sozialverträglich umgesetzt. Lei Chen, Geschäftsführer der Bike Tree GmbH, und Joost van Schaik unterzeichneten den Vertrag, dessen Vollzug für Anfang November 2026 vorgesehen ist. Die neuen Eigentümer planen, die Marken Winora und Haibike mithilfe des weitreichenden Netzwerks der Tri Star Technology Group weiterzuentwickeln. Martin Mucha bezeichnete diesen rettenden Schritt als ausgesprochen gute Nachricht für die Region.

Ein Team der Pluta Rechtsanwalts GmbH um Managing Partner Ivo-Meinert Willrodt hat die Bike Tree GmbH beim Erwerb des Geschäftsbetriebs der Winora Staiger GmbH beraten. Im Pluta-Team verantwortete Rechtsanwalt Martin Jungclaus die vertragsrechtliche Gestaltung des Kaufvertrags. Sämtliche arbeitsrechtlichen Themen betreute Rechtsanwalt Dr. Karl-Friedrich Gulbins. „Wir haben den Käufer vom Beginn des Prozesses bis zur Unterzeichnung des Kaufvertrags beraten. Für unseren Mandanten ist das eine gute Lösung: Mit Winora und Haibike übernimmt Bike Tree zwei traditionsreiche Fahrradmarken“, sagt Pluta-Rechtsanwalt Ivo-Meinert Willrodt.

Geordnete Abwicklung: Das Ende der Ghost-Bikes GmbH

Gänzlich anders und weitaus tragischer verlief der international professionell gesteuerte Investorenprozess für die Ghost-Bikes GmbH. Es ergab sich trotz intensiver Suche und verschiedener geprüfter Fortführungsoptionen keine tragfähige Lösung für das Unternehmen aus dem bayerischen Waldsassen. Am 1. November 2026 wurde das Insolvenzverfahren über das Vermögen der Ghost-Bikes GmbH offiziell eröffnet. Da am Ende kein Angebot vorlag, das die Gläubiger finanziell bessergestellt hätte als ein Abverkauf, wird der Geschäftsbetrieb nun in Abstimmung mit den gesicherten Gläubigern geordnet eingestellt. Die 53 noch bei Insolvenzeröffnung beschäftigten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verlieren damit ihre Arbeitsplätze. Nachdem die Eigenverwaltung seit Anfang September 2026 den Geschäftsbetrieb noch aufrechterhalten und Fahrräder an den Fachhandel verkauft hatte, sollen die verbliebenen Restbestände nun en bloc an einen einzigen Händler veräußert werden. Einzelbestellungen bei der Traditionsmarke sind ab sofort nicht mehr möglich.
Sowohl die Geschäftsführung als auch die Sanierungsberater zeigten sich tief betrübt über dieses Ergebnis. Joost van Schaik dankte der Belegschaft in Waldsassen für ihren großen Einsatz. Er betonte, wie schmerzhaft es sei, dass für die Traditionsmarke Ghost und ihre treue Kundschaft keine Zukunftslösung gefunden werden konnte. Martin Mucha äußerte sein großes Bedauern und die Hoffnung, dass alle Mitarbeitenden schnell eine neue Anstellung finden. Sachwalter Dr. Stefan Debus betonte abschließend, dass dieser wirtschaftlich unausweichliche Weg die beste Option für die Gläubiger sei.
Autorenprofil

Als Redakteur der Unternehmeredition berichtet Alexander Görbing regelmäßig über Unternehmen und das Wirtschaftsgeschehen. Zu seinen Schwerpunkten gehören Restrukturierungen, Insolvenzen, M&A-Prozesse, Finanzierungen und Unternehmensnachfolgen.

Vorheriger ArtikelDBAG bestätigt angepasste Prognose und setzt auf Exits
Nächster ArtikelAutomobilzulieferer GMW kämpft um Sanierung