1973 gründete Klaus Zapf in Berlin ein Umzugsunternehmen, das er mit unkonventionellen Managementmethoden und hohem Risiko zum größten Anbieter seiner Branche in Deutschland aufbaute und 2007 in eine kleine AG überführte. Nach seinem plötzlichen Tod mit 62 Jahren wurde die Nachfolge neu geregelt: Mehrheitsaktionär ist heute Sven Reinholz, der seine Laufbahn als Möbelpacker bei Zapf begann und das Unternehmen im Sinne des Gründers weiterentwickelt – mit besonderem Schwerpunkt auf Ausbildung und Nachwuchsförderung.
Unternehmeredition: Herr Reinholz, Sie kennen das Umzugsgeschäft von der Pike auf. Wie hat es sich in den letzten Jahren gewandelt?
Sven Reinholz: Als ich mit 16 im Unternehmen als Umzugshelfer angefangen habe, sind die Menschen im Schnitt alle acht Jahre in eine neue Wohnung umgezogen; heute sind sie doppelt so lange in ihrer Wohnung. Insofern bekommen wir die Entwicklung am Miet-und Immobilienmarkt dadurch ziemlich zu spüren. Wir hatten früher auch mehr Mitarbeiter.
Wie steuern Sie gegen diese Abwärtsspirale?
Wir haben zum einem eine gewisse Marktpräsenz und setzen stringent auf Qualität und Beratung beim Umzug. Das war der Grund dafür, dass wir uns im letzten Jahr von unserem jahrelangen Konzept, den Namen Zapf Umzüge im Rahmen eines Franchisesystems in verschiedene Metropolen Deutschlands zu etablieren, nach 25 Jahren verabschiedet haben. Nunmehr wählen wir aus verschiedenen Umzugsunternehmen in anderen Städten geeignete Partner für uns aus.
Ein weiterer Punkt ist, dass wir 15 % bis 20 % unserer Umzüge für Gewerbebetriebe und Behörden realisieren, die ein wesentlich größeres Volumen haben; man denke nur an die vielen Archive. Darüber hinaus haben wir es bereits 2015 durch den Umzug an unseren heutigen Standort in Berlin-Neukölln geschafft, alle Aktivitäten des Unternehmens hier zu zentralisieren. Hier stehen unsere Lkws und unsere Container, die Verwaltung und unsere Reparaturwerkstatt. Wir pflegen und reparieren wie zu Zeiten vom Firmengründer unsere Lkws noch selbst.
Wie viel Umzüge fahren Sie pro Tag?
Innerhalb Berlins sind es im Schnitt 30 Umzüge und bis zu zehn Umzüge im Fernverkehr. Hier machen wir Umzüge bis nach Übersee. Wobei sich auch die Logistik stark verändert hat: Früher sind wir mit den Lkws von Stadt zu Stadt gefahren, heute werden unsere Container, davon haben wir 420 im eigenen Bestand, zu einem gewissen Teil mit der Bahn transportiert, vor Ort von Partnern abgeholt und dann auch entladen. Die Zusammenarbeit mit der Bahn war früher stärker ausgeprägt; das ist leider auch zurückgegangen.
Blickt man in die Vergangenheit des Unternehmens, so war fehlende Liquidität nicht selten ein Problem. Kenntnisreich hat Zapf seinerzeit die Möglichkeiten der Förderung und der speziellen Steuergesetzgebung für Westberlin genutzt. So gründeten finanzkräftige Bekannte von ihm eine kleine Gesellschaft, die ein Fahrzeug kaufte, nutzten die Möglichkeiten, diese Investition sofort abzuschreiben, und verleasten das Fahrzeug an zapf umzüge weiter.
Auch konnten seinerzeit Wohlhabende als private Kreditgeber auftreten und einen gewissen Prozentsatz sofort steuerlich geltend machen. Das erweiterte nicht nur den Kreditrahmen, sondern war seinerzeit deutlich günstiger, als sich Geld von der Bank zu beschaffen. Noch Mitte der 1990er-Jahre veranlasste ein Filialleiter der Berliner Volksbank, dass sich Firmengründer Zapf und sein kaufmännischer Geschäftsführer Peter Zetsche beim Filialleiter persönlich am Wochenende in Buchführung weiterbilden, damit die Kredite nicht gekündigt werden mussten.
Heute hat das Unternehmen eine hohe Eigenkapitalquote und ist buchhalterisch sehr gut aufgestellt. Auch ist die Berliner Volksbank immer noch unsere Hausbank. 2015, als die Banken händeringend Investments suchen, boten sie uns auch einen größten Kreditrahmen an, den wir aber seinerzeit nicht brauchten. Dass sich aber gerade bei Finanzierungen der Wind hin und wieder dreht, habe ich bei der Nachfolge gemerkt.
Inwiefern?
2007 hat Klaus Zapf seine GmbH in eine kleine Aktiengesellschaft umgewandelt und hielt 50,1 % des Aktienkapitals. Nach seinem Ableben wurde dieser Anteil dann auf den damaligen kaufmännischen Geschäftsführer übertragen, damit das Unternehmen weitergeführt werden konnte. Mittlerweile will er sich selbst aus dem Unternehmen zurückziehen. Ich wollte gern die Nachfolge und damit ebenfalls 50,1 % des Aktienkapitals übernehmen. 39,9 % waren für die jüngste Tochter von Klaus Zapf bestimmt und 10 % hielt bereits meine Vorstandskollegin. Doch die Anteile waren inzwischen einen mittleren sechsstelligen Betrag wert, den ich für den Erwerb aufbringen musste – ohne Sicherheiten und mit Mitte 30.
Wie ist es Ihnen gelungen, diesen – de facto ja Kaufpreis – zu stemmen?
Vertrauen, Vertrauen und nochmals Vertrauen bei der Bank einzuwerben. Am Ende dauerte dieser Prozess länger als geplant, aber ich konnte den Aktienkauf ohne Sicherheiten mit Unterstützung der Bank finanzieren. Ein Punkt war sicherlich, dass das Unternehmen in den letzten Jahren erfolgreich konsolidiert und eine Marke im Markt war.
Gab es weitere Herausforderungen bei der Nachfolge?

Ich habe ja sozusagen als „Stift auf der Treppe“ angefangen. Dann wurde ich mit 29 in die Geschäftsführung berufen – das war schon eine Herausforderung, plötzlich als Chef vor den Kollegen zu stehen. Auch das war ein länger währender Prozess, aber unsere familiären Strukturen haben das sehr erleichtert. Einer meiner ersten Amtshandlungen war unter anderen, die legendären Umzugskartons aus Pappe peu à peu durch langlebige Kunststoffbehälter abzulösen. Dieser Prozess ist noch nicht in Gänze abgeschlossen.
Wo sehen Sie die Zukunft der Umzugsbranche?
Natürlich beschäftigten wir uns mit dem Thema Digitalisierung, vor allem bei den Verwaltungsprozessen wie Angebotserstellung oder Abrechnung. Auch die Wohnungsbesichtigungen können durchaus digital per Kamera durchgeführt werden. Das haben wir in Zeiten der Coronapandemie erfolgreich durchgeführt und wollen das jetzt weiter perfektionieren. Wo mir allerdings die Fantasie fehlt: dass es eines Tages einen Umzugsroboter gibt, der die menschliche Arbeitskraft beim Umzug ersetzt, auch wenn es dazu in China schon Versuche gibt.
2014 ist Firmengründer Klaus E. H. Zapf unerwartet an einem Herzinfarkt gestorben. Was ist von seinen Ideen noch übrig geblieben?

Klaus hatte seinerzeit noch angeschoben, dass der Beruf des Möbelpackers in eine ordentliche Berufsausbildung umgewandelt wird. Früher waren Umzugsteams oft nur mit Studenten bestückt, was sicherlich damals ein Teil der Firmenphilosophie war, aber oftmals in anarchischen Zuständen und hohen Versicherungsprämien endete. Das war 2010 noch gar nicht so einfach, man hat diese Idee einer dreijährigen Berufsausbildung von behördlicher Seite aus abgelehnt; drei Jahre deshalb, weil wir damit einen niedrigschwelligen Berufseinstieg anbieten. In der Berufsausbildung gilt es dann, auch handwerkliche Fähigkeiten wie Tischlerarbeiten oder den sogenannten 1.000-Volt-Schein, der es ermöglicht, spezielle Küchengeräte wie Herde anzuschließen zu können, damit der Kunde einen Full Service erhält, zu erwerben. Und auch die Tischlerarbeiten werden oft erst während des Umzugsprozesses nachgefragt, weil man bemerkt, dass das eine oder andere Teil passend gemacht werden muss. Am Ende hatten wir dann mit Höffner und Krieger zwei namhafte Möbelhäuser und dazu noch einige Küchenstudios im Boot, die auch von dieser neuen Berufsrichtung profitiert haben. Dann lenkten die Behörden ein.
Sie bauen gerade Ihr Ausbildungszentrum aus.
Mit unseren Azubis füllen wir mittlerweile drei komplette Berufsschulklassen und haben es nunmehr über 15 Jahre Ausbildung so weit geschafft, dass zukünftig, aufgrund des Platzangebots und der Ausstattung, die Prüfer der IHK ins Unternehmen kommen und die Gesellenstücke hier angefertigt werden.
Ist noch mehr von den ehemaligen Idealen des Firmengründers vorhanden? Immerhin steht ja ein altes Lenindenkmal direkt neben der Eingangstür und auf einem der Lkws noch „Kreuzberger Umzugskombinat“.
Eigentlich sind wir heute ein ganz normales Unternehmen. Wir haben noch nicht einmal einen Betriebsrat. Es gab mal Bestrebungen, einen zu installieren, aber dann haben die Kollegen sehr schnell gemerkt, dass sich da einige Mitarbeiter auf diesem Wege profilieren wollten – das kam nicht gut an. Wir klären alles intern und familiär. Jeder weiß, dass sich sein Lohn mit zunehmender Anzahl an Zusatzqualifikationen erhöht. Aber wenn Sie so fragen: Wir hatten im Vorstand schon rege Diskussionen, ob wir das Buch über unseren Firmengründer über einen amerikanischen Großkonzern wie Amazon mit vertreiben wollen.
Herr Reinholz, vielen Dank für die spannenden Einblicke.
ZUM INTERVIEWPARTNER

Sven Reinholz, Jahrgang 1986, begann nach seiner zehnjährigen Schulzeit als Möbelpacker bei Zapf Umzüge. Auf dem zweiten Bildungsweg lernte er den Beruf des Bürokaufmanns und wurde von Firmengründer Zapf gefördert. An der Technischen Universität Wildau bei Berlin studierte er dann Betriebswirtschaft mit Zusatzqualifikationen im Bereich Logistik. 2019 wurde er 33-jährig Vorstand der Zapf Umzüge AG, zuständig unter anderem für Logistik und Finanzen.
KURZPROFIL
Zapf Umzüge AG
Gründungsjahr: 1975
Firmensitz: Berlin
Branche: Umzugslogistik
Mitarbeiter: 194
Umsatz 2025: 11 Mio. EUR









