Das Interesse war groß: Zum ersten Capital Markets Day der Finexity Group fanden sich am 13. Oktober rund 80 Investoren, Aktionäre, Geschäftspartner und Interessierte im Tower185 in Frankfurt am Main ein – die Plätze waren bis zur letzten Reihe gefüllt.
Dies dürfte auch am vielleicht bahnbrechenden Geschäftsmodell des 2018 gegründeten Start-ups liegen, das vor einem Jahr den Sprung an die Börse wagte. Das Hamburger Fintech ermöglicht die Tokenisierung von Sachwerten und Finanzinstrumenten wie Immobilien, Luxusgütern oder Unternehmensanleihen. Anstatt Assets traditionell und mit hohen Einstiegshürden zu verbriefen, zerlegt Finexity diese mit Hilfe der Blockchain-Technologie (DLT) in digitale Anteile (Security Tokens). Dadurch können auch illiquide Anlageklassen effizient strukturiert, vertrieben und gehandelt werden.
Hintergrund: Bei der Tokenisierung bilden Anbieter Vermögenswerte wie Wertpapiere und andere Assets in digitalen Werten (Tokens) ab. Dies geht über die Blockchain-Technologie. Unter „Blockchain“ versteht man eine dezentrale Datenbank, die Daten fälschungssicher in chronologischer Reihenfolge in Blöcken speichert. Diese Technologie hat Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ethereum erst möglich gemacht.
Technologische Infrastruktur für tokenisierten Handel

Kurzum: Finexity baut und betreibt die Infrastruktur des digitalen Kapitalmarkts: Eimission, Register-Anbindung und Vertrieb tokenisierter Wertpapiere aus einer Hand – reguliert und im Betrieb seit 2020. Die moderne Technologie ermöglicht es, den klassischen Wertpapierhandel schneller und effizienter zu gestalten. CEO Paul Huelsmann beschrieb die Entwicklung vom klassischen Börsenhandel zum tokenisierten Handel an dem Tag mit einer Analogie aus der jüngeren Geschichte der Telekommunikation: „Vom Festnetz zum Smartphone – ein tokenisiertes Wertpapier schläft nie.“ Das Smartphone kenne keine Öffnungszeiten, der klassische Kapitalmarkt aber schon.
Meilensteine bis 2028
Über die proprietäre Infrastruktur verknüpft die Finexity Group derzeit über 300 Emissionen von mehr als 50 Emittenten mit über 84.000 registrierten Anlegern. Noch in diesem Jahr will das Unternehmen den Antrag für ein DLT-Handels- und Abwicklungssystem (DLT-TSS) einreichen, gab Finexity den eingeschlagenen Weg vor. 2027 sollen Fonds und Aktien auf Nundara folgen und VolksInvest zum Online-Broker des Hauses werden. Nundara ist die zentrale Technologie- und Marktinfrastrukturplattform der Finexity Group. Sie bildet das technische Rückgrat für die Emission, Strukturierung und Abwicklung von tokenisierten Wertpapieren und digitalen Finanzprodukten. Ab 2028 soll Nundara mit der DLT-TSS-Lizenz Handel und Abwicklung tokenisierter Wertpapiere in einem regulierten System anbieten.
„Mit dem Ausbau der Infrastruktur verschiebt sich unser Umsatz hin zu wiederkehrenden, margenstarken Erlösen aus Listing, Anbindung und Handel. Deshalb wachsen Umsatz und Profitabilität mittelfristig deutlich schneller als unsere Kosten“, sagte Michael Ost, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Finextity Group.
Die vier Marken des Unternehmens

Auf dem Kapitalmarkt-Tag stellte das Unternehmen neben seiner Strategie erstmals die mittelfristigen Zielgrößen für die Gruppe und ihre vier Marken nolivius, Nundara, Effecta und VolksInvest vor. Das Prinzip von nolivius basiert auf einer klaren Rollentrennung: Die Marke selbst agiert rein beratend. Sobald das Finanzprodukt rechtlich und strategisch aufgesetzt ist, übergibt nolivius das Projekt an die Schwestermarken: Nundara übernimmt die technische Tokenisierung auf der Blockchain, Effecta stellt das regulatorische Haftungsdach für den Vertrieb und über VolksInvest erhalten Anleger Zugriff auf die Assets.
Mehr als 70 Mio. EUR Umsatz im Visier
Für 2026 rechnet das Finexity-Management pro forma mit einem Umsatz von 9,6 Mio. EUR, der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) soll bei -3,5 Mio. EUR liegen. Die operative Gewinnzone will das Unternehmen 2028/29 mit rund 20 Mio. EUR erreichen. „Mittelfristig, also in drei bis fünf Jahren, wollen wir einen Umsatz von mehr als 70 Mio. EUR erzielen“, so Huelsmann. Die dann anvisierte EBITDA-Marge bezifferte der CEO mit 25 bis 30 %. Dabei sieht er die Infrastruktur als Wachstumstreiber. 70 bis 80 % der Erlöse wollen die Hamburger mit den Marken Nundara und Effecta generieren.
Die mittelfristigen Umsatzziele der vier Marken im Einzelnen: Nundara (Tokenisierung, Register, Handel und Abwicklung) soll über 25 Mio. EUR (rund 35 %) und eine EBITDA-Marge von 50 bis 55 % erzielen. Für Effecta (Haftungsdach für über 45 vertraglich gebundene Vermittler) ist ein Erlös von über 25 Mio. EUR (rund 35 %) sowie eine EBITDA-Marge von 8 bis 10 % geplant. Bei nolivius (Strukturierung und Emission) sind über 10 Mio. EUR Umsatz (rund 15 %) und eine EBITDA-Marge von 35 bis 40 % das Ziel. Und VolksInvest (digitaler Zugang für Privatanleger) soll über 10 Mio. EUR Umsatz (rund 15 %) sowie eine EBITDA-Marge von 15 bis 20 % erwirtschaften.
KMU profitieren von Tokenisierung
Für die Finexity Group stellt die Tokenisierung eine transformative Chance für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sowie den klassischen deutschen Mittelstand dar. „Für KMU rechnet sich der klassische Kapitalmarkt kaum – ihnen bleibt zumeist die Bank zur Unternehmensfinanzierung“, so Huelsmann. Das Kernduo aus effizienterer Infrastruktur und direktem Zugang zu alternativen Finanzierungsquellen löse dabei die traditionellen Probleme der KMU-Finanzierung. Über digitale Emissionen können laut Finexity Firmen regulierte, digitale Anleihen oder Anteile extrem schlank strukturieren. „Traditionelle Börsengänge (IPOs) oder klassische institutionelle Anleihe-Emissionen sind für KMU aufgrund der enormen administrativen, rechtlichen und bankenseitigen Kosten oft unwirtschaftlich“, unterstrich der CEO.
Historischer Wendepunkt
Mit der Tokenisierung stehe der globale Kapitalmarkt an „einem historischen Wendepunkt“. Dabei nennt Finextiy vier Treiber. Erstens: die neuen regulatorischen Rahmenbedingungen. „Europas Kapitalmarkt ist fragmentiert: Mehr als 300 Handelsplätze sind im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) aktiv. Die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA) harmonisiert den Rahmen, das DLT-Regime öffnet Handel und Abwicklung auf einer Schiene.“ Zweitens: neue Technologien. „Tokenisierung macht Register, Zeichnung und Abwicklung programmierbar – und jurisdiktionsübergreifend wiederverwendbar.“ Drittens: neue Wettbewerber. „Die ersten lizenzierten DLT-Infrastrukturen sind weltweit am Markt – inklusive etablierter Börsen und Verwahrer.“ Und viertens: verändertes Kundenverhalten. „Erwartet werden digitaler Zugang, kleine Stückelungen und Handelbarkeit rund um die Uhr – über Grenzen hinweg.“
Die Infrastruktur ändert sich – nicht das Finanzinstrument
„Wertpapiere bleiben Wertpapiere – dieselbe Rechtsnatur, derselbe Prospekt, dieselbe Aufsicht“, erläuterte Huelsmann. Was sich hingegen ändere, sei die Infrastruktur für Emission, Handel und Abwicklung: Verbrieft werde nicht mehr in Papier und einer Verwahrkette, sondern in einem elektronischen Register.
„Europa will einen gemeinsamen Kapitalmarkt, dafür braucht es eine gemeinsame Infrastruktur. Fünf von sechs Stufen der Kapitalmarktkette laufen bei uns bereits. Mit der geplanten DLT-TSS-Lizenz für Handel und Abwicklung schließen wir die Kette und können auf Nundara die Liquidität tokenisierter Wertpapiere bündeln“, resümierte Huelsmann. Wichtig war es ihm am Ende des Kapitalmarkt-Tages noch einmal hervorzuheben, dass ein Token allein noch kein Geschäftsmodell sei. So gehe es mit Hilfe der Blockchain-Technologie darum, die Infrastruktur des Kapitalmarkts zu verändern – und nicht die Rechtsnatur des gehandelten Finanzinstruments.








