Die Industrie entdeckt ihre Stärke wieder

Der M&A-Markt steht vor einer neuen Dynamik

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Der M&A-Markt zieht wieder an: Hoher Handlungsdruck bei Investoren und ein Comeback der Industrie sorgen für neue Dynamik. Europäische Technologieführer rücken nach Ansicht von Roman Göd, Gründungs- und Managing Partner von MP Corporate Finance, verstärkt in den Fokus von Käufern.

Nach mehreren schwierigen Jahren hellt sich die Stimmung im europäischen Markt für Unternehmensübernahmen wieder auf. Zwar bleibt das wirtschaftliche Umfeld anspruchsvoll, doch viele Investoren richten ihren Blick wieder nach vorn. Besonders Unternehmen aus der Industrie stehen erneut hoch im Kurs. Für Roman Göd ist das keine kurzfristige Entwicklung, sondern Ausdruck eines grundlegenden Wandels.

Auslöser sei vor allem der wachsende Handlungsdruck in der Private-Equity-Branche. In den vergangenen Jahren hätten sich Unternehmensverkäufe aufgrund der multiplen Krisen vielfach verzögert. Gleichzeitig liege weiterhin einiges an Kapital – Dry Powder – bereit, das investiert werden müsse. Hinzu kommt aus Sicht von Göd, dass Beteiligungen heute deutlich länger in den Portfolios verbleiben als ursprünglich geplant.

Für viele Investoren sei deshalb der Zeitpunkt gekommen, wieder aktiv zu werden. „Das Umfeld ist nach wie vor nicht ideal, aber der Handlungsdruck aufseiten der Investoren ist so hoch wie noch nie“, sagt Göd. „Nicht investiertes Kapital, längere Haltedauern und der Wunsch vieler Geldgeber nach Rückflüssen lassen sich nicht dauerhaft aufschieben.“ Dieser Druck verändert nach seiner Einschätzung auch die Art, wie Transaktionen umgesetzt werden. Immer häufiger suchten Beteiligungsgesellschaften nach neuen Wegen, um erfolgreiche Unternehmen weiterzuentwickeln, anstatt sie vorschnell zu verkaufen. Dazu gehören unter anderem die Continuation-Funds. „Warum soll ich in ein neues Unternehmen investieren, das ich nicht kenne, wenn ich mein eigenes Portfolio noch erheblich weiterentwickeln kann?“, beschreibt Göd die aktuelle Denkweise vieler Beteiligungsgesellschaften. Bestehende Beteiligungen würden in neue Fondsstrukturen überführt oder mit Unternehmen anderer Investoren zusammengeführt. Ziel sei es, Synergien zu schaffen und den Unternehmenswert weiter zu steigern.

Industrie statt reiner Software

Besonders auffällig ist laut Göd die Rückkehr klassischer Industrieunternehmen in den Mittelpunkt des Investoreninteresses. Während Softwareunternehmen in den vergangenen Jahren oftmals Höchstbewertungen erzielten, rücken heute wieder produzierende Unternehmen mit technologischer Kompetenz in den Fokus. Göd sieht dafür mehrere Ursachen: Zum einen verändere künstliche Intelligenz zahlreiche Softwaregeschäftsmodelle grundlegend. Zum anderen werde deutlich, dass digitale Lösungen auch künftig eine starke industrielle Basis benötigen. Maschinen, Sensorik, Automatisierung und Fertigungstechnik bildeten schließlich die Grundlage vieler neuer Anwendungen. „Es ist interessanter geworden, in Hardware-enabled Software zu investieren und nicht mehr ausschließlich in reine Softwaremodelle“, erklärt Göd.

Gleichzeitig könne KI viele Entwicklungsprozesse erheblich beschleunigen. Dadurch würden bisherige Bewertungsmaßstäbe im Technologiesektor hinterfragt. Manche Investoren stellen sich inzwischen ganz praktische Fragen: „Seitdem die KI so anzieht, brauche ich vielleicht nurmehr zehn oder 15 Entwickler – anstelle von Hunderten.“ Davon profitierten vor allem Industrieunternehmen mit eigener technologischer Substanz. Europa verfüge gerade im Maschinenbau, in der Automatisierung und in industriellen Fertigungstechnologien weiterhin über eine außergewöhnlich starke Ausgangsposition. „Wir sind ein Innovationsland. Wir müssen mehr Mut zum Risiko haben. Die technologische Basis ist da“, erklärt der M&A-Experte. Gleichzeitig beobachtet Göd, dass viele europäische Unternehmen ihre Innovationen häufig unter Wert vermarkten. Andere Regionen seien oft erfolgreicher darin, neue Technologien international zu positionieren und höhere Preise durchzusetzen.

Strategische Käufer übernehmen wieder die Initiative

Nicht nur Finanzinvestoren sorgen derzeit für Bewegung am Markt: Auch Industrieunternehmen treten wieder deutlich häufiger als Käufer auf. Organisches Wachstum sei vielerorts schwieriger geworden. Deshalb würden Übernahmen zunehmend genutzt, um schneller neue Technologien, Produktionskapazitäten oder Märkte zu erschließen. Nach Beobachtung von Göd verfügen viele Unternehmen trotz der wirtschaftlich schwierigen Jahre über solide Liquidität. Gleichzeitig steige der Druck, neue Wachstumsquellen zu erschließen. „Wenn ich als Unternehmen Wachstum nicht mehr organisch und somit aus eigener Kraft realisieren kann, dann muss ich schauen, wie ich durch gezielte Zukäufe wachsen kann“, sagt er. Vor allem mittelständische Unternehmen mit technologischer Kompetenz stünden deshalb wieder stärker im Fokus strategischer Käufer.

Indien immer wichtiger

Auch geografisch verschieben sich die Prioritäten. Während China an Attraktivität verloren habe, entwickle sich Indien zunehmend zu einem strategischen Wachstumsmarkt. Nach Angaben des MPiPEs, einer aktuellen Studie von MP Corporate Finance zur Dynamik im europäischen PE-Markt, nimmt die Zahl indischer Investoren beziehungsweise Corporates, die gezielt nach europäischen Industrieunternehmen suchen, deutlich zu. Der Grund: Staatliche Förderprogramme sowie der konsequente Ausbau der Industrie in Indien sorgen für eine hohe Nachfrage nach technischem Know-how. „Wir sehen ein massiv steigendes Interesse der Inder an europäischen Target-Unternehmen. Sie suchen genau die Industriekompetenz, über die Europa verfügt“, erklärt Göd. Besonders gefragt seien Unternehmen aus den Bereichen Mechanik, Mechatronik und industrielle Automatisierung. Indien selbst verfügt bereits über große Softwarekompetenz und will nun verstärkt industrielle Wertschöpfung aufbauen. „Indien ist ein Riesenmarkt mit umfangreichen Förderprogramm der Regierung. Sie wollen Know-how einkaufen“, fährt Göd fort. Für viele europäische Mittelständler eröffne sich dadurch ein zusätzlicher Absatz- und Kooperationsmarkt, der langfristig an Bedeutung gewinnen dürfte.

Neue Chancen durch Verteidigung und Sicherheit

Auch der Verteidigungs- und Sicherheitssektor verändert den Markt. Nachdem entsprechende Beteiligungen lange Zeit für viele Investoren ausgeschlossen waren, habe sich die Haltung innerhalb kurzer Zeit grundlegend gewandelt: „Das hat sich schnell gedreht.“ Vor allem Technologien, die sowohl zivil als auch militärisch eingesetzt werden können, rücken nach Ansicht von Göd verstärkt in den Fokus. Sensorik, Kommunikationstechnik oder Batterietechnologien seien Beispiele dafür. Er warnt allerdings vor überzogenen Erwartungen. Nicht jedes Industrieunternehmen könne kurzfristig in diesen Markt einsteigen. Produktionsprozesse, Stückzahlen und Qualitätsanforderungen unterschieden sich häufig erheblich. Dennoch entstünden für viele spezialisierte Mittelständler neue Geschäftsmöglichkeiten.

Gute Voraussetzungen für den Mittelstand

Trotz aller Unsicherheiten blickt Göd insgesamt optimistisch auf die kommenden Jahre. Der deutsche und europäische Mittelstand verfüge weiterhin über außergewöhnliche Ingenieurskompetenz, innovative Produkte und hohe Fertigungstiefe. Schwieriger geworden seien vor allem die Geschwindigkeit der Märkte und die Planbarkeit wirtschaftlicher Entwicklungen.

Viele Unternehmer sind heute offener für Partnerschaften, Beteiligungen oder Unternehmensverkäufe als noch vor wenigen Jahren. Größere Unternehmensgruppen können notwendige Investitionen oftmals leichter finanzieren und internationale Chancen besser nutzen. „Selbst Unternehmen, die aktuell unter wirtschaftlichem Druck stehen, sind deshalb noch lange nicht unattraktiv. Der Kern ist gut.“

Für Göd steht deshalb fest, dass sich der Markt nachhaltig verändert. Industrieunternehmen werden wieder stärker als strategische Zukunftsinvestitionen wahrgenommen. Wer über technologische Kompetenz, Innovationskraft und eine klare Positionierung verfüge, dürfte von der neuen Dynamik im M&A-Markt besonders profitieren.

FAZIT

Insgesamt steht damit auch der europäische M&A-Markt vor einer Wende: Hohe Summen an Dry Powder bei Finanzinvestoren, das Comeback industrieller Substanz gegenüber reinen Softwaremodellen sowie das wachsende Interesse strategischer Käufer – etwa aus Indien – treiben die Dynamik an. Für den technologisch starken Mittelstand bieten sich trotz schwierigen Umfelds hervorragende Chancen, Übernahmen gezielt für weiteres Wachstum zu nutzen.

Lieber Herr Göd, wir danken Ihnen für das interessante Gespräch!

Das Interview führte Alexander Görbing.

👉 Dieser Beitrag erscheint auch in der aktuellen Magazinausgabe der Unternehmeredition 3/2026 mit dem Themenschwerpunkt „Unternehmensverkauf/M&A“.


ZUM INTERVIEWPARTNER

Foto: © MP Corporate Finance

Roman Göd ist Gründungs- und Managing Partner bei der auf den europäischen Industriesektor spezialisierten M&A-Beratung MP Corporate Finance und besitzt mehr als 20 Jahre Transaktionserfahrung im Sektor Electronics, Tech und Internet of Things. MP Corporate Finance wurde vor mehr als 25 Jahren gegründet und ist europaweiter Marktführer im Bereich Industrial M&A.

 

Autorenprofil
Alexander Görbing

Als Redakteur der Unternehmeredition berichtet Alexander Görbing regelmäßig über Unternehmen und das Wirtschaftsgeschehen. Zu seinen Schwerpunkten gehören  Restrukturierungen, M&A-Prozesse, Finanzierungen und Tech-Start-ups.

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