Der Börsengang als Ausweg aus dem Exitstau

Aktuelle Entwicklungen und Ausblick

Private Equity steckt in der Exitflaute. Verkäufe stocken, Haltedauern steigen. Für viele wird der Börsengang zum zentralen Ausweg.
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Der Private-Equity-Markt steckt in einer ausgeprägten Exitflaute: Viele Portfoliounternehmen haben ihre geplante Haltedauer längst überschritten, klassische Verkaufswege sind blockiert. Vor diesem Hintergrund rückt der Börsengang – oft im Rahmen von Dual-Track-Prozessen – als attraktive Alternative zunehmend in den Fokus. Dieser Beitrag zeigt, welche Chancen und Hürden dies gerade für Small- und Mid-Cap-Unternehmen mit sich bringt und welche politischen Weichenstellungen nötig wären, um den Exitstau zu lösen.

Die Stimmung im Private-Equity-Markt ist nach wie vor gedrückt. Das zeigt zumindest das quartalsweise erscheinende Stimmungsbarometer des Bundesverbands Beteiligungskapital (BVK) und der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Der Indikator für die aktuelle Geschäftslage sank um 28,8 Zähler auf -40,9 Punkte und der Indikator für die Geschäftserwartungen um 37,9 Zähler auf -32,8 Punkte. Die noch im Frühjahr zu spürende Aufbruchsstimmung scheint verflogen. So lässt das angekündigte Konjunkturprogramm der Bundesregierung auf sich warten, und auch das Zinsumfeld bleibt hinter den Erwartungen. Dies alles hat unweigerlich Auswirkungen auf den Exitmarkt. Eine Untersuchung von Grant Thornton in Deutschland zu Plattforminvestments von über 100 Private-Equity-Unternehmen im deutschen Small- und Mid-Cap-Bereich zeigt, dass die klassischen Exitkanäle für viele Unternehmen schwierig oder nicht zugänglich sind. Von 1.100 Portfoliounternehmen haben 400 den typischen Exithorizont überschritten. Damit liegt die durchschnittliche Haltedauer von Portfoliounternehmen, die früher rund fünf Jahre betrug, aktuell bei über sieben Jahren.

Börsengang als Alternative

Zum Vergrößern bitte hier anklicken; Quelle: Grant Thornton

Der Exitstau hat vielerlei Gründe. Eine wesentliche Ursache ist, dass viele Portfoliounternehmen schlecht auf den Exit vorbereitet sind. Dies liegt unter anderem daran, dass in der Vergangenheit das Geld locker saß und Unternehmen auch ohne weitreichende Vorbereitung einen Käufer fanden. Heute hingegen sind Käufer sehr wählerisch und haben klare Anforderungen an das Geschäftsmodell und einen künftigen (gemeinsamen) Wachstumspfad. Wenn Käufer und Verkäufer dann nicht zusammenfinden, sind Börsengänge eine attraktive Alternative zum M&A-Exit. Besonders bei Large Caps wird der Börsengang regelmäßig in Betracht gezogen. Teilweise werden der Börsengang und der M&A-Exit zweigleisig vorangetrieben (Dual Track). Der parallele Prozess erhöht den Druck auf potenzielle Käufer und kann die Bewertung verbessern. Private-Equity-Sponsoren können den attraktivsten Weg wählen, wenn sich Marktbedingungen kurzfristig ändern.

Im Small- und Mid-Cap-Bereich dagegen sind Börsengänge noch selten. Dabei gewinnt insbesondere im Sekundärmarkt das IPO an Bedeutung. Die zunehmende Zahl von Transaktionen zeigt, dass der Small-/Mid-Cap-Markt auch dort funktioniert. Speziell Wachstumsunternehmen setzen zunehmend auf Börsengänge.

Herausforderungen im Small- und Mid-Cap-Bereich

Die Vorteile eines Börsengangs für Small- und Mid-Cap-Unternehmen sind die gleichen, die auch für Large Caps gelten, nämlich insbesondere:

· Abschlusswahrscheinlichkeit und Bewertungsmultiple: Der öffentliche Markt zieht eine viel größere und diversifiziertere Gruppe von Investoren an (institutionelle und private), wenn das Risiko-Ertrags-Profil des Unternehmens stimmt. Dadurch ist eine höhere Abschlusswahrscheinlichkeit und potenziell eine höhere Bewertung möglich.

· Möglichkeit zum Teilausstieg: Durch den Teilausstieg kann der Verkäufer das Wertsteigerungspotenzial erhalten und Gewinne schrittweise realisieren. Allerdings entsteht durch den Teilverkauf ein öffentlicher Marktpreis, der als Referenz für die Unternehmensbewertung dient. Dies kann positive wie negative Auswirkungen auf die Internal Rate of Return (IRR) und den Net Asset Value (NAV) der Fonds haben.

· Aktie als Währung: Es wird eine „Währung“ für Folge-M&A und die Managementincentivierung geschaffen. Dies erhöht in der Regel auch die Attraktivität des Unternehmens für Mitarbeiter und Geschäftspartner. Gegen das IPO sprechen speziell im Small- und Mid-Cap-Bereich Gründe, die die weiterhin bestehende Zurückhaltung von Private-Equity-Investoren erklären.

· Hohe Kosten: Die Kosten des Börsengangs für die Vermarktung, Compliance und Distribution sind kaum skalierbar. Hinzu kommen hohe laufende Kosten für Investor Relations, Listing und Reportingpflichten.

· Fehlende Liquidität: Die Kapitalmärkte in Deutschland gelten derzeit als strukturell illiquide für Small Caps. Das ist keine Momentaufnahme, sondern ein länger bestehendes Problem. In Deutschland scheut die konservative Anlegerbasis in unsicheren Zeiten den Kauf von Nebenwerten. Dies führt zu einem zunehmenden Bewertungsunterschied (Valuation Gap) zwischen Small- und Large Caps. Erschwert wird die Situation durch den Rückzug vieler Banken und Broker aus dem Small-Cap-Research infolge von MiFID II.

· Zeitraum bis zur Exit Readiness: Die Studie von Grant Thornton in Deutschland zeigt, dass Private-Equity-Unternehmen schlecht auf M&A-Prozesse vorbereitet sind. Die Anforderungen beim Börsengang sind ungleich höher. Es gibt strengere formale, regulatorische und kapitalmarktrechtliche Vorgaben. Somit ist der Zeitraum bis zur Herstellung der Börsenfähigkeit häufig länger und mit größeren Unsicherheiten behaftet.

Wünschenswerte Impulse der Politik

Aufgrund der genannten Unwägbarkeiten wird der Börsengang als Option für den Exit zunehmend in Betracht gezogen. Die Unternehmensberatung Kirchhoff erwartet für 2025 acht bis zehn Börsengänge in Deutschland, darunter auch einige Small- und Mid Caps (zum Beispiel innoscripta). Das ist ein moderater Anstieg gegenüber dem Vorjahr. Für 2026 wird mit einem weiteren Anstieg gerechnet.

Einen nennenswerteren Anstieg könnte es durch regulatorische Änderungen geben, die sich auf die Senkung von Kosten und Komplexität konzentrieren. Dazu gehören die gezielte Stärkung der Investorenbasis und die Vereinfachung von Berichtspflichten. Wie dies zielgerichtet und schnell umgesetzt wird, kann in Ländern wie den USA, Japan und Australien beobachtet werden. Dort gibt es zahlreiche Fonds und Indizes (zum Beispiel den ASX Small Ordinaries Index), die mehr Sichtbarkeit und Liquidität für kleinere Firmen schaffen. Außerdem können steuerliche Erleichterungen, der Abbau von Bürokratie bei Aktienemissionen und die Förderung der Finanzbildung mehr Anlagekapital für börsengehandelte Small- und Mid-Cap-Unternehmen mobilisieren.

FAZIT

Der Exitstau ist durch größere Anstrengungen zur Erreichung der Exit Readiness allein nicht aufzulösen. Da eine Änderung des Konjunkturumfelds kurzfristig nicht zu erwarten ist, sind Alternativen erforderlich, die sich im Ausland bewährt haben. Dazu gehört insbesondere die weitere Öffnung der Kapitalmärkte für Small- und Mid-Cap-Portfoliogesellschaften. Wenn die Politik dafür die richtigen Hebel bedient, ist mit einem Wiederanstieg der Private-Equity-Exits über IPOs und der baldigen Auflösung des Exitstaus zu rechnen.

👉 Dieser Beitrag ist auch in der Magazinausgabe der Unternehmeredition 4/2025 mit Schwerpunkt „Unternehmervermögen“ erschienen.

Autorenprofil
Dr. Stephane Müller

Dr. Stephane Müller ist Deal Advisory Partner bei Grant Thornton in Frankfurt. Er ist auf kommerzielle und strategische Analysen im M&A-Umfeld spezialisiert und begleitet als Berater seit über 20 Jahren überwiegend Small- und Mid-Cap-Transaktionen in der DACH-Region.

 

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