Das Potsdamer Think Tank Brandenburgisches Institut für Gesellschaft und Sicherheit (BIGS) beschäftigt sich mit Themen zur Digitalen Souveränität Deutschlands und beleuchtet auch dabei die Situation beim Auf- und Ausbau der Infrastrukturen in Hinblick auf Resilienz und Leistungsfähigkeit. Viele der Mitarbeiter haben am Hasso-Plattner-Institut studiert oder verfügen, wie Andreas Könen, über einen jahrelangen Erfahrungsschatz aus dem Umfeld der Bundesebene in diesem Bereich.
Unternehmeredition: Herr Könen, als Wissenschaftler beobachten sie seit vielen Jahren die Entwicklung in Deutschland im Bereich der kritischen Infrastrukturen. Dazu zählen Datennetze und Glasfaser- Infrastrukturen. Wie sicher sind diese in Deutschland?
Andreas Könen: Die Datennetze in Deutschland sind historisch gewachsen und betriebswirtschaftlich optimiert, allerdings nicht sicherheitsorientiert. Nehmen wir beispielweise die Netze kritischer Infrastrukturen. Diese basieren oft auf angemieteten Übertragungswegen, vielfach mit Technik aus Risikoländern, geringer Redundanz, und werden aus dem Ausland betrieben. Im Ernstfall fehlt die Widerstandsfähigkeit. Und das betrifft auch nahezu alle Bereiche des wirtschaftlichen Lebens, so dass im Endeffekt die Unternehmen nicht nur die notwendigen Digitalisierungsprozesse voranbringen können, sondern auch durch Störfälle der verschiedensten Art erheblich gefährdet sind. Es gibt im zivilen und militärischen Bereich eine Menge Nachholbedarf.
Jetzt versuchen Mittelständler und Familienunternehmen wie Niedax, im Rahmen ihres Projekts Netz33 die fehlende Infrastruktur in Deutschland großflächig aufzubauen. Dabei geht es um den Aufbau eines 33.000 Kilometer langen, resilienten und Hochleistungsglasfasernetzes entlang der Schienenwege der Deutschen Bahn. Ist das ein Zukunftsprojekt?
Es dient definitiv dazu, die vorhandenen Defizite in der deutschen Infrastruktur abzubauen und für die digitale Souveränität Deutschlands weiter voran zu treiben. Bahntrassen bieten die Möglichkeiten eines engmaschigen Netzes, wo es dann möglich ist, im Falle von Störfällen beispielsweise den Datenfluss über Nebenstrecken umzuleiten. Durch den Neubau des hochleistungsfähigen Netzes werden gleichzeitig die höchsten sicherheitsrelevanten Standards bei maximaler Resilienz ermöglicht. Insofern ist es ein zukunftsfähiges Projekt für die digitale Souveränität Deutschlands, welches da mit Netz 33 aus dem deutschen Mittelstand heraus entsteht.
Warum haben es die Deutsche Bahn und die Deutsche Telekom bislang nicht geschafft, diese resilienten und leistungsfähigen Infrastrukturen in Deutschland zu errichten?
Das liegt an den Geschäftsmodellen der beiden Unternehmen. Die Bahn ist eher im Zeit- und Logistikbusiness angesiedelt. Dort den Glasfaserausbau voranzutreiben, gehörte nicht zu den Förderungszielen des Anteilseigners Bundesrepublik Deutschland. Auch die Deutsche Telekom verfolgt aus der Vergangenheit heraus andere Ziele: Sie kommt aus dem Bereich der so genannten letzten Meile, das heißt, sie denkt vom Endkundenanschluss in der Fläche aus. Damit ist sie über die Jahre hinweg mit Kupferleitungen sehr gut über die Runden gekommen, und muss nun aber ihr eigenes Glasfasernetz ausbauen. Weitere Herausforderungen ergeben sich für Bund und Länder bei der Modernisierung des digitalen Behördenfunks und der Netze des Bundes. Auch hier sind breitbandige Lösungen erforderlich, für die die bisher genutzten Services der Telekom nicht ausreichen. Insgesamt lässt sich feststellen, dass die verschiedenen Möglichkeiten des Glasfaserausbaus in Deutschland nicht optimal genutzt wurden.
Kann man überhaupt angesichts einer seit Jahren volatilen weltpolitischen Situation eine digitale Souveränität Deutschlands erreichen? Mal wird die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den USA auf harte Proben gestellt, dann untersagt die EU die Verwendung chinesischer Komponenten beim Ausbau hochleistungsfähiger Datennetze?
Es kommt darauf an, von welchen Komponenten wir reden. Das Glasfaserkabel ist an sich nicht problematisch. Es ermöglicht beispielsweise, dass von der Vielzahl der Fasern einige für die Funktionen der Netzsicherheit genutzt werden. Hier haben sich in den letzten vier Jahren die technologischen Möglichkeiten, etwa durch die Nutzung von Sensorik, erheblich verbessert. Bei technischen Komponenten wie Routern sollte man auf deren Herkunft schauen und darauf, welche technologischen und sicherheitstechnischen Standards erfüllt werden. Auch ist es wichtig, die Netzstrukturen separat zu betrachten. Ein in der Erde oder in geschlossenen Kabelkanälen verlegtes Glasfasernetz lässt sich sicherheitstechnisch erheblich besser kontrollieren als etwa eine reine Mobilfunkverbindung. Davon profitieren die zukünftigen Nutzer dieser Infrastruktur. Werden entlang dieser Netzstrukturen beispielsweise Rechenzentren gebaut, so sind diese klassische Kunden aus dem Bereich der kritischen Infrastrukturen, die wiederum eigenen Regularien wie der NIS2-Richtlinie und dem KRITIS-Dachgesetz unterliegen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Torsten Holler.
ZUM INTERVIEWPARTNER








