Kooperation mit Start-ups: Selber brüten oder kaufen?

Startup Kooperation
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Innovation lautet das Zauberwort. Wer sein Unternehmen und die Produkte nicht ständig weiterentwickelt, wird langfristig vom Markt verschwinden. Unzählige Handbücher, Seminare und Vorträge beschäftigen sich damit, wie Innovation in einer Firma gefördert werden kann. Aber wie können Unternehmen erreichen, dass sie neue Lösungen außerhalb des eigenen Kernbereichs suchen, die sogar gegenüber dem eigenen bisherigen Geschäftsmodell disruptiv sind? Hier kann die Kooperation von etablierten Unternehmen mit Start-ups einen wesentlichen Beitrag leisten.

„In der Vergangenheit waren die Unternehmerpersönlichkeiten im Mittelstand selbst die treibenden Kräfte für Innovationen. Dabei kam es meist zu einer Verbesserung bereits bestehender Produkte im oder am Rande des Kernbereichs der eigenen operativen Tätigkeit. Selten wurden radikale Innovationen durchgeführt“, sagt Dr. Christoph Winkler Rechtsanwalt und Partner bei Ebner Stolz. Nach seiner Ansicht haben sich die Zeiten geändert. Um nicht vom Wettbewerb überholt zu werden, müssen sich Unternehmen permanent neu erfinden. Aus eigener Kraft sei dies gegenwärtig allerdings kaum noch zu bewältigen.

Start-up als ein Innovationsmotor

Noch seien etablierte mittelständische Unternehmen zu verhalten, wenn es darum geht ihren Kernbereich zu verlassen und Kooperationen mit Start-ups einzugehen. Auch ein gestandener Unternehmer solle den Schritt wagen, seine Komfortzone zu verlassen. Es gelte auch den Punkt zu definieren, an dem die eigene F&E-Abteilungen nicht mehr weiterdenken kann oder will. Hier kann dann ein externer Impulsgeber die richtige Lösung sein. Dabei stellt sich die Frage, wie man das passende Start-up für eine Zusammenarbeit findet. „Hierfür sind zunächst die Technologietrends zu analysieren, um zu erkennen, welche Entwicklungen das eigene Geschäftsmodell gefährden und welche Technologien erforderlich sind, um das bestehende Geschäftsmodell fortzuentwickeln“, erklärt Dr. Winkler. In einem zweiten Schritt könne dann die gezielte Kontaktaufnahme mit der Gründerszene erfolgen. Start-up-Events können hier einen ersten Schritt des Kennenlernens darstellen. Grundsätzlich sei es wichtig, sich in Netzwerken zu bewegen und dort Informationen zu sammeln.

Mit kleinen Projekten einsteigen

„Die Bandbreite der Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit zwischen Mittelstand und Start-ups ist weit. Sie kann von einer bloßen Unterstützung, über eine klassische Kooperation bis hin zu Investitionsmodellen oder einer Eigenkapitalbeteiligung reichen“, sagt Dr. Winkler. Es sei auch eine denkbare Lösung, dass sogenannte gemischte Teams gebildet werden, die sich mit einer gemeinsamen Entwicklungsaufgabe auseinandersetzen. Kleinere Einzelprojekte und Tests können schließlich in einer erfolgreichen und langfristigen Kooperation münden. Denkbar sei auch das Zusammenspiel zwischen mehreren strategischen Partnern mit Universitäten und Forschungseinrichtungen.

Auf die Rahmenbedingungen achten

„Je enger die Zusammenarbeit, desto wichtiger ist, die Rahmenbedingungen von vornherein klar abzustecken. Die Projektziele und auch die Form der Kooperation sind klar zu definieren. Das Projektbudget und auch der Zeitrahmen sind festzulegen“, rät Dr. Winkler. Auch gelte es, rechtzeitig steuerliche Themen zu beachten. Eine frühzeitige Regelung sollten auch für die Rechte an dem Know-how und den Arbeitsergebnissen gefunden werden. Die Verständigung auf klare Regeln führe zu einem Aufbau von Vertrauen und vermeide unnötige Missverständnisse.

Verschiedene Kooperationsmodelle

Als eine Möglichkeit für eine Kooperation zwischen Unternehmen und Start-ups sieht Dr. Winkler die sogenannten Investitionsmodelle. Hier erfolge die gezielte Förderung von jungen Start-ups durch ein mittelständisches Unternehmen in Inkubator- oder Acceleratorprogrammen. Das Start-up erhält Arbeitsmittel, finanzielle Ressourcen, Serviceleistungen und ggf. Personal eines etablierten Unternehmens und kann mit diesen Möglichkeiten neue Produkte zur Marktreife bringen. Im Gegenzug können dann die mittelständischen Unternehmen Anteile an dem Start-up erhalten.

Als weitere Möglichkeit nennt Dr. Winkler den Erwerb einer Beteiligung in Form von Corporate Venture Capital. In diesem Fall beteiligen sich mittelständische Unternehmen an interessanten Start-ups und stellen finanzielle Mittel zur Verfügung. Darüber hinaus unterstützen die Unternehmen mit Know-how, Kontakten und Marketing. „Durch das Bereitstellen von Beteiligungskapital können Investoren gewissen Einfluss auf den Erfolg des Start-ups nehmen − und sie profitieren durch die Erweiterung ihres Geschäftsfeldes und von neuen Technologien“, sagt Dr. Winkler.

Schließlich sei die Kooperation mittelständischer Unternehmen mit Start-ups möglich durch eine Ausgründung in eine neue Gesellschaft. Diese Variante bietet sich vor allem dann an, wenn eine Geschäftsidee nicht im Unternehmenskontext des Mittelständlers verwirklicht werden kann. Bei dieser Form der Kooperation stehe meist die Erschließung von Zukunftsmärkten im Fokus.

Anders als bei der Bereitstellung von Corporate Venture Capital stellt die Akquisition eines Start-ups durch den Mittelständler dessen vollständige Übernahme dar. Das Start-up verliert durch diesen Schritt seine Eigenständigkeit. Hierdurch kann das mittelständische Unternehmen schnell neue Technologien und Märkte erschließen.

Worauf zu achten ist

„Bei allen Kooperationsformen sollten die gemeinsamen Entwicklungsvorstellungen sowie die kurz- und langfristigen Ziele der Zusammenarbeit vorher sorgfältig analysiert werden“, rät Dr. Winkler. Für den Verlauf der Projekte sollten messbare Erfolge, wie etwa der Markteintritt eines Produkts oder bestimmte Entwicklungsschritte, wie Zertifizierungen, Skalierungen oder Internationalisierung definiert werden. Dazu gehöre dann auch die Entwicklung von Exitszenarien und die Klärung des Zugriffs auf Schutzrechte und Lizenzen. Last but not least sei für eine erfolgreiche Kooperation wichtig, den Start-ups nicht ihre Seele zu nehmen. „Die größte Gefahr besteht darin, die Start-ups organisatorisch in die eigenen Prozesse integrieren zu wollen und sie einem Berichtswesen mit unterzuordnen, das ihnen die Freiheit und die Kreativität nimmt“, sagt Dr. Winkler. Kooperatives Denken sei eine wichtige Basis für den Erfolg.


ZUR PERSON

Dr._Christoph_Winkler
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Dr. Christoph Winkler ist Rechtsanwalt und Part­ner bei Ebner Stolz in Stuttgart/Köln. Ebner Stolz gehört zu den Top Ten der mittelständischen Prüfungs- und Beratungsgesellschaften in Deutschland. Das Unternehmen verfügt über fundierte Erfahrung in Wirtschaftsprüfung, Steuer-, Rechts- und Unternehmensberatung, hat hohe Qualitätsmaßstäbe und steht für eine ausgeprägte Kundenorientierung sowie unternehmerisches Denken. Mehr als 1.700 Mitarbeiter betreuen deutschlandweit überwiegend mittelständische Industrie-, Handels- und Dienstleistungsunternehmen aller Branchen und Größenordnungen. Länderübergreifende Aufträge werden zusammen mit Nexia International durchgeführt, einem der zehn größten weltweiten Netzwerke von Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsunternehmen in über 120 Ländern.