Insolvenzen dürften 2022 wieder steigen

Im Zuge der Covid-19-Pandemie ist der Begriff Distressed M&A verstärkt in den Fokus gerückt. Eine Insolvenzwelle droht vorerst nicht.
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Es mehren sich die Anzeichen, dass die Zeiten niedriger Insolvenzzahlen vorbei sind. Der Kreditversicherer Atradius beispielsweise erwartet in einer aktuellen Analyse, dass die Insolvenzen in den meisten Märkten der Welt im kommenden Jahr deutlich zunehmen werden. „Mit dem Ende staatlicher Stützungsmaßnahmen und dem in Teilen künstlichen Erhalt von Unternehmen wird die Zahl der Insolvenzen wieder auf ein normales Niveau steigen“, sagt Thomas Langen, Senior Regional Director Deutschland, Mittel- und Osteuropa. Für 2022 rechnet Atradius daher mit einem weltweiten Anstieg der Insolvenzen im Bereich von 30%.

Normalität bei Insolvenzen kehrt wieder ein

„Damit kehren wir zur Normalität bei den Insolvenzen zurück, verstärkt noch durch einen bestimmten Anteil an Unternehmen, die 2020 vor der Insolvenz gerettet wurden“, fährt Langen fort. Drei Faktoren werden die Zahl der Insolvenzen im kommenden Jahr nach Einschätzung von Atradius im Wesentlichen nach oben treiben: Erstens gebe es eine verzögerte Wirkung von Insolvenzen, die unter normalen Umständen − kein Fiskalpaket, keine Insolvenzmoratorien − schon 2020 eingetreten wären. Zweitens verursache das Auslaufen der fiskalischen Unterstützungen nach und nach einen Anstieg der Insolvenzen. Dies dürfte grundsätzlich zu einem „normalen“ Niveau zurückführen, ähnlich wie in der Zeit vor der Pandemie. Der dritte Faktor ist der Effekt der wirtschaftlichen Entwicklung. Aus historischen Zusammenhängen sei bekannt, dass Insolvenzen in expansiven Konjunkturzyklen im Allgemeinen abnehmen, und zunehmen, wenn sich das Wachstum verlangsamt oder sogar zurückgeht. Auf regionaler Ebene erwartet Atradius in diesem Jahr einen Anstieg der Insolvenzen in Europa, während der Trend in Nordamerika undim asiatisch-pazifischen Raum weiterhin rückläufig sein werde.

Auch Euler Hermes sieht drohenden Zuwachs

2022 dürften die weltweiten Insolvenzen auch nach Ansicht von Euler Hermes langsam wieder ansteigen – allerdings so die Mitteilung „aufgrund der umfangreichen staatlichen Unterstützungsmaßnahmen weiterhin von sehr niedrigem Niveau kommend“. 2020 lag der Rückgang bei den weltweiten Pleiten bei 12% und auch im laufenden Jahr zeichne sich ein weiterer Rückgang um rund 6% ab. Dies ist das Ergebnis der Insolvenzstudie des Kreditversicherers Euler Hermes. „Die staatlichen Unterstützungsmaßnahmen haben ihr Ziel erreicht, möglichst viele Insolvenzen zu verhindern“, sagt Maxime Lemerle, Leiter der Branchen- und Insolvenzanalyse bei der Euler Hermes Gruppe. „In Westeuropa haben die Maßnahmen jede zweite Pleite verhindert, in den USA jede Dritte. Für 2021 zeichnet sich keine Trendwende ab: Die Verlängerung zahlreicher Programme wird die Insolvenzen im Jahr 2021 auf einem weiterhin niedrigen Niveau halten. Wie es weitergeht, hängt maßgeblich davon ab, wie die Regierungen in den kommenden Monaten handeln. Erst ab 2022 dürfte sich das weltweite Insolvenzgeschehen wieder sukzessive normalisieren.“

Zunahme in Deutschland um 9%

Euler Hermes rechnet weltweit mit einem Anstieg der Pleiten um 15%, dieser Wert sei dann im Durchschnitt voraussichtlich weiterhin 4% niedriger als 2019 – vor der Pandemie. Die Entwicklung verlaufe regional aber sehr unterschiedlich.  So rechnet Euler Hermes mit einem Anstieg der Insolvenzen in Westeuropa 2021 voraussichtlich in Italien (+47%) Spanien (+30%), Großbritannien (+10%), Luxemburg und der Schweiz (je +4%) sowie in Belgien (+3%). In Osteuropa seien insbesondere Polen (+62 %), Ungarn (+20%), Rumänien (+8%) und Bulgarien (+5%) von steigenden Fallzahlen betroffen. „2022 dürften zudem auch in Deutschland die Pleiten wieder um rund 9% auf etwa 16.300 Fälle zunehmen“, sagt Lemerle. „Diese Entwicklung dürfte vor allem im zweiten Halbjahr zeigen. Es ist weiterhin ein sehr niedriges Niveau der Fallzahlen und entspricht in etwa dem Stand im Jahr 1993.

Preise für Rohstoffe und Vorprodukte größtes Risiko

Steigende Rohstoffpreise und Inflation, die Auswirkungen der Pandemie sowie geopolitische Spannungen belasten die Unternehmen und verschärfen den Transformationsdruck. In der „Restrukturierungsstudie 2021“ von Roland Berger gehen drei Viertel der 500 befragten Experten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz von einem Anstieg der Sanierungsfälle innerhalb des nächsten Jahres aus. „Zahlreiche Unternehmen waren bereits vor der Pandemie in einer Schieflage. Sie haben zwar finanzielle Hilfen bekommen, jedoch ist ihre Verschuldung dadurch noch höher geworden. Die gestiegenen Rohstoffpreise und Kapitalkosten drücken weiter auf die Bilanz. Die Geschäftsmodelle müssen angepasst und Wertschöpfungsketten neu definiert werden, um Unternehmen auch in einem anhaltend volatilen Umfeld solide aufzustellen“, sagt Sascha Haghani, Leiter der globalen Plattform Restructuring, Performance, Transformation & Transaction (RPT) und Geschäftsführer DACH bei Roland Berger. Die Experten sehen im Einzelhandel sowie in der Tourismusbranche und der Automobilindustrie den größten Restrukturierungsbedarf.  Versäumnisse bei der Digitalisierung und disruptive Innovationen (38% der Befragten) seien wie in den Vorjahren die wesentlichen Ursachen für die notwendige Anpassung von Unternehmen. Dahinter gibt es Bewegung: Mit der Abhängigkeit von der Rohstoffpreisentwicklung (14%) und den steigenden Anforderungen in Bezug auf ESG-Kriterien (11%) werden neue Treiber für eine nötige Umstrukturierung genannt.

Autorenprofil

Als Redakteur der Unternehmeredition berichtet Alexander Görbing regelmäßig über Unternehmen und das Wirtschaftsgeschehen. Zu seinen Schwerpunkten gehören dabei Restrukturierungen, M&A-Prozesse, Finanzierungen sowie Tech-Startups.

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