Veronika Grimm erhält Preis des Deutschen Mittelstands 2026

v.l. Dr. Reinhard Zinkann, Geschäftsführender Gesellschafter Miele & Cie. KG, Stiftungsrat der Stiftung Wir Eigentümerunternehmer; Preisträgerin Prof. Dr. Veronika Grimm; Ministerpräsident Michael Kretschmer, Ministerpräsident des Freistaates Sachsen; Herzogin Anna in Bayern, Herzoglich Bayerisches Brauhaus Tegernsee, Stiftungsrätin der Stiftung Wir Eigentümerunternehmer; Dr. Jürgen Großmann, Vorsitzender des Stiftungsrats der Stiftung Wir Eigentümerunternehmer; Dr. Yorck Otto, Präsident UNION MITTELSTÄNDISCHER UNTERNEHMEN - UMU - Wir Eigentümerunternehmer. Foto: © Andreas Amann, Berlin

Der Preis des Deutschen Mittelstands ist am 6. Oktober im Würth Haus Berlin an Prof. Dr. Veronika Grimm verliehen worden. Seit 32 Jahren zeichnet die Stiftung Wir Eigentümerunternehmer damit Persönlichkeiten aus, die sich in besonderer Weise um den deutschen Mittelstand verdient gemacht haben. Im Mittelpunkt des Abends standen die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands, die Notwendigkeit wirtschaftspolitischer Reformen und die Frage, wie wieder mehr Raum für unternehmerische Initiative geschaffen werden kann.

Mit Grimm würdigte der Verband eine Ökonomin, die für klare, mitunter unbequeme Positionen in der Wirtschaftspolitik bekannt ist. Die Professorin für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Energiesystemanalyse und Marktdesign, an der Technischen Universität Nürnberg gehört seit 2020 als „Wirtschaftsweise“ dem Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung an. Die Veranstalter hoben insbesondere ihren „Mut zur Klarheit“ in Debatten über Energiewende, Bundeshaushalt und Wettbewerbsfähigkeit hervor.

Kretschmer fordert neuen Mut zur Innovation

Foto: © Andreas Amann, Berlin

Die Laudatio auf die Preisträgerin hielt Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer. Er würdigte vor allem Grimms Bereitschaft, eigene Positionen zu entwickeln und diese auch dann zu vertreten, wenn sie nicht dem vorherrschenden Meinungsbild entsprechen. Gerade beim Thema Energie habe sie stets versucht, „das große Ganze“ im Blick zu behalten. Deutschland brauche Menschen, die neue Gedanken und Argumente in die Diskussion einbrächten: „Das braucht dieses Land heute mehr denn je.“

Als weitere zentrale Herausforderung nannte Kretschmer die Innovationsfähigkeit. Während Deutschland in der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 bewusst zusätzlich in Wissenschaft und Forschung investiert habe, vermisse er heute einen vergleichbaren Aufbruch. „Nur durch neue Innovationen, nur durch neue Wissenschaften kommen wir voran“, betonte er.

Zugleich warb Kretschmer für eine größere gesellschaftliche Bereitschaft zur Veränderung. Dafür müsse die wirtschaftliche Situation klar benannt werden. Veränderungen dürften nicht ausschließlich als Einschränkung oder Ungerechtigkeit wahrgenommen werden, sondern müssten auch als Chance begriffen werden.

Grimm: „Die Hausaufgaben sind unsere eigenen“

Grimm machte zu Beginn ihrer Rede deutlich, dass ihr die Auszeichnung gerade aus den Reihen der Unternehmer viel bedeute. Sie sei sich bewusst, dass sie Unternehmen in den vergangenen Jahren nicht immer das gesagt habe, was diese gerne hören wollten. Umso mehr freue sie sich über die Anerkennung ihrer Art, Wirtschaftspolitik zu kommentieren.

Dabei nahm sie auch die Wirtschaft selbst in die Pflicht. Unternehmer und Manager müssten sich stärker trauen, der Politik offen zu sagen, wie sie die wirtschaftliche Realität wahrnähmen. Im Hintergrund würden Probleme häufig deutlich benannt, gegenüber politischen Entscheidungsträgern falle die Kritik dagegen mitunter zurückhaltender aus.

Grimms wirtschaftliche Bestandsaufnahme fiel ernüchternd aus. Das Potenzialwachstum Deutschlands liege derzeit lediglich bei 0,3 bis 0,4 Prozent und drohe angesichts der demografischen Entwicklung und eines sinkenden Arbeitskräfteangebots weiter zurückzugehen. Reformen seien daher dringend notwendig. Auch die sozialen Sicherungssysteme müssten auf eine nachhaltigere Grundlage gestellt werden. Eine Konsolidierung der Staatsfinanzen allein schaffe jedoch noch kein neues Wachstum.

Innovationen als Schlüssel für neues Wachstum

Foto: © Andreas Amann, Berlin

Neue Wachstumsimpulse erwartet Grimm vor allem von Innovationen und privaten Investitionen. Bei Zukunftstechnologien wie Künstlicher Intelligenz und Robotik falle Europa gegenüber den USA und China zurück. Das sei nicht nur wirtschaftlich problematisch. Wer entscheidende Technologien nicht selbst entwickle und in großem Umfang anwende, riskiere auch neue sicherheitspolitische Abhängigkeiten.

Auch mit Blick auf China plädierte Grimm für eine differenzierte Betrachtung. Das Land konkurriere inzwischen in Bereichen, die traditionell zu den Stärken der deutschen Wirtschaft gehörten. Eine wirtschaftliche Abkopplung hält sie dennoch für problematisch. Gerade für die Energiewende sei Europa auf zahlreiche in China produzierte Technologien und Produkte angewiesen. Internationale Kooperation bleibe deshalb notwendig.

Kritisch äußerte sich Grimm zum Wachstum des staatlichen Bereichs. Während sich wissensintensive private Dienstleistungen in Deutschland seit Jahren nur schwach entwickelten, habe die Beschäftigung in zentraler und politischer Verwaltung seit dem Jahr 2000 deutlich zugenommen. Staatliche Programme führten zudem häufig zu neuen Vorgaben, Kontrollmechanismen und zusätzlichem Verwaltungsaufwand. Nachhaltiges Wachstum müsse dagegen vor allem aus privatwirtschaftlicher Entwicklung entstehen.

„Leistungen und Initiativen müssen sich wieder lohnen“

Einen zentralen Gedanken ihrer Rede fasste Grimm unter dem Begriff Selbstwirksamkeit zusammen. Menschen und Unternehmen müssten wieder erfahren, dass das eigene Handeln tatsächlich etwas bewirken könne. „Leistungen und Initiativen müssen sich wieder lohnen, materiell, aber auch durch die Erfahrung, tatsächlich was verändern zu können.“

Dazu gehörten aus ihrer Sicht bessere Bedingungen für Innovationen, weniger hinderliche Regulierung sowie Reformen bei Bildung und Arbeitsmarkt. Statt die Ursachen der deutschen Wachstumsschwäche vor allem im Ausland zu suchen, müsse Deutschland seine strukturellen Probleme selbst angehen: „Die Hausaufgaben, das sind schon unsere eigenen Hausaufgaben und genau die müssen wir angehen.“

Wirtschaftspolitischer Auftakt im Europäischen Senat

Foto: © Andreas Amann, Berlin

Der Preisverleihung vorausgegangen war das Senatstreffen des Europäischen Senats Wir Eigentümerunternehmer. Dr. Ottmar Schuster zeichnete dort ein angespanntes Bild der wirtschaftlichen Lage. Deutschland habe in diesem Jahr den Verlust von 200.000 Industriearbeitsplätzen zu verkraften, insbesondere die Automobilindustrie schwächele. Gerade deshalb komme dem Mittelstand besondere Bedeutung als „Rückgrat der deutschen Wirtschaft“ und der freien sozialen Marktwirtschaft zu.

Auch personell wurden bei der Senatssitzung wichtige Weichen gestellt: Im Rahmen des Treffens wurden Dr. Tim Bendig, Kai-Pierre Thieß und Baron Nils von Maydell neu in den Senat aufgenommen und Grimm zur Ehrensenatorin ernannt. Sirri Haydar übernimmt den Vorsitz des Präsidialbeirats von Dr. Dieter F. Kindermann, der das Amt mehr als 46 Jahre lang innehatte. Haydar, bislang stellvertretender Vorsitzender, kündigte an, sich insbesondere dafür einzusetzen, dass die Anliegen der Unternehmer stärker Gehör finden und gemeinsame Lösungen für die wirtschaftlichen Herausforderungen entwickelt werden.

Einen weiteren Schwerpunkt bildeten Bürokratie und staatliche Förderung. Gerd Maaß berichtete aus dem Arbeitskreis Wirtschaft und Politik, der sich gemeinsam mit Prof. Peter Steinhoff und Studierenden unter anderem mit dem Bürokratieabbau und dem „Digital Omnibus“ der EU beschäftigt hat.

Breiten Raum nahm die Bildungspolitik ein. Grimm kritisierte am Beispiel von Förderprogrammen für Schulen, dass Milliardenbeträge bereitgestellt würden, deren Verwendung zugleich mit hohem Aufwand, umfangreichem Monitoring und engen Vorgaben verbunden sei. Die Mittel ließen sich dadurch nicht immer an den tatsächlichen Bedürfnissen vor Ort einsetzen. Statt immer komplexerer Förderstrukturen plädierte sie dafür, den Ländern mehr Verantwortung zu überlassen und auch den Wettbewerb um bessere Lösungen zuzulassen.

Eng damit verknüpfte Grimm die Frage nach Leistung und Eigenverantwortung. Schule müsse jungen Menschen wieder stärker vermitteln, sich anzustrengen und sich dem Wettbewerb zu stellen. Dazu gehöre auch, Niederlagen auszuhalten und zugleich Verantwortung für schwächere Teammitglieder zu übernehmen. Leistung und Teamgeist seien keine Gegensätze.

Fazit

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Senatssitzung und Preisverleihung zeichneten das Bild eines Wirtschaftsstandorts unter erheblichem Veränderungsdruck. Zugleich blieb es nicht bei der Bestandsaufnahme. Die Diskussionen kreisten immer wieder um die Frage, wie Deutschland wieder mehr wirtschaftliche Dynamik entwickeln kann. Deutlich wurde dabei vor allem eines: Der Mittelstand braucht verlässliche Rahmenbedingungen und ausreichend Spielraum, um auf Veränderungen reagieren, investieren und Neues entwickeln zu können. Dass Reformbedarf besteht, war kaum strittig. Entscheidend wird sein, ob daraus auch konkretes Handeln folgt.

Autorenprofil
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Eva Rathgeber ist Chefredakteurin der Unternehmeredition und verfügt über langjährige Erfahrung in Journalismus, PR und Unternehmenskommunikation. Inhaltlich liegt ihr Fokus auf Mittelstand, Familienunternehmen, Finanzierung, Investitionen, Private Equity, M&A, Nachfolge, Digitalisierung und Innovation.

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