Skepsis gegenüber dem Massenkredit

Geschäftsführer Jürgen Stehr: Innerhalb von drei Tagen hat er 250.000 Euro über Crowdlending eingesammelt.

Crowdlending gilt als schicke Alternative zum Kredit bei der Hausbank. Vor allem Technologiefirmen finden hier Geldgeber. Doch der Markt kommt nur schwer in Gang. Mittelständler tingeln immer noch lieber zur Hausbank. Dabei können Mischformen der Kreditfinanzierung durchaus sinnvoll sein.

Die Entscheidung fällt am Frühstückstisch. Als Werner Zimmermann sonntags die Zeitung durchblättert, liest er über Crowdlending. Eine Finanzierungsform ohne Bank, bei der private und institutionelle Anleger Firmen Geld leihen. Organisiert werden die Deals über Online-Kreditplattformen. Zimmermann nippt am Kaffee und beschließt tags darauf, bei einem der Anbieter anzurufen. Der Inhaber des Rhenocoll-Werks, eines traditionellen Farbenherstellers, will 200.000 Euro als Kredit aufnehmen. Geld, mit dem er einen Online-Shop für sein neues Produkt starten will: „Gesundfarben“ sind biozidfreie Fassaden- und Wandfarben, die der Diplom-Chemiker zum Patent angemeldet hat und übers Netz verkaufen will. Der Weg zur Bank ist ihm zu steinig. Zimmermann will schnell handeln, das Prozedere mit der Bank dauert oft mehrere Monate. Zudem sind die Anforderungen an einen Kredit hoch. Weitere Sicherheiten hätte der Unternehmer liefern müssen.

Gesundfarbe von Rhenocoll: Innerhalb einer Woche sammelte das Unternehmen 200.000 Euro von der Crowd ein.
Gesundfarbe von Rhenocoll: Innerhalb einer Woche sammelte das Unternehmen 200.000 Euro von der Crowd ein.

Nach einem kurzen Anruf und Mailen der aktuellen Betriebsauswertungen erhält der Chef von 50 Mitarbeitern innerhalb kurzer Zeit die Zusage: Die Kreditplattform Kapilendo findet das Digitalprojekt der Farbenfabrik kreditabel und will Anleger finden. Also schicken die Berliner Jungunternehmer ein Filmteam in die Westpfalz. In 60 Sekunden schneidet es zusammen, weshalb es sich lohnt, für das Wachstum der Gesundfarben Geld zu leihen. Der Kurzfilm wandert auf die Kreditplattform. „Binnen einer Woche war die Investitionssumme eingesammelt“, erinnert sich Zimmermann, der die Firma in zweiter Generation führt. Er hat die Crowd überzeugt, der Kredit steht. Der Zinssatz beträgt 4,5 Prozent, die Laufzeit drei Jahre.

Markt steht erst am Anfang

Doch so schön die Geschichte klingt, der Markt kommt nicht recht in Schwung: Nach Angaben des Cambridge Center for Alternative Finance wurden 2015 insgesamt 249 Mio. Euro über Online-Plattformen wie Kapilendo, Unternehmerich und Auxmoney abgerufen. Im Vergleich zum Vorjahr ist das zwar ein Plus von 75 Prozent. Gemessen am Gesamtvolumen der Kreditnachfrage von Mittelständlern für Investitionszwecke allerdings verschwindend gering. Im Jahr 2015 betrug diese nach Angaben der KfW insgesamt rund 132 Mrd. Euro. Demnach wurden gerade einmal zwei Promille des Volumens online abgewickelt. Zudem ist die Szene zuletzt in die Schlagzeilen geraten. In kurzer Zeit meldeten mehrere FinTechs, die Start-ups finanziert haben, Insolvenz an. Diese hatten teils in den Vorjahren siebenstellige Summen eingesammelt. Da Kreditplattformen nur als Vermittler tätig sind, ist allerdings kein Ausfallrisiko für Anleger und Kreditnehmer vorhanden.