Das German Centre Shanghai am Standort Pudong ist seit 2006 erste Anlaufstelle für deutsche Unternehmen in China. Im Interview spricht CEO Christian Sommer über die Entwicklung des German Centre, das Engagement deutscher Firmen im Reich der Mitte und über die größten Herausforderungen, die das Wirtschaftsleben in China künftig prägen werden.

Unternehmeredition: Herr Sommer, welche Vorteile bietet ein German Centre aus Sicht des Unternehmers?
Sommer: Ein German Centre ist ein Haus der kurzen Wege, das Unternehmen den Einstieg in ausländische Wachstumsmärkte erleichtert. Unternehmen können bei uns mit einem Ein-Mann-Büro anfangen und sich bei Bedarf auf eine ganze Etage ausbreiten. Ergänzend sind in den German Centres zahlreiche Dienstleister ansässig, die das Leben erleichtern. Bei uns in Shanghai sind das etwa Steuerberater, IT-Dienstleister oder eine Bäckerei. Wir vermieten zudem 60 Appartements mit Zugang zu Tennisplätzen und Schwimmbad. Und wir unterstützen die Firmen bei Behördengängen und fördern den Erfahrungsaustausch untereinander. Das unterscheidet uns von einem reinen Bürokomplex. Ein weiterer Erfolgsfaktor aller German Centres ist, dass Management und Mitarbeiter jederzeit ansprechbar sind. Anderswo mieten Unternehmen auch schöne Büros, aber sobald der Vertrag unterschrieben ist, bleibt nur der Hausmeister vor Ort. Bei uns ist das anders. In Shanghai laden wir beispielsweise regelmäßig Mieter zum Abendessen ein. Ziel ist es, ein offenes Feedback zu unseren Leistungen zu bekommen. Diese Nähe schätzen unsere Kunden.


Unternehmeredition: Das German Centre Shanghai wurde vor sechs Jahren eröffnet. Wie viele Unternehmen haben sich seitdem dort angesiedelt? Welches Zwischenfazit ziehen Sie?
Sommer: Das German Centre Shanghai am Standort Pudong hat sich sehr erfreulich entwickelt. Seit Anfang 2007 sind die 33.000 Quadratmeter Bürofläche praktisch ununterbrochen komplett besetzt. Aktuell sind wir zu 99,9% ausgelastet. 105 Unternehmen nutzen unsere Büros, weitere 21 kommerzielle Mieter haben sich in unserer Geschäftszeile im Erdgeschoss angesiedelt. Auch finanziell stehen wir gut da. Insofern können wir ein positives Fazit ziehen. Uns ist allerdings bewusst, dass der Erfolg auch Konsequenz des anhaltenden China-Booms ist. Trotzdem ist hervorzuheben, dass wir selbst zu Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise Ende 2008 und 2009 kaum einen Mieter verloren haben. Unsere Belegung betrug in dieser Zeit immerhin noch gut 97%. Ursache dafür war, dass wir damals Mietern mit Liquiditätsschwierigkeiten mit einer vorübergehenden Teilrückzahlung ihrer Mietsicherheit helfen konnten. So sind wir unserer Funktion als Wirtschaftsförderer gerecht geworden – ohne unsere eigenen Interessen zu vernachlässigen.

Unternehmeredition: Wie hat sich das Engagement der deutschen Firmen in China über die Jahre verändert?
Sommer: Das Engagement deutscher Firmen hat sich stark verändert. Stand vor zehn Jahren der Export von deutschen Gütern und damit die Marktbearbeitung Chinas im Vordergrund, so sehen wir heute ein vielfältigeres Bild. Zum einen hat der Einkauf in China an Bedeutung gewonnen, zum anderen hat die Anzahl der spezialisierten technischen Dienstleister im Land deutlich zugenommen. Das liegt daran, dass die Unternehmen der ersten Stunde bereits seit Mitte der 90er Jahre in China produzieren. Dafür braucht es qualifizierte Dienstleistungen und Zulieferer. Ebenso haben sich die Standorte, an denen die deutschen Firmen produzieren, verändert. Aufgrund stark gestiegener Gehälter und des Kostenumfelds in den Großstädten sind die sogenannten Städte der zweiten Kategorie in den Fokus der Deutschen geraten. So produzieren beispielsweise bereits über 150 deutsche Unternehmen in Taicang, einer Kleinstadt in der Provinz Jiangsu nahe Shanghai.
Unternehmeredition: Herr Sommer, welche Herausforderungen werden das Wirtschaftsleben in China in naher Zukunft am stärksten prägen?
Sommer: China hat in den vergangenen Monaten neue Gesetze und Verordnungen im Bereich der Sozialversicherungen und Einkommensteuer erlassen. Insbesondere die Vorschriften im Sozialbereich werden die Arbeit in China erheblich verteuern. Hinzu kommen Mindestlöhne, die in den nächsten fünf Jahren per anno um gut 10% steigen sollen. All dies spielt sich in einem Umfeld ab, in dem die Unternehmen nicht ausreichend qualifizierte Arbeitskräfte finden können. Wenn Sie dann noch berücksichtigen, dass in China die Zahl der Personen im arbeitsfähigen Alter aufgrund der Ein-Kind Politik abnimmt, sehen Sie, dass dies ein langfristiges Problem für China darstellt. China wird den Weg des effizienten und Ressourcen schonenden Produzierens einschlagen müssen, um die Situation nicht noch zu verschlimmern.

Unternehmeredition: Herr Sommer, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Markus Hofelich.
markus.hofelich@unternehmeredition.de


Zur Person:
Christian Sommer ist seit 2005 CEO und Chairman des German Centre Shanghai. Das German Centre wird von der BayernLB betrieben. www.germancentre.com