„Wir sind dann eben unsere eigene Bank“

 

Von Dr. Wolfgang Hartmann, CEO, TEC International Germany

Nach der weltweiten Finanz-, Wirtschafts- und abgewendeten Währungskrise ist in den meisten mittelständischen Unternehmen die Suche nach den Konsequenzen in vollem Gange: Wie steuere ich meine Firma künftig durch dieses aufgewühlte Meer von Unsicherheiten, in dem Geschäftsmodelle in kürzester Zeit versinken, stabile Märkte sich in Gischt auflösen, klassische Eckpunkte jeder Unternehmensstrategie zerschellen und Planungssicherheit gerade einmal bis zur nächsten Welle herrscht? Bei immer kürzeren Krisenzyklen müssen auch die Planungszyklen der Unternehmen immer kürzer werden, muss sich die Flexibilität enorm erhöhen, müssen Kernkompetenz und Diversifikation sich ganz neu ausbalancieren, um das Platzen der nächsten Blase, wo auch immer, zu überleben. Dies bedeutet, Finanzierungs- und Investitionsstrategien zu finden, mit denen das Unternehmen Flexibilität und Unabhängigkeit von einzelnen Produkten, Märkten und Vertriebssystemen sicherstellen und im erneuten Krisenfall schnell genug reagieren kann.

Bürokratisierung der Banken

Dieser Trend von Flexibilität und Unabhängigkeit gilt auch für die klassische Unternehmensfinanzierung. Gefangen im neuen staatlichen Regelwerk aber wird genau das, was der Mittelstand vom Finanzsektor zum Weg aus der Krise braucht, konterkariert: Banken werden risikoscheuer, unflexibler, bürokratischer. Sie verlangen für Kreditzusagen oder -verlängerungen nicht nur immer mehr Besicherungen, sondern auch Erfolgsprognosen, die in fragilen Märkten schlichtweg unmöglich sind. Immer mehr Assets werden in Kreditvereinbarungen gebunden, statt sie am Markt zu nutzen. Zudem entwickelt sich eine unsägliche Kredit-Bürokratie, die sich als Transparenz tarnt. Man möchte sagen: Die berühmte EU-Bananenverordnung ist gegen die neue Finanzierungsbürokratie ein Ausbund an Flexibilität (siehe Kasten). Die Suche nach Alternativen ist in vollem Gange: Im Mittelstand wurde sehr bewusst registriert, dass der DAX-Konzern Siemens – wohl aus ähnlichen Gründen – eine eigene Banklizenz beantragt hatte. Unternehmer spielen zudem Modelle durch, wie Lieferantenkredite zu einem umfänglichen Finanzierungsmodell ausgebaut, wie die Eigenkapitaldecke bis hin zum Verzicht auf Fremdfinanzierung aufgestockt werden und wie Kunden selbst unter Umgehung von Fonds und Banken als Finanziers gewonnen werden können. In den Banken zumindest hat der Mittelstand heute in der Regel nicht die optimalen Partner, die er für die neue Flexibilität benötigt. Zu starr, zu risikoarm, zu bürokratisch.

Private Equity als Alternative

Haben Private Equity-Gesellschaften in dieser Situation eine besondere Chance? Können private Investoren, die in den vergangenen Jahren in vielen Unternehmen eher durch rüde Methoden als unternehmerisches Geschick auf sich aufmerksam gemacht haben, diesen neuen Trend für sich nutzen? Können sie der bürokratischen und risikoarmen Schwerfälligkeit, die das neue Bankensystem auszeichnen wird, ein eigenes, hochflexibles und unternehmerisch geprägtes Geschäftskonzept entgegensetzen? Zumindest haben viele PE-Gesellschaften, deren alte Geschäftsmodelle sich in der Finanzkrise ebenfalls als untauglich erwiesen, die Zeit der Kinderkrankheiten hinter sich. Viele von ihnen haben inzwischen unternehmerisches, und nicht nur finanztechnisches Know-how eingekauft. Viele sehen, dass privates Kapital faire Verbindungen eingehen muss mit unternehmerischem Denken. Viele haben ihre Renditeziele reduziert und müssen nicht jedes Unternehmen nach zwei Jahren zerschlagen im angeblichen Interesse ihrer Investoren. Privates Finanzkapital ist flexibler, risikoorientierter und unbürokratischer. Privates Kapital ist international und hat den deutschen Mittelstand zu seinem Großteil noch gar nicht entdeckt.

Dialog mit dem Mittelstand suchen

Es wäre zu wünschen, dass die PE-Gesellschaften, denen die derzeitige Marktsituation wie beschrieben in die Hände spielt, diese Chance offensiv nutzen. Wenn man jedoch die Akquisitions-Veranstaltungen betrachtet, zu denen Unternehmer in diesen Tagen eingeladen werden, sind es fast durchweg die Banken, die sich ins Gespräch bringen. Es wäre zumindest schon mal ein Ansatz, wenn die PE-Gesellschaften deutlich machen, dass sie – auch über Informationsveranstaltungen – den fairen Dialog mit dem Mittelstand suchen. Aber hier tut sich leider bisher herzlich wenig. Noch ist die Tür offen, aber sie kann sich schnell wieder schließen.

Zitat zum Thema „Neue Bürokratiesprache“ der Banken

„Dieser Zusatzkuponbetrag entspricht dem in Bezug auf den Kupontermin in dem Zeitraum seit dem letzten Kupontermin, an dem ein Kuponbeitrag fällig wurde, bzw. der Ausgabe der Wertpapiere, an dem die Kuponzahlung ausgeblieben ist, für den Fall des Eintritts des Kuponereignisses festgelegten Kuponbetrag.“ (Auszug aus einem Verkaufsprospekt der Deutschen Bank für ein Zertifikat auf ein DAX-Unternehmen vom Juli 2010)

Autorenprofil

Dr. Wolfgang Hartmann (w.hartmann@tec-germany.de) ist CEO der TEC International Germany GmbH, einem weltweiten Netzwerk mit 15.000 Mitgliedern, davon 150 in Deutschland. TEC bringt Führungskräfte der Wirtschaft in exklusiven Foren zusammen und unterstützt sie in ihrer beruflichen und persönlichen Entwicklung.
www.tec-germany.de

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