1945 legte Adolf Würth den Grundstein für das Familienunternehmen. Nach dessen frühem Tod im Jahr 1954 hat Sohn Reinhold Würth im Alter von 19 Jahren den damaligen Zweimann-Betrieb übernommen und formte daraus einen weltweit tätigen Handelskonzern. Im Interview spricht Reinhold Würth über die wichtigsten Meilensteine der Firmengeschichte, die aktuelle Geschäftsentwicklung und seine Finanzierungsstrategie.

Unternehmeredition: Herr Würth, wie ist es Ihnen gelungen, aus dem Zweimann-Betrieb Ihres Vaters einen weltweit tätigen Handelskonzern zu formen?

Würth:
Wenn ich auf meine 63 Berufsjahre zurückschaue, dann kann ich nicht sagen, zu jenem Zeitpunkt gab es den großen Big Bang, woraus die Würth-Gruppe entstanden ist. Vielmehr lief ein kontinuierlicher Innovations- und Wachstumsprozess ab, der geprägt war von der Übernahme kalkulierter Risiken und der permanenten Neugier, ob dieses Geschäftsfeld oder jener Marktplatz für uns erobert werden könnte. Dies ist, wie man sieht, recht gut gelungen. Nach 9,7 Mrd. EUR Umsatz 2011 werden wir 2012 mit 66.000 Mitarbeitern einen konsolidierten Weltumsatz von deutlich über 10 Mrd. EUR erwirtschaften.

Unternehmeredition: Was bedeutet es für Sie, Familienunternehmer zu sein?

Würth:
Familienunternehmer zu sein bedeutet für mich die Idealform kaufmännischen Tuns: Ideen verwirklichen zu können ohne Abhängigkeit von Aktionären und Shareholdern bedeutet einerseits hohe Verantwortung, aber auch elegante Freiheit für den Familienunternehmer.

Unternehmeredition: Wie haben sich Umsatz und Gewinn der Würth-Gruppe im vergangenen Jahr entwickelt? Wie ist Ihr Ausblick für den weiteren Jahresverlauf?

Würth:
2011 brachte zwar einen neuen Umsatzrekord, mit der Entwicklung des Betriebsergebnisses war ich jedoch nicht ganz zufrieden: Das Betriebsergebnis 2011 liegt mit vorläufig 385 Mio. EUR auf Vorjahresniveau und ist durch Verluste aus der Solarproduktion und Impairment-Abschreibungen im Zusammenhang mit deren Aufgabe in Höhe von 80 Mio. EUR belastet. Bereinigt um diesen Einmaleffekt konnten wir das Ergebnis deutlich steigern. Für 2012 erwarte ich nach jetzigem Kenntnisstand eine Rendite von 5%, was etwa einer halben Mrd. EUR Betriebsergebnis vor Steuer entsprechen würde.

Unternehmeredition: Was waren die entscheidenden Meilensteine Ihres Nachfolgeprozesses, um den künftigen Fortbestand des Familienunternehmens zu sichern?

Würth:
Schon im Alter von 40 Jahren, also 1985 habe ich mich intensiv mit der Frage beschäftigt, wie das Unternehmen nach meinem Tod weiter existieren würde. Nachdem aus der Erfahrung bekannt ist, dass Familienunternehmen im Erbgang ziemlich leiden können, wenn die Familienstämme Erbstreitigkeiten vom Zaun brechen oder auch durch die Unwägbarkeiten des Lebens, also Scheidungen usw., hatte ich mich 1987 entschlossen, das Unternehmen in vier Familienstiftungen einzubringen. Hierdurch ist die Familie über die Destinatärleistungen gut versorgt, die Erben haben aber keinen direkten Zugriff auf das Stiftungsvermögen, was ein beachtliches Maß an Stabilität über meine Lebenszeit hinaus bedeutet. Auch die Mitarbeiter wissen: Wenn der Würth stirbt, passiert überhaupt nichts Negatives.

Unternehmeredition: Für die Würth-Gruppe spielt das Thema Internationalisierung eine wichtige Rolle – sie besteht aus mehr als 400 Gesellschaften in 84 Ländern und beschäftigt über 66.000 Mitarbeiter weltweit. Wo gibt es für Sie die nächsten interessanten Zukunftsmärkte zu erschließen?

Würth:
Die Würth-Gruppe ist anerkanntermaßen Weltmarktführer im Marktplatz für Befestigungs- und Montagematerial. Gleichwohl haben wir in vielen Ländern noch Marktanteile von unter 3%. Wir müssen uns also keine Gedanken machen, wie und wo wir expandieren könnten – wir können theoretisch noch 95 oder 97% Marktanteil bearbeiten und erobern, ein unglaublich optimistisches Szenario für das Wachstum der nächsten 20 Jahre.
Unternehmeredition: Welche Finanzierungsstrategie verfolgt die Würth-Gruppe bei der Expansion?

Würth:
Mein Hauptcredo war von Anfang an, Wachstum ohne Gewinn ist tödlich. Mit einer Eigenkapitalquote von rund 40% sind wir für ein Handelsunternehmen mit relativ wenig Risiko gut gerüstet, das Umsatzwachstum aus eigener Kraft finanzieren zu können. Zusätzlich haben wir seit 1995 A Ratings von Standard & Poor’s und Fitch, was uns problemlosen Zugang zum Kapitalmarkt ermöglicht. Im Mai 2011 hatten wir eine Anleihe über 500 Mio. EUR platziert, die während der Zeichnungsfrist innerhalb weniger Stunden um das 2,5-Fache überzeichnet war. Über unsere Würth Finance International B.V. in Amsterdam und Zürich können wir über alle modernen Finanzierungsinstrumente wie Commercial Papers oder Schuldscheindarlehen verfügen.

Unternehmeredition: 1987 haben Sie gemeinsam mit Ihrer Frau Carmen die Stiftung Würth gegründet. Welche Ziele verfolgen Sie damit?

Würth:
Man muss unterscheiden zwischen den Familienstiftungen und der Gemeinnützigen Stiftung Würth. Erstere verwalten das Firmenvermögen, die Gemeinnützige Stiftung verfolgt nach der Satzung die Förderung von Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur sowie Bildung und Erziehung. Hauptfinanzierungsaufgabe der Gemeinnützigen Stiftung ist Unterhalt und Betrieb der Freien Schule Anne-Sophie in Künzelsau mit 600 Schülern vom Vorschulprogramm der 5-Jährigen bis zum Vollabitur. Allein hierfür verwendet die Gemeinnützige Stiftung Würth jährlich 5,5 Mio. EUR auf.

Unternehmeredition: Herr Würth, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Markus Hofelich.
markus.hofelich@unternehmeredition.de


Zur Person: Reinold Würth
Prof. Dr. h.c. mult. Reinhold Würth ist Vorsitzender des Stiftungsaufsichtsrats der Würth-Gruppe (www.wuerth.de). Das Familienunternehmen ist mit über 400 Gesellschaften in über 80 Ländern vertreten und plant in diesem Jahr mit 66.000 Mitarbeitern einen Umsatz in Höhe von über 10 Mrd. Euro. Reinhold Würth fördert seit Langem Projekte im Bereich Kunst und Kultur, Forschung und Wissenschaft sowie Bildung und Erziehung. Um dieses Engagement zu bündeln, gründete er 1987 gemeinsam mit seiner Frau Carmen die Stiftung Würth.