Neu und Sexy

 

Von Dietmar Thiele, Partner, Network Corporate Finance GmbH & Co KG

Als der Regierende Bürgermeister Wowereit Berlin als „arm, aber sexy“ bezeichnete, war diese Betrachtung vor allem der Lage des öffentlichen Haushalts seines Bundeslandes geschuldet; ganz sicher nicht den unternehmerischen Perspektiven in der Region – und das gilt sowohl für die New Economy, Kreativwirtschaft, E-Commerce und IT-Sektor in Berlin und dem Speckgürtel als auch den Unternehmen des produzierenden Gewerbes in der Fläche Brandenburgs.

Kreativhauptstadt Berlin

Worin liegt die Attraktivität der Region? Natürlich ist es zu allererst die kulturelle Vielfalt, die es internationalen Investoren leicht macht, sich hier zu positionieren, eigene Mitarbeiter für ein Engagement zu begeistern. Aber das allein reichte nicht, wenn es nicht Köpfe, Produkte und Ideen gäbe, die ein Engagement attraktiv machten. Berlin ist inzwischen die kreative Hauptstadt Europas, in keiner Stadt entstehen so viele innovative Geschäftskonzepte, im IT-Bereich oder im E-Commerce. Und entgegen teilweise sehr hohen Bewertungen an anderen Standorten bewegen sich diese hier in realistischen Größenordnungen.

Starke Anziehungskraft durch gute und günstige Infrastruktur

Dazu kommt, dass für viele Start-ups die Kosten deutlich unter dem Niveau anderer deutscher, oder gar europäischer Metropolen liegen. Bei der Finanzierung eines E-Commerce-Unternehmens etwa waren zwei ausländische Fonds derart irritiert über die Personal- und die Raumkosten, dass sie einen Fehler im Businessplan vermuteten, bis ihnen deutlich wurde, dass die Mieten in dieser Region immer noch signifikant unter vergleichbaren in Hamburg oder München lagen. Daneben stehen gerade internationale, bestens ausgebildete Arbeitskräfte zur Verfügung, die aufgrund der moderaten Lebenshaltungskosten deutlich günstiger sind, als dies an fast allen anderen Standorten möglich wäre. Berlin ist inzwischen ein Zentrum für die europäische VC-Szene, und nichts tut der Gründerszene so gut wie die Verfügbarkeit von Eigenkapital; zahlreiche europäische VC-Fonds screenen hier kontinuierlich oder haben sich gleich ganz hier angesiedelt.

Hohe Attraktivität auch für die „Old Economy“

Aber die Region ist weit mehr als nur Berlin, nur kreative Szene. Nicht nur aufgrund einer inzwischen exzellenten Infrastruktur und attraktiver Förderungen hat es die Region geschafft, auch wieder für das produzierende Gewerbe attraktiv zu sein und dabei scheinbar verlorene Potenziale zu nutzen: An traditionellen Industriestandorten wie etwa Fürstenwalde (Kessel- und Anlagenbau, Gummi) oder Rathenow (optische Industrie) haben sich auch aufgrund des vorhandenen Fachkräfteangebots industrielle Kerne wieder belebt. Viele Brandenburger Unternehmen haben zudem aufgrund der Brüche in ihrer Entwicklung und daraus resultierender hoher Flexibilität eine deutlich höhere Produktivität als ihre (westdeutschen) Wettbewerber. Und natürlich liegen auch die Lohnkosten immer noch deutlich unter „dem Westen“. Anders hätten etwa ein Büromöbelproduzent wie REISS – 125 Jahre deutscher Industriegeschichte (das „REISSbrett“) – in Bad Liebenwerda nicht bestehen und sich neue Unternehmen im Bereich der Automobilzuliefererbranche wie etwa die Industriegalvanik GALFA in Finsterwalde nicht etablieren können.

Fazit:
Berlin-Brandenburg ist eine oftmals unterschätzte, jedoch in vielerlei Hinsicht höchst attraktive Region, die gerade für Investoren aus dem Ausland reizvoll ist, weil hier „neu“ ein Markenzeichen ist – „neue“ Gründungen, „neue“ Ideen oder „neues“ Denken derer, die hier ohne Selbiges ansonsten nicht überlebt hätten.

 

Autorenprofil

Dietmar Thiele ist Partner der Network Corporate Finance GmbH & Co KG, Düsseldorf/Berlin. NCF ist spezialisiert auf den Kauf, Verkauf und die Finanzierung von Unternehmen. www.ncf.de

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