IPO für den Mittelstand: Mehr Vor- als Nachteile

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In Deutschland findet sich eine Vielzahl kleinerer und mittlerer Unternehmen (KMU), die schon seit Generationen ­nachhaltig wachsen, indem sie eine attraktive Nische besetzen und von einem erfahrenen Management geführt werden. Gerade ­familiengeführte KMU verfolgen bei ihrer Weiterentwicklung eine langfristige Strategie – und dazu bedarf es Kapital, um etwa notwendige Investitionen zu tätigen oder neue Wachstumsfelder zu erschließen.
VON HOLGER CLEMENS HINZ

Ein Börsengang (Initial Public ­Offering, IPO) wäre für viele dieser Unternehmen sicherlich eine interessante ­Option, frisches Kapital einzusammeln. Doch die Realität zeichnet ein anderes Bild: Ein Großteil heimischer KMU meidet bisher den Gang an die Börse. Warum ­eigentlich?


Gute Vorbereitung – das A und O für ein IPO

Mittelständische Unternehmen sehen durch den Börsengang und die damit ­verbundene „Öffnung des eigenen Unternehmens“ für zumeist unbekannte Marktteilnehmer oftmals die eigene Kontrolle gefährdet. Auch die für zahlreiche KMU schwer abschätzbaren Folgepflichten wirken häufig abschreckend auf die Eigen­tümer. Der hohe administrative Aufwand und die mit dem IPO einhergehenden ­zusätzlichen Kosten stellen für viele kleine und mittlere Unternehmen weitere Hürden auf dem Weg zum Kapitalmarkt dar.

Diese Vorbehalte sind nicht unbegründet, denn ein Börsengang ist keinesfalls ein Selbstläufer. Eine gute Vorbereitung ist das A und O. So lässt sich ein Börsengang nicht von heute auf morgen erledigen. Für die Vorbereitung sollte man einen Vorlauf von einem Jahr ansetzen. Wichtig ist auch, dass Unternehmen vorab genau prüfen, ob sich die eigenen Ziele mit den Anforderungen eines Börsengangs vereinbaren lassen. Da die Anforderungen sich ­entsprechend den jeweiligen Standards vielfältig und unterschiedlich gestalten, ist es ratsam, entsprechende Experten ­zurate zu ziehen, um beurteilen zu ­können, wie der Gang an die Börse zur Weiterentwicklung des eigenen Unternehmens beitragen kann. Keinesfalls sollte man vor der zunächst immens wirkenden To-do-Liste zurückschrecken, profitiert das Unter­nehmen schließlich sicherlich von der ­Expertise der ausgewählten Berater.

Gute Gründe für einen Börsengang

Fakt ist: Es gibt einige gute Gründe, weshalb sich IPO-fähige KMU mit dem Gedanken eines Börsengangs beschäftigen sollten. Ein Hauptgrund ist die Möglichkeit, zusätzliches Kapital einzusammeln, um so das künftige Wachstum zu sichern beziehungsweise zu beschleunigen. Die Kreditlinie kann verschont und dadurch die Abhängigkeit von der Hausbank reduziert werden. In der ­Regel steigert der Schritt auf das Börsenparkett zudem die Bewertung des Unternehmens und trägt dazu bei, das Ansehen und den Bekanntheitsgrad der Gesellschaft in der Öffentlichkeit zu erhöhen.

Ein Blick in den Markt

Richtig ist zwar, dass es in den vergangenen Monaten recht turbulent am Kapitalmarkt zuging – und unter anderem aufgrund der ­anhaltenden Coronapandemie und der nicht enden wollenden Brexit-Diskus­sionen auch weiterhin Unsicherheiten ­bestehen. Doch nun darauf zu warten, dass ein wenig Ruhe an der Börse ­einkehrt, ist keine empfehlenswerte Strategie.

Die 2G Energy Aktiengesellschaft, ­die seit Jahren an der Frankfurter ­Börse gehandelt wird, zeigt, dass sich das Unternehmen allen Widrigkeiten zum Trotz am Aktienmarkt gut behaupten und sogar im letzten Jahr entgegen dem allgemeinen Trend weiterwachsen konnte. 1995 gegründet, wagte das Unternehmen 2007 mit der Quirin Privatbank den Gang an die Börse in Frankfurt am Main in das dama­lige Startsegment Entry Standard, das heute als Scale1 bekannt ist, und entwickelte sich seither zum Technologieführer in ­Sachen Kraft-Wärme-Kopplung. Über die gerade am 27. Januar 2021 beschlossene Barkapitalerhöhung, bei der ein Publikumsfonds des Bankhauses Berenberg als neuer Investor ins Aktionariat eintrat, ­sollen vor dem Hintergrund größerer ­Einzelprojekte die vorhandenen Liquiditätsreserven weiter maßvoll gestärkt ­werden. So möchte die Gesellschaft auch zukünftig trotz weiteren Wachstums unabhängig von Fremdkapital agieren können.

KMU spielen ihre Stärken auch an der Börse aus

Kleine und mittlere Unternehmen wie 2G Energy besetzen zumeist lukrative ­Nischen, erzielen damit häufig höhere ­Gewinnmargen und zählen darüber ­hinaus in ihrer Branche nicht selten zu den weltweiten Spitzenreitern. Zudem sind bei KMU in der Regel die Hierarchien flacher und die Entscheidungswege kürzer. Das Management kann so vergleichsweise schnell auf sich verändernde Rahmenbedingungen reagieren – ein Vorteil, der sich vor allem in hektischen Zeiten ­bezahlt macht.

Dass bei einigen kleinen und mittel­großen AGs die Gründerfamilien einen wichtigen Posten im Vorstand oder Aufsichtsrat besetzen, ist ein weiterer Pluspunkt. Grund: Statt kurzfristiger Gewinne verfolgen viele familiengeführte Gesellschaften in erster Linie längerfristige ­Ziele. Es wird also weniger in Quartals­zahlen gedacht und Geschäftsmodelle werden nicht so schnell über Bord geworfen. Diese Strategie kommt nicht nur bei Investoren gut an, sie erhöht auch die langfristigen Börsenaussichten von kleinen und mittelgroßen Unternehmen.


ZUR PERSON

Holger Clemens Hinz ist mitverantwortlich für das Geschäftsfeld Kapitalmarktgeschäft und leitet den Bereich Corporate Finance in der Quirin Privatbank. Er ist zudem Vorstandsmitglied des Interessenverbandes Kapitalmarkt KMU. Zuvor etablierte er das Corporate-Finance-Beratungshaus PCA Capital Advisors, welches 2007 in der Quirin Privatbank aufging. Davor bekleidete er unterschiedliche Positionen im Equity-, Debt- und Equitylinked- Bereich bei der Consors Capital Bank, BHF-BANK und Bankgesellschaft Berlin. Nach einer Ausbildung zum Bankkaufmann studierte Hinz berufsbegleitend Wirtschaftswissenschaften an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Er hat eine Ausbildung zum Certified EFFAS Financial Analyst (CEFA) abgeschlossen.

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