Hohe Ausfallrisiken treiben die Preise

Gerade in der Krise benötigen Lieferanten einen Schutz gegen Zahlungsausfälle ihrer Abnehmer. Drei Kreditversicherer dominieren den deutschen Markt: die Allianz-Tochter Euler Hermes, die niederländische Atradius und die französische Coface. Unternehmer sind für das Thema Forderungsmanagement und Absicherung sensibler geworden

Gerade in der Krise benötigen Lieferanten einen Schutz gegen Zahlungsausfälle ihrer Abnehmer. Drei Kreditversicherer dominieren den deutschen Markt: die Allianz-Tochter Euler Hermes, die niederländische Atradius und die französische Coface. Unternehmer sind für das Thema Forderungsmanagement und Absicherung sensibler geworden. Kein Wunder: Die Forderungsausfälle steigen gerade am Ende einer Rezession noch mal an. Doch höhere Ausfallrisiken und Finanzierungskosten treiben die Preise nach oben – in manchen Fällen müssen Unternehmen 25% und mehr Prämienaufschlag zahlen.

Dreieck Lieferant – Kunde – Versicherer

Eine Kreditversicherung bietet Lieferanten von Waren und Dienstleistungen Schutz gegen Forderungsausfälle, außerdem Serviceleistungen (z.B. Bonitätsanalysen) rund um das Kreditmanagement. Insbesondere in Zeiten hoher Insolvenzzahlen steigt die Bedeutung dieses Absicherungsinstruments. An erster Stelle des Kreditversicherers steht eine gründliche Bonitätsanalyse bei den Abnehmern des versicherungswilligen Unternehmens – betriebswirtschaftliche, aber auch politische bzw. Länderrisiken sind zu berücksichtigen. Ziel ist, das Lieferunternehmen gegen Zahlungsausfälle seiner Kunden abzusichern. Mehr als 90% der Verträge werden auf ein Jahr abgeschlossen, aufgrund der Krise ist der Anteil längerfristiger Verträge etwas gesunken. Gerade in der Endphase einer Rezession wachsen die Ausfallrisiken und mit ihnen die Nachfrage nach Kreditversicherungen. Unternehmen bemühen sich, wenige Deckungslücken offen zu lassen. Die Kreditversicherer erhöhen die Prämien bei Neuverträgen, da in Krisenzeiten die Wahrscheinlichkeit, dass der Versicherungsfall eintritt, deutlich zunimmt.

Insolvenzen und offene Forderungen steigen

Das zeigt sich auch aktuell wieder. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum stieg im ersten Halbjahr 2009 die Zahl der Firmen, die einen Insolvenzantrag stellten, in Deutschland um 15% auf rund 16.000. Laut Statistischem Bundesamt beliefen sich die „voraussichtlichen offenen Forderungen“ der Gläubiger auf 24,4 Mrd. EUR, gegenüber 14,7 Mrd. EUR im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Der Juni war mit drei „Großpleiten“ – u.a. Arcandor – ein „schwarzer“ Monat. Für die nahe Zukunft ist mit einem weiteren Anstieg der Insolvenzfälle zu rechnen, denn bei vielen Unternehmen sind die Liquiditätsreserven aufgebraucht. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) erwartet für das Gesamtjahr, dass versicherungstechnisch die Schäden und Kosten über den eingenommenen Prämien der Kreditversicherer liegen werden. Der Verband befürchtet einen Anstieg dieser Schadenquote (Combined Ratio) auf 120%, nach 87% im Jahr 2008. Und Euler Hermes-Vorstand Jochen Dümler prognostiziert eine Zunahme der Forderungsausfälle auf über 30 Mrd. EUR in diesem und im nächsten Jahr.

Umsatzminus drückt Eigenkapitalquoten

„Viele Unternehmen sind mit einem ordentlichen Eigenkapitalpolster in die Krise gestartet, aber durch die Umsatzeinbrüche werden diese zunehmend aufgebraucht“, sagt Dr. Thomas Langen, Regionaldirektor für Deutschland, Mittel- und Osteuropa beim Kreditversicherer Atradius, der im Juni mit Creditreform eine Kombination Versicherung/Wirtschaftsauskunft für den kleinen Mittelstand aufgelegt hat. Besonders kritisch sei die Situation nach wie vor in der Automobilwirtschaft, insbesondere bei den Zulieferern, denn nach dem Auslaufen der Abwrackprämie werde sich der Branchenumsatz sicher nicht verbessern. Das Transportgewerbe (insbesondere Speditionen) sei ebenfalls hart von der Konjunkturkrise getroffen. Auf Sicht der nächsten zwölf Monate mache im Zuge steigender Arbeitslosigkeit zudem der konsumnahe Bereich bzw. Einzelhandel Sorgen. Hoffnungsvolle Signale gebe es dagegen beim Export und beim Stahl.

Vorausschauende Bonitätsanalyse

„Trotz der unterschiedlichen Branchenentwicklungen schauen wir aber immer auf den Einzelfall“, erklärt Langen. „Wir legen Wert auf eine vorausschauende Bonitätsanalyse auf Sicht von etwa zwölf bis 18 Monaten: Wie sehen Liquidität und Marktlage des Unternehmens aus, und hat es sich auf die schwierige Situation entsprechend eingestellt?“ Aufgrund verschlechterter Bonitäten habe man Deckungen zurückgenommen. „Wir müssen schauen, was risikoseitig und betriebswirtschaftlich vertretbar ist.“ Aber die Zahl der Kunden, bei denen die Deckungslimite auf Null gefallen seien, liege heute nicht höher als im ersten Quartal, da auch neue Deckungen eingeräumt worden seien. „Wenn die Gefahr zu groß ist, dann informieren wir unsere Kunden auch darüber, dass wir ihnen in Zukunft für Lieferungen an bestimmte Abnehmer keine Deckung mehr gewähren können“, meint Euler Hermes-Vorstand Jochen Dümler. „Wir können nicht unbegrenzt Risiken in Deckung nehmen.“

Preise um 20% und mehr gestiegen

Die Kreditversicherer wehren sich gegen Vorwürfe, sie würden sich in breitem Maße zurückziehen und die Unternehmen im Regen stehen lassen. Der GDV rechnete kürzlich vor, dass das Deckungsvolumen bei deutschen Unternehmen im Juli 2009 bei 263 Mrd. EUR gelegen habe – zwar etwa 10% weniger als im Juli 2008, also vor Ausbruch der Krise, aber immerhin fast auf gleichem Niveau wie Ende 2007 (damals: 268 Mrd. EUR). Das klingt moderat, aber zugleich ist die Nachfrage der Unternehmen nach einer Absicherung gestiegen. „Wir spüren auch die Bereitschaft der Unternehmen, offener zu sein, mehr Informationen zu geben“, sagt Langen. Mehr Nachfrage, höhere Risiken und auch noch gestiegene Kosten für die Forderungsabsicherung am Kapitalmarkt: Dementsprechend haben die Kreditversicherungen ihre Prämien angehoben. Mit genauen Zahlen halten sie sich zurück, auch weil die Prämienänderungen in den Einzelfällen stark variieren. Während bei vielen Kunden die Preise um etwa 10 bis 20% über denen von 2008 liegen, sind es in schwierigen Fällen auch mal 30% und mehr.

Deckungsvolumen leicht gesunken

Trotz des anziehenden Exports erwartet Coface-Vorstand Norbert Langenbach noch bis ins zweite Quartal 2010 hinein „einen Nachlauf von Unternehmen, denen die Liquidität ausgeht“. Unter anderem den Maschinenbau sieht er stark betroffen. Auch Coface musste häufiger Deckungslimite herunterfahren. „Wir haben aber unsere Maßnahmen übers Jahr etwas verteilt und unsere Limite nicht schlagartig reduziert“, sagt Langenbach. Er schätzt, dass zwischen Beginn und Ende des Jahres 2009 Coface sein Deckungsvolumen insgesamt um etwa 5% gesenkt haben wird. „Im ersten Halbjahr hatten wir ein gutes Neugeschäft, was die Reduzierung bei unseren Altkunden sogar noch überkompensiert hatte.“ Bei den Preiserhöhungen von insgesamt etwa 20% 2008 und 2009 müsse man berücksichtigen, dass dies von einem recht niedrigen Niveau ausgegangen sei.

Ausblick:
Mit weiter steigenden Insolvenzzahlen nehmen auch die Ausfallrisiken in den nächsten sechs bis acht Monaten voraussichtlich weiter zu. Es wird damit wohl noch etwas schwieriger bzw. teurer für Unternehmen, Deckungslimite zu halten oder bestehende Deckungslücken zu schließen. Ein wenig Hilfe bietet die Bundesregierung mit bis zu 7,5 Mrd. EUR aus dem Wirtschaftsfonds Deutschland, damit kapitalschwache Unternehmen ihre Absicherung aufstocken können.

Bernd Frank
redaktion@unternehmeredition.de

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