Finanzierung in der globalisierten Welt

In der Welt zuhause: Mittelständler müssen beim Thema Außenhandel umdenken.
In der Welt zuhause: Neue Strategien für neue Auslandsmärkte.

Der ökonomische Schwerpunkt unseres Planeten bewegt sich von Westeuropa und Nordamerika in östliche und südliche Richtung. Ein neues Verständnis von Globalisierung ist daher erforderlich, ebenso müssen Finanzierungs- und Risikostrategien neu gedacht werden.

Die Verschiebung zeigt sich deutlich an der G8-Gruppe: Als Klub der sechs bzw. sieben leistungsfähigsten Volkswirtschaften der Welt gegründet, spiegelt er heute nicht mehr die Realität wider. Längst liegen China und Brasilien unter den Top 8, während Kanada – von Indien und Russland überholt – aktuell nur noch Rang 11 einnimmt. Gerade den Mittelstand stellt diese Entwicklung vor große Herausforderungen – bietet allerdings auch viele Potenziale, um künftige Wachstumsfelder zu erschließen.

Neue Strategien für neue Herausforderungen

Um für sich wandelnde Rahmenbedingungen überzeugende und langfristig tragfähige Antworten zu finden, brauchen die westlichen Unternehmen ein neues Verständnis von Globalisierung: Denn nach wie vor sind der Export, der Rohstoffeinkauf und die Verlagerung von wenig wertschöpfenden Teilen der Supply Chain die dominierenden Kanäle, über die wir die Welt erschließen. Die großen Zukunftsmärkte der Welt verlangen einen anderen Umgang: Sie erfordern konsequente Lokalisierung, die Verlagerung von Intelligenz und Entscheidungsmacht und den Blick auf die Innovationspotenziale dieser Regionen. Diese Entwicklungen sind gerade für den traditionell „stammsitzzentrierten“ Mittelstand häufig nicht nur mit einem Kulturwandel verbunden, sondern auch mit substanziellen strukturellen Anpassungen: Die enge Vernetzung und Integration globaler Wertschöpfungsketten verlangen nicht nur strategisches Geschick, prozessuales Know-how und kulturelle Expertise. Auch die Methoden und Instrumente im Finanz- und Risikomanagement gilt es auf die neuen Gegebenheiten einzustellen: Insbesondere, weil nicht mehr allein das eigene Unternehmen, sondern das gesamte Wertschöpfungsnetzwerk im Hinblick auf Risiken, Compliance und finanzielle Performance gesteuert werden muss.

Finance & Risk Management für die vernetzte Welt

Der mittelständische Sektor ist auf diese Entwicklungen in Summe noch nicht ausreichend vorbereitet. Gerade das Risikomanagement wird nach wie vor häufig als eine interne Disziplin verstanden, mit einem rechtlichen und organisatorischen Rahmen, der mit Blick auf das einzelne Unternehmen ausgelegt ist. Die externe Wertschöpfungskette bleibt dabei in einem hohen Maße ausgeklammert, eine Art Black Box, die als Invarianz in den Rechnungen der Risiko-Experten auftaucht. Erschwerend kommt hinzu, dass notwendiges Know-how überwiegend in dedizierten Abteilungen oder im Financial Department allokiert ist – nicht jedoch in Einkauf und Supply Chain Management, um volatilen Rohstoffpreisen, Währungsschwankungen, ökologischen und sozialen Problemen bei Zulieferern oder komplexen Compliance-Anforderungen effektiv begegnen zu können.

Ein vergleichbares Bild bietet auch das Financial Supply Chain Management. Branchenübergreifend lässt sich im Mittelstand beobachten, dass  ein professionelles Management finanzieller Schlüsselindikatoren mit Blick auf die Supply Chain nach wie vor nicht State of the Art ist: Sehr vielen Unternehmen fehlen konsistente Gesamtsysteme für die kontinuierliche Steuerung und das Controlling von Cashflow und Bonität, für die Absicherung von Währungs- und Preisschwankungen oder globale Steueroptimierung. Gleichzeitig werden Supply Chain Financing-Methoden, die für eine Stärkung der Finanzkraft der Lieferanten und eine Integration der Finanzprozesse in der gesamten Lieferkette sorgen können, nach wie vor selten genutzt.

Wie hältst du es mit der Globalisierung?

Vor diesem Hintergrund bleibt „Wie hältst du es mit der Globalisierung?“ auch in den kommenden Jahren die Gretchenfrage für westliche Unternehmen im Ganzen und im Mittelstand im Besonderen. Eine Frage, die auf strategischer, politischer, kultureller und nicht zuletzt auch auf der Ebene der Risiko- und Finanzprozesse beantwortet werden muss. Die neue Weltordnung – ohne ein neues Denken werden wir in ihr nur Zuschauer, nicht aber Mitgestalter sein.


Zur Person

Sven Marlinghaus KPMGSven T. Marlinghaus ist Partner bei der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft und Head of Strategy & Operations Consulting Germany. Er war seit 1999 Partner und Managing Director von BrainNet, einer der weltweit führenden Beratungen für Einkauf und Supply-Chain-Management. www.kpmg.de

Autorenprofil

Sven T. Marlinghaus ist Partner bei der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft und Head of Strategy & Operations Consulting Germany. Er war seit 1999 Partner und Managing Director von BrainNet, einer der weltweit führenden Beratungen für Einkauf und Supply-Chain-Management.

Vorheriger ArtikelMittelstand traut sich nicht zu investieren
Nächster ArtikelVon Unternehmen, Spenden und Steuern