Banken: Kreditklemme nicht in Sicht

Unternehmen in Deutschland haben zurzeit einen guten Zugang zu Krediten. Und wenn die Euro-Schuldenkrise nicht völlig aus dem Ruder läuft, dann dürfte dies auch im weiteren Jahresverlauf so bleiben. Zudem sind die Konditionen günstig – durch das niedrige Zinsumfeld und den Wettbewerb der Banken um gute Firmenkunden.

Unternehmen gut positioniert

Wer hätte das vor sechs oder zwölf Monaten gedacht? Während im Euroraum insgesamt die Staatsschuldenkrise unablässig für große Verunsicherung bei Unternehmen und Konsumenten sorgt, steht die deutsche Wirtschaft ungewöhnlich gut da. Während die Chefs von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Europäischer Zentralbank (EZB) bereits mehrfach vor einer Kreditklemme in Teilen der Eurozone gewarnt haben, ist von einem solchen Engpass in Deutschland keine Rede. Selbst das „Schreckgespenst“ Basel III mit seinen erhöhten Anforderungen an die Eigenkapitalausstattung der Banken kann hierzulande zurzeit niemanden ernsthaft erschrecken. Manche Geldhäuser besinnen sich darauf, mit dem Firmenkundengeschäft einen Ausgleich zu anderen, schwankungsanfälligeren Bereichen in ihrem Strategiemix zu schaffen. Besonders begehrt sind dabei „gute“ Kunden – Unternehmen mit solider Bonität. Und da stehen deutsche Firmen, insbesondere auch der breite Mittelstand, heute im Durchschnitt deutlich besser da als in anderen europäischen Ländern.

Innenfinanzierungskraft gestärkt

„Nach der Krise 2008/2009 haben sich die Unternehmen beeindruckend schnell erholt, und 2011 war für viele sogar ein Rekordjahr“, sagt Marc Steinkat, im Commerzbank-Konzern Geschäftsführer Mittelstandsbank Südbayern. „Gut geführte Unternehmen haben aus der Krise zwei wesentliche Dinge mitgenommen. Erstens konnte der Break-even aufgrund von Kostenanpassungen gesenkt werden, und zweitens wurde die Fremdfinanzierungsstruktur optimiert und ist nun krisensicherer.“ Auch Dr. Cornel Wisskirchen von der Deutschen Bank, Mitglied der Geschäftsleitung Firmenkunden Deutschland, sieht die Unternehmen gut aufgestellt: „Sie haben ihr Cash Management und ihre Innenfinanzierungskraft verbessert und ihre Finanzierungsbasis verbreitert“, erklärt er. „Unternehmen setzen nicht mehr nur auf Kredite als Finanzierungsquelle, sondern verstärkt auf alternative Finanzierungsformen.“ Die beiden großen Geschäftsbanken sehen noch einen weiteren Grund für die entspannte Kreditsituation. Die Staatsschuldenkrise und die Unsicherheit in der weltwirtschaftlichen Entwicklung hätten viele Firmen vorsichtiger werden lassen – daraus folge eine verhaltene Investitionsbereitschaft und dementsprechende Kreditnachfrage.

Sparkassen und Volksbanken gewinnen

Dagegen sehen die Sparkassen aktuell eine leichte Belebung bei Investitionskrediten nach der „Zwischenschwäche“ im 4. Quartal 2011. „Die Stimmungsindikatoren sind wieder besser als noch vor vier oder fünf Monaten“, sagt Dr. Holger Schulz, Mittelstandsexperte beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV). Trotz der Abschwächung gegen Jahresende habe die Kreditvergabe der Sparkassen im Gesamtjahr 2011 deutlich angezogen. „Die Darlehenszusagen stiegen gegenüber dem Vorjahr um 2,5 Mrd. auf 66,7 Mrd. EUR – das waren plus 4%“, so Schulz. Insgesamt nahm das ausstehende Kreditvolumen an Unternehmen und Selbstständige (ohne Finanzinstitutionen) in Deutschland 2011 nur um rund 1% zu. Die Sparkassen erhöhten ihren Marktanteil von 25,8 auf 26,2%, während die Landesbanken erneut Anteile verloren, so dass Sparkassen und Landesbanken zusammen bei 42,3% (2010: 42,6%) liegen. Etwas stärker noch als die Sparkassen gewannen die Volksbanken und Raiffeisenbanken Marktanteile im Mittelstandsgeschäft – aufgrund eines 2011 um 4,6% erhöhten Kreditbestands an Gewerbekunden. Dagegen gaben neben den Landesbanken insbesondere Auslandsbanken Marktanteile ab.

Ifo-Kredithürde auf Rekordtief

Auch die meisten Unternehmen sehen die Situation entspannt. Ein klarer Beleg für diese Sicht ist die vom Münchner ifo-Institut für Wirtschaftsforschung aufgrund einer monatlichen Umfrage ermittelte Kredithürde. Sie sank im Februar auf ein Rekordtief. Nur 21,1% (Januar 22,8%) der befragten Firmen in der gewerblichen Wirtschaft beklagten eine „restriktive“ Kreditvergabe. Damit lag dieser Wert auf dem tiefsten Stand seit Beginn der ifo-Erhebung im Jahr 2003. Vom guten Kreditzugang profitieren Unternehmen aller Größenklassen: Bei großen Unternehmen berichten nur noch 19,7% (Vormonat 21,1) von einer restriktiven Kreditvergabe, bei mittelgroßen 18,1% (unverändert) und bei kleinen Firmen 22,5% (Vormonat 24,6). Zum Vergleich: Vor zwei Jahren, als der Tiefpunkt der Krise bereits durchschritten war, lag die Kredithürde über alle Unternehmensgrößen noch bei 38,7%. Spätestens seit Februar 2011 kann man aber von einem entspannten Kreditumfeld sprechen.

Noch Kritik an Basel III

Mit dem dreigliedrigen Bankensystem – private Geschäftsbanken, Sparkassen und Genossenschaftsbanken – steht Deutschland stabiler da als andere Länder. „Nachdem es sogar schon während der Krise hierzulande keine Kreditklemme gab, ist die Kreditversorgung heute außerordentlich gut“, erklärt Volker Stolberg, Mittelstandsexperte beim Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR). Der BVR plädiert für eine differenzierte Betrachtung bei der strengeren Bankenregulierung gemäß Basel III. Das Mittelstandssegment habe schließlich überhaupt nicht zur Krise beigetragen, so Stolberg. „Dieses Geschäftsfeld hat sich eindeutig bewährt.“ Stolberg hofft, dass die Politik auf EU-Ebene die Argumente noch aufnimmt, die Eigenkapitalanforderungen nach Basel III dementsprechend nochmal angepasst und die Mittelstandskredite entlastet werden. Auch der Sparkassenverband setzt sich für eine mittelstandsfreundliche Regelung ein.

Höhere Eigenkapitalquoten

Zur Stabilisierung der Finanzierungslage und zum guten Kreditzugang der meisten Unternehmen tragen auch ganz maßgeblich die gestiegenen Eigenkapitalquoten im Mittelstand bei. Nach Angaben des DSGV in dessen breit angelegter Studie „Diagnose Mittelstand 2012“ nahm die typische EK-Quote bei kleinen und mittleren Unternehmen (KMU, bis 50 Mio. EUR Umsatz) 2010 auf 18,3% (Vorjahr 15,1%) zu – mit weiter steigender Tendenz im Jahr 2011. Unternehmen mit über 50 Mio. EUR Umsatz wiesen im Durchschnitt sogar eine Quote von 30,3% (Vj. 29,6) aus.
Wer sich mit seinem Unternehmen allerdings gerade in einer schwächeren Phase befindet oder ohnehin ein sehr zyklisches Geschäft betreibt, sollte seiner Bank plausibel erklären können, wie er eine aktuelle oder auch eine eventuelle kommende Schwächephase überstehen kann. Solche Unternehmen brauchen sozusagen einen „Risikopuffer“ bzw. Ausgleichsfaktoren, sei es eine hohe EK-Quote oder eine sehr flexible Kostenstruktur oder Ähnliches. Auch eine bald anstehende, aber noch ungelöste Nachfolgeregelung macht die Kreditverhandlungen schwierig; hier sollte ein Lösungsweg aufgezeigt werden.

Stabile Geschäftsmodelle im Vorteil

Entscheidend ist nach wie vor ein stabiles, tragfähiges Geschäftsmodell mit guten Perspektiven. Als Faktoren, die sich bei Kreditanträgen positiv auf das Rating auswirken, nennt DSGV-Experte Schulz vor allem: hohe EK-Quote, offene Kommunikation mit professioneller Präsentation der Zahlen und Risiken sowie ein Plan für die Unternehmensnachfolge. Insgesamt aber haben Unternehmen gelernt und gehen mit mehr Offenheit und Transparenz in die Bankgespräche. Steinkat von der Commerzbank sieht Veränderungen auch bei den Banken, die jetzt die Bonitätsanalyse stärker zukunftsgerichtet gestalteten als noch vor ein paar Jahren – d.h. der Zielbilanz für das laufende Geschäftsjahr wird beim Rating eine größere Bedeutung beigemessen.

Günstige Konditionen

Die gute wirtschaftliche Lage vieler Firmen und insbesondere das anhaltend sehr niedrige allgemeine Zinsniveau schaffen zudem ein positives Umfeld bezüglich der Kreditkonditionen. Kunden guter Bonität haben eine günstige Verhandlungsposition, „denn viele Banken wollen mit dem attraktiven deutschen Mittelstand Geschäft machen“, wie Wisskirchen bestätigt. „Wenn es bei einem stabilen gesamtwirtschaftlichen Umfeld bleibt, sind hier auch keine größeren Änderungen für die Unternehmen zu erwarten.“ Auch Stolberg und andere Experten rechnen mit weiterhin günstigen Kreditzinsen; das größte Risiko für dieses Szenario sehen sie in der Euroschuldenkrise. Basel III macht in diesem Zusammenhang – auch vor dem Hintergrund der insgesamt eher verhaltenen Kreditnachfrage – weniger Sorgen als ursprünglich erwartet. „Die langfristige Refinanzierung der Banken gewinnt an Bedeutung, weil künftig weniger Fristentransformation erlaubt ist“, erklärt Steinkat. „Die Banken haben in den vergangenen Jahren aber, bedingt durch die verschärfte Regulierung, ihr Eigenkapital deutlich erhöht – wodurch die Widerstandsfähigkeit des Finanzsystems insgesamt zugenommen hat.“

Oberbank setzt auf Bayern

Ein ausländischer Wettbewerber, der seit 1990 in Bayern aktiv ist und sich auch in der Krise nicht zurückgezogen hat, ist die österreichische Oberbank AG. „Aus unserer Sicht ist Bayern der wichtigste Wirtschafts- und Handelspartner Österreichs“, sagt der Vorstandsvorsitzende Franz Gasselsberger. Es seien sehr viele bayerische Unternehmen in Österreich aktiv. Der Kreditbestand stieg 2011 von 10,4 Mrd. auf 10,9 Mrd. EUR – fast 5% plus. „Wir sind besonders stark bei Unternehmen mit 20 Mio. bis 250 Mio. Jahresumsatz.“ Die Oberbank sei als Regionalbank sehr flexibel und kundennah, andererseits aber auch etwas größer und internationaler als kleinere Regionalbanken in Bayern. Gasselsberger sieht weiteres Wachstumspotenzial: „Wir haben 22 Filialen in Bayern und möchten in den nächsten Jahren auf rund 30 aufstocken.“ Er rechnet mit einem weiterhin niedrigen Zinsniveau und Druck auf die Zinsmargen, denn die Banken wollen Kredite an gute Kunden geben, die Nachfrage sei aber zurzeit verhalten. „Abgesehen davon, dass einige Landesbanken Probleme haben, ist das Bankensystem in Deutschland ein sehr gesundes“, so Gasselsberger. „Anders ist dies bei einigen österreichischen Banken, die Probleme in Osteuropa haben.“

Ausblick
Der Wettbewerb der Banken um gute Kunden im Finanzierungsgeschäft nimmt weiter zu. Volle Auftragsbücher, eine gute Ertragslage sowie die weiterhin wachsende Eigenkapitaldecke bei vielen Unternehmen lassen die Ausfallrisiken für die Banken sinken. Profiteure dieser Entwicklung sind Unternehmen mit guter Bonität. Und die finden sich im internationalen Vergleich am ehesten in Deutschland.

Bernd Frank
redaktion@unternehmeredition.de