Der traditionsreiche schwäbische Batteriehersteller VARTA AG befindet sich erneut in einer schweren Krise und hat beim Amtsgericht Stuttgart einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung gestellt. Wie das Unternehmen mit Hauptsitz in Ellwangen mitteilte, soll dieser Schritt dazu dienen, die wirtschaftliche Zukunft der Gruppe nachhaltig zu sichern und eine dauerhafte Fortführung des Geschäftsbetriebs zu ermöglichen. Neben der Muttergesellschaft VARTA AG sind durch enge interne Verflechtungen auch wesentliche operative Tochtergesellschaften von den Anträgen betroffen. Der populäre Geschäftsbereich der Haushaltsbatterien (VARTA Consumer Batteries) ist jedoch von dem Insolvenzantrag ausdrücklich ausgenommen. Das zuständige Amtsgericht Stuttgart hat den Stuttgarter Rechtsanwalt Tobias Wahl von der auf Insolvenz- und Restrukturierungsrecht spezialisierten Kanzlei Anchor zum vorläufigen Sachwalter bestellt. Wahl, der den Sanierungsprozess überwachen wird, äußerte sich zuversichtlich hinsichtlich der Neuausrichtung des Unternehmens: „Die vom Unternehmen eingeleiteten Restrukturierungsmaßnahmen bieten eine Chance, gemeinsam mit dem Management eine tragfähige Lösung für die Zukunft des Unternehmens zu finden.“
Strukturelle Finanzierungslücke für 2027
Auslöser für den Gang zum Insolvenzgericht ist nach Angaben des Unternehmens eine absehbar entstehende, strukturelle Finanzierungslücke auf Ebene der Konzernmuttergesellschaft, die insbesondere im Hinblick auf die geplante Unternehmensentwicklung ab dem Jahr 2027 zu einer bilanziellen Überschuldungssituation geführt hätte. Diese finanzielle Engpasslage resultiert aus einer Kombination mehrerer negativer Entwicklungen in einzelnen Geschäftsbereichen (Business Units).
Zu den wesentlichen Ursachen gehören laut der Pressemitteilung von VARTA eine deutliche Verschlechterung der allgemeinen Marktbedingungen, eine anhaltend schwache Nachfrage im Bereich der Unterhaltungselektronik sowie spürbare negative Währungskurseffekte. Massiv verschärft wurde die Situation zuletzt durch die Entscheidung eines maßgeblichen Ankerkunden, die bisherige Zusammenarbeit zu beenden. Dabei handelt es sich um den US-Technologiekonzern Apple, der die wiederaufladbaren „CoinPower“-Knopfzellen für seine kabellosen „AirPods“-Kopfhörer künftig von einem asiatischen Konkurrenten beziehen möchte. Dieser Verlust reißt ein erhebliches Loch in die Kassen des Konzerns und führt unter anderem dazu, dass das VARTA-Werk im bayerischen Nördlingen mit rund 350 Beschäftigten noch im Herbst geschlossen werden muss.
Zusätzlich erschweren die gewachsenen Konzernstrukturen mit ihren komplexen internen Leistungs- und Finanzverflechtungen eine effiziente Umsetzung der notwendigen Sanierungsmaßnahmen im normalen Geschäftsbetrieb und machen einen zusätzlichen Liquiditätsbeitrag erforderlich. Da die bisherigen Eigentümer – der österreichische Investor Michael Tojner und der Sportwagenhersteller Porsche – nicht mehr bereit waren, weiteres Eigenkapital in zweistelliger Millionenhöhe einzubringen, und auch seitens anderer Stakeholder keine verbindlichen Mittelzusagen eingingen, wurde der Insolvenzantrag unumgänglich.
Geschäftsbetrieb läuft weiter
Das Management der VARTA AG hat die Belegschaft gemeinsam mit dem vorläufigen Sachwalter Tobias Wahl umgehend über die aktuelle Lage und die weiteren Schritte informiert. CEO Michael Ostermann zeigte sich betroffen von der Entwicklung, betonte jedoch den unbedingten Sanierungswillen der Unternehmensführung: „Dieser leider unvermeidbare Schritt macht mich persönlich sehr betroffen. Die VARTA AG hatte in den vergangenen Quartalen mit großen Herausforderungen zu kämpfen. Wir sind uns im Vorstand und in der Geschäftsleitung der Gesamtverantwortung für Mitarbeitende, Kunden, Lieferanten und Geldgeber bewusst und arbeiten mit aller Kraft daran, so viele Arbeitsplätze wie möglich zu erhalten, eine nachhaltige Fortführung zu ermöglichen und für alle Stakeholder die bestmöglichen Perspektiven zu schaffen. Der Markt für Energiespeicher ist unverändert eine Zukunftsbranche, die starke heimische Anbieter und Technologieführer wie die VARTA AG benötigt.“
Für die Beschäftigten bringt das Verfahren in Eigenverwaltung zumindest kurzfristig Stabilität. Wie das Unternehmen klarstellte, wird die operative Tätigkeit im Rahmen der insolvenzrechtlichen Vorgaben uneingeschränkt fortgeführt. Kunden, Lieferanten und Geschäftspartner können weiterhin auf die gewohnten Leistungen und Produkte vertrauen. Zudem sind die Löhne und Gehälter der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über das Insolvenzgeld beziehungsweise den laufenden Geschäftsbetrieb gesichert.
Mehrere Tochtergesellschaften betroffen
Aufgrund der engen Wechselbeziehungen innerhalb der VARTA-Gruppe beschränkt sich der rechtliche Restrukturierungsprozess nicht auf die Konzernmutter. Neben der VARTA AG stellen auch die Tochtergesellschaften VARTA Microbattery GmbH (Ellwangen), VARTA Micro Production GmbH (Nördlingen) und VARTA Storage GmbH entsprechende Anträge. Für die VARTA Microbattery GmbH wurde ebenfalls eine vorläufige Eigenverwaltung angeordnet, während für die Einheiten in Nördlingen und die Storage-Sparte ein reguläres Insolvenzverfahren vorgesehen ist.
Ausdrücklich nicht betroffen ist hingegen der Geschäftsbereich VARTA Consumer Batteries. Dieser Teil des Unternehmens, der für die weltweit bekannten blau-gelben Haushalts- und Gerätebatterien verantwortlich ist, ist rechtlich, operativ und finanziell eigenständig aufgestellt. Er erwirtschaftet solide Erträge und gilt als das Filetstück des Konzerns.
Das StaRUG-Verfahren 2024
Um eine drohende Zahlungsunfähigkeit abzuwenden, flüchtete Varta im Juli 2024 unter das Schutzdach des Unternehmensstabilisierungs- und -restrukturierungsgesetzes (StaRUG). Das vorinsolvenzliche Sanierungsverfahren ermöglichte dem Management radikale Einschnitte: In einem beispiellosen Schritt wurden die freien Aktionäre per Kapitalschnitt auf Null vollständig aus dem Konzern gedrängt und faktisch enteignet. Gleichzeitig verzichteten Kreditgeber auf dreistellige Millionenbeträge. Der anschließende Einstieg von Porsche sollte den Neustart sichern – erwies sich im Rückblick jedoch nur als eine kurze Verschnaufpause vor dem finalen Zusammenbruch.
Was aus den Fördermitteln wurde
Mit großer Geste übergab das Bundeswirtschaftsministerium an Varta 2020 einen Förderbescheid über bis zu 300 Mio. EUR. Als Teil einer europäischen Batterieoffensive sollten Bund und Länder den Aufbau einer heimischen Zellfertigung finanzieren. Nach Branchenschätzungen flossen bis zum Krisenausbruch rund 100 bis 150 Mio. EUR an Steuergeldern. Dieser Betrag ist heute volkswirtschaftlich weitgehend verloren: Die ehrgeizigen Pläne für E-Auto-Akkus wurden gestoppt, Schlüsselwerke geschlossen. Rückforderungen des Staates haben in einem Insolvenzverfahren kaum Aussicht auf Bedienung.
Komplexe Eigentümer- und Gläubigerinteressen
Mit dem Eigenverwaltungsverfahren tritt die VARTA AG in eine entscheidende Phase ein. Die wichtigsten Kreditgeber – darunter die Deutsche Bank sowie Finanzinvestoren wie Blantyre, BlueBay und Whitebox – planen derzeit eine Ausgliederung und Übernahme der lukrativen Consumer-Sparte im Wege eines Debt-to-Equity-Swaps, um ihre Forderungen abzudecken. Gleichzeitig gibt es Bestrebungen seitens Großaktionär Michael Tojner, die Sparte für Mikrobatterien herauszulösen und neu zu positionieren. Für die rund 3.260 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der VARTA-Gruppe sowie den Industriestandort Deutschland beginnt nun ein intensiv überwachter Sanierungsprozess. Unter der Aufsicht des Sachwalters Tobias Wahl soll eine tragfähige Neuausrichtung gelingen, damit der schwäbische Traditionskonzern seine Rolle als europäischer Batteriepionier auch in Zukunft wahrnehmen kann.







