Deutschland wird zur Erbengesellschaft und nur ein Viertel der Menschen hat ein Testament. Das Thema Tod ist ein Tabu – Deutschland lebt im Hier und Jetzt. So kann es nicht weitergehen, ist das Fazit einer interdisziplinären Tagung zum Thema „Lebenssinn und Erbe“ in der Münchner Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung am 27. und 28. Mai. Nicht nur Familienunternehmer sollten ihr Erbe rechtzeitig gestalten, um Konflikte zu vermeiden.

Lernen – Leben – Weitergeben. Worin liegt der Sinn des Lebens? Die Bedeutung des Lebens ist heute weitaus größer als die des Weitergebens. Der Tod wird ausgeblendet. Und das, obwohl in Deutschland dieses Jahr geschätzte 254 Mrd. EUR vererbt werden. Und das ist nur das materielle Erbe. Ganz entscheidend, aber unbewusst werden auch noch Wertegerüste, Angewohnheiten und vieles mehr weitergegeben, jeden Tag, von jedem. Doch bleiben wir beim Materiellen: Bis 2020 sollen rund 2,6 Bio. EUR vererbt werden. Das Tragische: „Bei jeder sechsten Erbschaft gibt es Streit“, erklärt Psychologin Dr. Christiane Wempe von der Universität Mannheim.


Chance für Stiftungen

Von der erwarteten Erbschaftswelle könnten auch Stiftungen profitieren. Da gibt es Erblasser, die auf den letzten Drücker etwas für sie Sinnvolles in die Wege leiten wollen. Und da gibt es Menschen, die unerwartet in den Genuss einer Erbschaft gelangen und das Ererbte daraufhin als eine Art Spielgeld betrachten, so Prof. Dr. Kai Jonas von der Universität Amsterdam. Banken und Stiftungen sollten das auf dem Schirm haben und darauf eingestellt sein, meint er. Der Aufruf, sich zeitig Gedanken zum Thema Weitergeben zu machen, richtet sich also an viele Adressaten.

Frühzeitige Planung fördern

Regelmäßig planen Menschen erst in der dritten Lebensphase die Übergabe ihres Vermögens an die nächste Generation. Dies ist der Ausgangspunkt für das Projekt „Lebenssinn & Erbe“, einem interdisziplinären Forschungs- und Publikationsprojekt. Mit der Tagung in der Münchner Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung wagte sich die Gruppe um Prof. Dr. Kai Jonas und Dr. Rupert Graf Strachwitz vom Maecenata Institut an der Humboldt-Universität zu Berlin erstmals aus der Deckung. Mit 30 Psychologen, Sozialwissenschaftlern, Soziologen, Beratern, Unternehmern, Juristen und Theologen wurde an einer Lösung zur Überwindung der Tabuisierung des Themas Erbe und Tod gearbeitet. Das Weitergeben soll bewusster und zeitiger in die Wege geleitet werden. Interessanter Aspekt der Tagung: Erben ist schon in der Bibel ein Thema, doch in München stellten Theologen wie Anselm Bilgri und Psychologen wie Dr. Christiane Wempe nun fest, dass es in ihren Wissenschaftszweigen kaum behandelt wird. Von der Forschung viel beachtet ist hingegen die Nachfolge in Familienunternehmen. 95% der Unternehmen in Deutschland sind in Familienhand. Und so kam es, dass Familienunternehmen auch auf der Tagung „Lebenssinn und Erbe“ einen Schwerpunkt darstellten.

Wertvolles Erbe

Der Unternehmer Dr. Felix-Michael Weber ging den Ursachen nach, warum sich eine Postgründer-Generation entscheidet, ein Unternehmen weiterzuführen, statt dieses zu verkaufen. Motivationen, das Erbe anzutreten, seien neben materiellen Vorteilen beispielsweise, dass damit der Zusammenhalt der Familie und der Austausch innerhalb der Familie gesichert seien. Zudem gebe es eine Verpflichtung gegenüber den Mitarbeitern und dem sozialen Umfeld. Weil die Weitergabe von Familienunternehmen nicht immer reibungslos Tagungsort Schloss Nymphenburg: In den Räumen der Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung wurde über das Thema Lebensinn und Erben diskutiert. vonstatten geht, entwickelte Dr. Andrea Müller von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ein Prozessmodell der Unternehmensnachfolge. Darin wird den Interessen der Unternehmer und der nächsten Generation Rechnung getragen. Eines schien dabei extrem wichtig: Der Prozess muss rechtzeitig in die Wege geleitet werden. „Ich weiß von einem Unternehmer, der fuhr mit seinem Sohn auf den Berg. Unten in der Gondel sagte er zum Junior: Und wenn wir oben aussteigen, will ich wissen, ob du das Unternehmen übernimmst. So darf es keinesfalls laufen“, resümierte sie. Beeindruckend waren dazu die Schilderungen Karl Ludwig Schweisfurths im Rahmen der Tagung in den benachbarten Räumen seiner Stiftung. Der Unternehmer beschrieb seine Wende vom Wurstfabrikanten zur ökologischen Landwirtschaft. Seine Kinder hatten es abgelehnt, wie seine Firma Herta Würste am Band produzierte. Sie wollten das Unternehmen nicht übernehmen. Er verkaufte, gründete die Herrmannsdorfer Landwerkstätten und die Schweisfurth-Stiftung und holte seine Kinder wieder an Bord.

Philantropisches Andenken aktiv gestalten

Wie Schweisfurth handeln viele Gründer, sie setzen sich philanthropisch ein Denkmal, so Rupert Graf Strachwitz. Wenn es um das Erbe geht, wollen aber rund 40% der Menschen nicht nur die Familie bedenken, sondern auch noch gemeinnützige Organisationen teilhaben lassen, berichtete Miriam Ströing von der Universität Potsdam, die in München ihre aktuelle Studie zum Thema Reichtum und gesellschaftliche Verantwortung vorstellte. Die Soziologin erinnerte in diesem Zusammenhang an Artikel 14 des Grundgesetzes: Eigentum verpflichtet. Doch bei der Gestaltung des letzen Willens gibt es ein Problem. Erbberatung ist derzeit weitestgehend eine Rechts- oder Steuerberatung. Nach persönlichen Wünschen der Erbgestaltung werde man nicht gefragt, so Hubertus Jonas, der zusammen mit seinem bereits erwähnten Sohn Kai Jonas vor einem halben Jahr einen Erbratgeber veröffentlich hat, der die persönliche Dimension unterstreicht (K.J. Jonas & Hubertus A. Jonas: „Konfliktfrei vererben: Ein Ratgeber für eine verantwortungsbewusste Erbgestaltung“, Hogrefe-Verlag 2013, 16,95 EUR). Jonas geht es darum, dass Rechtsanwälte, Bank- und Steuerberater lernen, mit Mandanten offen über den Tod zu sprechen. Nur so könne richtig beraten und das Erbe konfliktfrei gestaltet werden. Mit den übrigen Tagungsteilnehmern war er sich einig: Bis die Tabuisierung des Themas Tod und Erbe überwunden ist, wird es noch dauern. So wird es vermutlich bald eine Tagung „Lebenssinn & Erbe 2.0“ geben.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in der Sonderausgabe „Familienunternehmen & Stiftung“ des Magazins Die Stiftung, einer Schwesterpublikation der Unternehmeredition.