Leidenschaft für Feines

In der Dotzheimer Straße 26 in Wiesbaden steht ein Rewe. Unaufdringlich schmiegt sich der moderne Kasten in die Reihe der Gebäude im Jugend- und Klassizismusstil. Verrät den zu ein- und ausströmenden Einkäufern nichts vom dem Geheimnis des Ortes. Dabei hat genau an dieser Stelle vor 112 Jahren etwas begonnen: die Geschichte eines mittelständischen Unternehmens, dessen Produkte heute in den Einkaufswagen der Gourmets und der Otto Normalverbraucher landen. Die Geschichte von Feinkost Dittmann.

Heute hat Feinkost Dittmann seinen Hauptsitz im hessischen Taunusstein, auf einem Hügel hoch über dem Rhein. Dort stellt das Unternehmen mediterrane Spezialitäten her wie eingelegte Pfefferonen, gefüllte Tomaten, Oliven, Kapern und viele weitere Köstlichkeiten. „Allerdings steht längst nicht überall Dittmann drauf, wo Dittmann drin ist“, sagt Marketingleiter Martin Schmidlin.

Unter anderen Namen produziert der deutsche Marktführer für Antipasti auch für Discounter wie Aldi oder Lidl. Die Export-Abteilung mit Sitz in Dietz liefert Feinkost-Artikel in 28 Länder. Weitere Werke hat Feinkost Dittmann in Griechenland, der Türkei und in Spanien. „Dort heißt das Unternehmen Matithor Iberica“, berichtet Schmidlin.

Treue zum alten Büro
Der vertraut anmutende Name sorgt bei den Spaniern für besseren Absatz. Spanisch ist daran allerdings gar nichts. „Da stecken vielmehr die Namen meiner Geschwister und mein Name drin“, schmunzelt Timm Reichold. Er und sein Bruder Thorsten haben im Jahr 2000 als Mitgesellschafter und Geschäftsführer das Unternehmen von ihrem Vater übernommen. Auch Schwester Martina ist bei Feinkost Dittmann tätig. Und die nächste Generation arbeitet ebenfalls schon mit. Es ist also gesichert, dass das Familienunternehmen auch in Familienhand bleibt.

In der Produktion auf dem Hügel über dem Rhein ist Tomatenzeit. Tomatenduft in der Luft empfängt Besucher im Eingang des Verwaltungsgebäudes. Tomaten in riesigen Fässern, die eine Automatik auf Fließbänder kippt. Sie fahren hoch zu einem vielarmigen Stahl-Kraken, der die rote Menge in genau abgewogene Portionen teilt. Weiter unten kommen die Gläser an. Im Nu sind sie gefüllt. Ab in den Qualitätscheck, hin zur Etikettierung.
„Auf denselben Produktionslinien stellen wir auch die meisten anderen Snacks her“, sagt Markus Beck, Leiter Qualitätskontrolle. Am Nachmittag sind Oliven dran, die jetzt schon vorbereitet werden. Da wo gerade halbleere Oliven-Fässer stehen, hält Beck inne. „Hier war früher einmal das Büro des Chefs“, sagt er. Und mit „Chef“ meint er den ehemaligen Chef, den Senior. Den Mann, der Feinkost Dittman groß gemacht hat – Günter Reichold.

Unternehmen auf Kurs gebracht
Günter Reichold ist heute im Unternehmen. Er kommt ab und zu mal vorbei, einfach so. Wenn er nicht gerade auf Reisen ist oder Alpin-Ski fährt, was der braungebrannte, durchtrainierte 83-Jährige immer noch gern tut. Wenn Reichold Senior da ist, empfängt er Gäste in einem Büro in der zweiten Etage des Verwaltungsgebäudes. Dort sitzt er an einem Besprechungstisch, an dem schon seit Jahren nicht mehr über Geschäfte gesprochen wurde. An seinem Schreibtisch aber hat er so manchen wichtigen Geschäftsabschluss besiegelt. Das Original steht noch immer in Reicholds Büro. „Mit dem habe ich 1965 bei Feinkost Dittmann angefangen“, erinnert sich der Senior und weist mit einem kurzen Kopfnicken auf das gute alte Stück.

Umzug nach Taunusstein
1965: In der Dotzheimer Straße 26 in Wiesbaden steht ein Gebäudekomplex aus Vorder-, Mittel-und Hinterhaus. Fischgeruch hängt in der Luft, denn hier werden eingelegte Sardellen und Sardellenpaste produziert. Als Günter Reichold von dem damaligen Teilhaber Leo Halbleib eingestellt wird, hat Feinkost Dittmann bereits eine wechselvolle Geschichte hinter sich. 1901 von Carl Dittmann gegründet, erobert sich das Unternehmen bis in die 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts einen Ruf als Importfirma für verschiedenste ausländische Waren.

„Carl Dittmann war ein Genießer“, erinnert sich Günter Reichold. „Er lebte gerne auf großem Fuß.“ Nicht gerade die besten Voraussetzungen, um eine Unternehmen erfolgreich zu führen. So geriet Dittmann in den 30er Jahren in Schwierigkeiten, hatte keine klare Fokussierung. „Im Lager fand sich ein ganzes Sammelsurium an Waren“, sagt Reichold. Das änderte sich, als 1930 der Holländer Leo Halbleib in die Firma eintrat. Nun konzentrierten er und Dittmann sich zunächst auf zwei Produkte: Sardellen und Sardellenpaste.
„Das Fanggebiet lag in der Biskaya, und da in Nordspanien auch Kapern wachsen, ergänzten diese bald das Sortiment“, erzählt Reichold. Damit brachte Halbleib das Unternehmen wieder auf Kurs und rettete es auch über den Zweiten Weltkrieg hinweg. 1952 übernahm er die Geschäfte vollständig.

Halbleib ist bereits 60 Jahre alt, als Günter Reichold 1965 zu Feinkost Dittmann kommt. Er möchte in den Ruhestand gehen und hat keinen Nachfolger. So wird Reichold zuerst Geschäftsführer und 1971 neuer Inhaber des Unternehmens. Der Umsatz liegt zu dieser Zeit bei 1,5 Millionen D-Mark. In den kommenden Jahrzehnten soll er ständig steigen, denn mit Reichold beginnt die Erfolgsgeschichte von Feinkost Dittmann.

Neuer Markt USA
„Ich bin schon damals gern gereist und habe gern gut gegessen“, erzählt Reichold. So habe er sich überlegt, welche ausländischen Spezialitäten dem deutschen Genießer denn wohl schmecken könnten. „Da wir in Spanien unsere Sardellen und Kapern bezogen, dachte ich mir, man könnte es ja auch mal mit Oliven versuchen“, berichtet der Senior. Er versuchte es – mit fünf Fässern zu je 264 Kilogramm, die er im Kofferraum seines Autos von Spanien nach Wiesbaden fuhr. Heute verarbeitet Feinkost Dittmann jährlich 9.000 Tonnen Oliven.

Reichold ist ein aufmerksamer Mann, an vielen Dingen interessiert – und er ist bescheiden. „Zu unserem Erfolg hat die Reiselust der Deutschen, die ja schon in den 60er Jahren aufgekommen war, ganz erheblich beigetragen“, sagt er. Italien, Spanien und Griechenland wurden zu den Lieblingsurlaubsländern der Bundesbürger, die auch ihre Vorliebe für mediterrane Speisen entdeckten. „Und die produzierten wir nun vermehrt“, erinnert sich Reichold.

Immer breiter wurde das Sortiment seines Unternehmens, Tomaten, Artischocken und Öle kamen hinzu. „Und die Pfefferonen“, sagt Reichold. Dieses Wort gab es in der deutschen Sprache nicht, bis er die ersten Pepperoni unter der selbst erfundenen Bezeichnung Pfefferonen verkaufte. Heute steht das Wort im Duden.

Zeit des Wachstums
In der Dotzheimer Straße 26 wurde es bald zu eng, denn das Geschäft florierte. „Vor allem wurde es zu niedrig“, scherzt Reichold. Die Hofeinfahrt schmückte ein Schild mit dem Firmennamen. Dies hing in 2,5 Meter Höhe. „Wenn die Lkw vollbeladen anfuhren, kamen sie unter dem Schild zwar durch, weil das Gewicht der Ladung sie nach unten drückte“, sagt Reichold. In leerem Zustand war die Durchfahrt aber nicht mehr möglich. „Dann mussten immer alle unsere Mitarbeiterinnen aus der Produktion auf die Ladefläche, um den Wagen zu beschweren“.

1974 zog Feinkost Dittmann nach Taunusstein um. Er habe damals einen Fehler gemacht, gibt Günter Reichold zu. „Ich hätte gleich den gesamten Hügel kaufen sollen und nicht nur eine bestimmte Fläche“, schmunzelt er. Denn das Unternehmen wuchs immer weiter.

Viele Mitarbeiter erinnern sich noch gut an die Zeit dieser ständigen Expansion. Viele sind schon seit Jahrzehnten bei Feinkost Dittmann beschäftigt. Einer von ihnen ist Außendienstler Michael Krause. „Früher gab es jedes Jahr für alle Mitarbeiter eine Weihnachtsfeier bei Reicholds zuhause“, erzählt er. Dann habe sich der Chef ans Klavier geschwungen und gespielt.

Diese Art des Feierns kann Geschäftsführer Timm Reichold seinen 620 Mitarbeitern heute nicht mehr bieten. „Aber sonst ist er als Chef genau wie sein Vater“, sagt Marketingleiter Schmidlin. Fair und voller neuer Ideen, die er sofort in die Tat umsetzt. Als der lange Winter in diesem Jahr den Beginn der Spargelzeit verzögerte, beschloss Reichold Junior, für solche Fälle deutschen Spargel im Glas zu produzieren. Drei Monate später war er auf dem Markt.

Dotzheimer Straße
Doch Erfindergeist allein macht ein Unternehmen nicht groß. Was ist das Erfolgsrezept der Reicholds? „Solides kaufmännisches Wissen gepaart mit positiver Neugier“, sagt der Senior. Zudem ein starkes Führungsteam und natürlich die Mitarbeiter. „Sie sind genauso wichtig wie das Kapital auf der Bank, man muss ihnen Wertschätzung entgegenbringen.“ Anders, da ist er sicher, hätte Feinkost Dittmann nicht zu dem Unternehmen werden können, das es heute ist. Anders würde auch der aktuelle Schritt nicht gelingen: die Erschließung der US-Ost- und Westküste als neuen Markt.

In der Abteilung für Gourmet-Snacks zieren sie aufgezogen wie an einer Schnur eine breite Regalreihe: Gläschen mit Tomaten in Kräutersud, Flacons mit erlesenen Ölen, poppige Plastikflaschen mit der Aufschrift „Pott Soße“ und „Körri Saft“.

„Darf ich die haben?“ Eine Kinderhand hat ein Glas mit grün-ovalem Inhalt aus dem unteren Regal gezogen und streckt es fragend nach oben. „Das sind keine Bonbons, das sind Oliven“, lautet die Antwort. Flugs wandert der mediterrane Snack zurück an seinen Platz. Mutter und Tochter setzen ihren Einkauf fort – im Rewe in der Dotzheimer Straße 26 in Wiesbaden.

Andreas Martens
redaktion@unternehmeredition.de

Kurzprofil Feinkost Dittmann Reichold Feinkost GmbH
Gründungsjahr: 1901
Branche: mediterrane Feinkost
Unternehmenssitz: Taunusstein, Hessen
Umsatz: 2012: 155 Mio. EUR
Mitarbeiterzahl 2013: 620
www.feinkost-dittmann.de

Zur Person:
Günter Reichold absolvierte nach seinem Schulabschluss zunächst eine Banklehre. Danach wurde er Geschäftsführer des Wiesbadener Gartenbauzentrums. 1965 trat er in das Unternehmen Feinkost Dittmann ein, wurde nach nur einem Monat Probezeit Geschäftsführer und übernahm den Feinkosthersteller 1971. Ab 1990 übergab er die Geschäfte nach und nach an seine Söhne Timm und Thorsten, bis er im Jahr 2000 in den Ruhestand ging. An den Geschicken von Feinkost Dittmann nimmt der 83-Jährige immer noch regen Anteil.

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