Der Schuster, der nicht bei seinen Leisten blieb

Der heute 81-jährige Heinz-Horst Deichmann hat aus einer kleinen Schuhmacherei in Essen-Borbeck Europas größten Schuhhändler geformt. Jeder fünfte Schuh, der in Deutschland verkauft wird, stammt inzwischen von Deichmann. Heute führt sein Sohn Heinrich Otto die Geschäfte. Beide verbindet strenge Gläubigkeit in der evangelischen Freikirche und die Freigiebigkeit, Millionenbeträge zu spenden.

Pumps und Bibelworte – eine segensreiche Verbindung
Seine Schuhe kosten wenig, aber das Wort des Herrn ist ihm unendlich teuer. Ob Pumps oder Bibelworte – der Dr. med. Heinz-Horst Deichmann verbreitet beides mit missionarischem Eifer. „Ein Unternehmen muss den Menschen dienen“, sagt der bekennende Christ. Es müsse den Kunden dienen, aber auch den Mitarbeitern. Es sei ein Fehler, wenn Unternehmen nur auf die Kosten gierten und die Mitarbeiter vergäßen. „Das rächt sich. Das tut der ganzen Gesellschaft nicht gut.“ Reich ist er schon, immer wieder taucht der Name Deichmann auf den Listen der reichsten Menschen der Welt auf.Die Deichmann-Gruppe ist in 17 Ländern, von Skandinavien bis zur Türkei, vertreten. Jeder fünfte Schuh, der in Deutschland verkauft wird, stammt inzwischen von Deichmann. 2007 waren das etwa 122 Mio. verkaufte Paare.

Generöser Wohltäter
Doch dieser erstaunliche Erfolg war für den Christen nicht Selbstzweck. Mit dem Geld, das er verdiente, finanzierte er nicht nur die rasante Expansion des Unternehmens. Quasi nebenbei schuf er das Missionswerk „Wort und Tat“, das in Indien und Tansania Schulen und Krankenhäuser betreibt und jährlich rund 80.000 Menschen unterstützt. Wie viele Millionen aus seinem Vermögen er dafür gespendet habe, wisse er selbst nicht, so Deichmann. „Im Jahr liegt die untere Grenze wohl bei 5 Mio. Euro. Ich bin reich, nicht um mir selbst ständig etwas Besseres leisten zu können, sondern letztlich, um dieses Geld einzusetzen für die Sache des Reiches Gottes“, sagt das Mitglied der evangelisch-freikirchlichen Gemeinde.

Fest in Familienhand
„Bergsteigen und Skilaufen sind für mich der größte Luxus“, sagt er. Im Schweizer Bergparadies Klosters besitzt er ein Ferienhaus. Doch da ist er nicht oft. Er hat noch einen Schreibtisch im Unternehmen in Essen. Auch fliegt er mehrfach jährlich nach Fernost. Um günstige Ware anbieten zu können, kommt Deichmann um eine entsprechend günstige Fertigung in Drittweltländern nicht herum – doch ausbeuten will er die Menschen nicht, das verbietet ihm seine Überzeugung. „Ich will, dass es meinen Mitarbeitern gut geht, dass sie sich wohl fühlen und dass ein anständiger Führungsstil herrscht.“ Den zu garantieren, hat Heinz-Horst Deichmann, den sie im Unternehmen alle nur respektvoll „den Doktor“ nennen, seinem Sohn Heinrich Otto Deichmann in die Wiege gelegt. Der 45-Jährige führt als Vorstandschef seit 1999 die Geschäfte. Elf Jahre zuvor war Heinrich Otto vom Vater in die Firma eingeführt worden. Davor sammelte er Erfahrung bei Aldi und Peek & Cloppenburg. Im Deichmann’schen Firmenimperium musste der Sohn ganz unten anfangen. In den Ferien Schuhe auspacken und auspreisen, nach dem BWL-Studium als Diplom-Kaufmann dann eigenverantwortlich eine Schuh-Filiale führen.

Wie der Vater, so der Sohn
Heute ist der Vater froh, dass die Firma in seinem Geiste weitergeführt wird. Auf die Frage, wie die Familien mittelständischer Unternehmer ihre Kinder erziehen sollten, um später gute Nachfolger im Unternehmen zu haben, antwortet er: „Sie sollten die Liebe zu den Kunden und den Mitarbeitern lernen und erkennen, dass es den wirklich großen Unternehmern nie darum ging, möglichst viel Geld für sich zu besitzen.“ Heinrich Otto hat den Einsatz für soziale Belange von seinem Vater geerbt. 2005 initiierte er einen mit 80.000 Euro dotierten Förderpreis für Projekte gegen Jugendarbeitslosigkeit. Und wie der Vater verweist Heinrich Otto Deichmann auf den christlichen Glauben als Grundlage des geschäftlichen Handelns. Dass das Engagement sich positiv auf das Unternehmen auswirkt, bestreitet auch der Diplom-Kaufmann nicht. Aber: „Wir spekulieren nicht darauf, durch unser soziales Engagement mehr Schuhe zu verkaufen.“ Das nimmt man ihm ab, so wie er da sitzt in seinem Büro, für das sich ein Manager einer Großbank sicherlich schämen würde, weil es fast spartanisch ist.

Theologe, Mediziner, Schuhmacher
Von seinem Fenster aus blickt der Junior-Boss auf ein Gewerbegebiet in Essen-Borbeck. In diesem Stadtteil hat sein Großvater 1913 die kleine Schuhmacherei „Elektra“ gegründet. Er ist sowohl seinem Sohn als auch seinem Enkel menschlich das Vorbild: Der Senior versorgte Juden im Untergrund, Arme, Kranke. Und in der Firma predigte er seinen Mitarbeitern das Evangelium. Jeden Tag ein Bibel-Vers, für jede Situation ein Zitat aus dem Buch Gottes. Hitler hatte gerade Frankreich überrannt, da starb der Vater.
1945 muss Heinz-Horst Deichmann an die Ostfront. Nahe der Oder wird er von den Russen Ostern 1945 verwundet – Halsdurchschuss. Er begreift es bis heute als Gottes Fügung, dass er überlebt. Wieder sind Schuhe Mangelware. Bald kommt er auf die Idee, aus alten Fallschirmleinen Bänder für Sandalen zu produzieren. Die Schuhe werden in der Nachkriegszeit ein Renner. Er richtet eine Tauschbörse für gebrauchte Schuhe ein, zwölf Schuster reparieren en gros. Doch die Firma ist ihm nicht alles. Parallel zur Arbeit studiert Deichmann in Bonn bei dem von ihm verehrten Karl Barth Theologie. Das Geschäft floriert auch so. Deichmann folgt einem inneren Antrieb, es ist der Wunsch, vor allem zu helfen. Er studiert Medizin. Auf seinen Fahrten zur Universität in Düsseldorf nimmt er immer im Anhänger auch Schuhe mit. 1954 ist er Doktor der Medizin. Seine Praxis für Orthopädie wirft gutes Geld ab. In dieser Zeit gründet er auch seine Familie, zu der bald drei Töchter und ein Sohn gehören.

Du sollst deine Mitarbeiter ehren
1955 experimentiert er mit seinem künftigen Erfolgsrezept. Er baut Wühltische für die Kundschaft auf, präsentiert die Schuhe auf „Vorwahlständern“, setzt konsequent auf preiswerte Ware. Ein Jahr später gibt er den Arztberuf auf und widmet sich ganz seiner Schuhfirma. Wie andere erfolgreiche Textilhandelskonzerne auch, etwa H&M, baut Deichmann heute nahezu die gesamte Wertschöpfungskette im Unternehmen auf – vom Design bis zum eigenen Shop. Gefertigt werden Eigenmarken wie Borelli vorwiegend von Partnern in Asien. Aber auch Markenschuhe gibt es bei Deichmann. Für Kinder die von Elefanten. Modelle von Nike oder Adidas, die mit Deichmann-Großaufträgen entweder günstige Einsteigermodelle anbieten oder ihre Kapazitäten auslasten. „Gott wird mich am Ende nicht fragen, wie viele Paar Schuhe ich verkauft habe. Er wird wissen wollen, ob ich wie ein wahrer Christ gelebt habe“, sagt Heinz-Horst Deichmann. Mit seinen Mitarbeitern gut umzugehen, attestiert ihm auch der Gesamtbetriebsrat. Kein Wort der Kritik, nur höchstes Lob. Und auch die stets zu Krawall aufgelegte Gewerkschaft Verdi verkündet, man möge die Deichmanns bitte „in Ruhe lassen, die Firma leistet hervorragende Arbeit“.

Thomas Grether
redaktion@unternehmeredition.de

Kurzprofil: Heinrich Deichmann-Schuhe GmbH & Co. KG
Gründungsjahr: 1913
Branche: Schuhdesign, Fertigung und Vertrieb
Unternehmenssitz: Essen
Mitarbeiterzahl: 26.500
Umsatz 2007: 2,94 Mrd. Euro
Internet: www.deichmann.de

Autorenprofil

Thomas Grether ist Gastautor.

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