Alfred Ritter GmbH & Co. KG (Ausgabe 1/2010)

Alfred Ritter: Mit Schokolade zum Vorbild für Nachhaltigkeit

Erst als 51-Jähriger wird Alfred Ritter Chef der Marke Ritter Sport, die mit ihrem Slogan „Quadratisch, praktisch, gut“ jedes Kind kennt. Zuvor therapierte der Diplom-Psychologe in der eigenen Praxis Patienten und baute dann sehr erfolgreich eine Firma auf, die Holzpellet-Heizungen und Solaranlagen fabriziert.
Erst als 51-Jähriger wird Alfred Ritter Chef der Marke Ritter Sport, die mit ihrem Slogan „Quadratisch, praktisch, gut“ jedes Kind kennt. Zuvor therapierte der Diplom-Psychologe in der eigenen Praxis Patienten und baute dann sehr erfolgreich eine Firma auf, die Holzpellet-Heizungen und Solaranlagen fabriziert. Auch bei der Schokoladenherstellung geht es bei Ritter umweltfreundlich und sozial zu. Die Mitarbeiter zahlt er über Tarif, und wenn im Sommer weniger zu tun ist, besuchen sie Weiterbildungsseminare.
Ritter massiert geplagte Seelen in der Praxis
Geld war da. Aber eine schöne Kindheit hatte Alfred Ritter, heute 56 Jahre alt, in der 5.000-Seelen-Gemeinde Waldenbuch bei Stuttgart trotzdem nicht. Am Stammsitz der Schokoladenfabrik Ritter wurde der Grundschüler nur auf den Titel Schokoladen-Erbe reduziert. Freunde? Fehlanzeige. Von der Schokoladenfabrik seiner Eltern hatte Alfred Ritter erstmal die Nase voll. Das universitäre Reizklima in Heidelberg, in der sich erzkonservative Hochschullehrer mit kommunistischen Studenten verbal tagtäglich an den Kragen gingen, reizte den Fabrikantensohn mehr. Nach dem Vordiplom in Volkswirtschaft sattelte der Student Alfred Ritter auf Psychologie um. Er bestand das Diplom und eröffnete in Heidelberg eine Praxis. Nachdem Streitigkeiten die Firma der Eltern in den 80er-Jahren prägten, verweigerte sich der Diplom-Psychologe jedoch nicht mehr der Herausforderung des 790-Mitarbeiter-Betriebs. Ritter kam aber nicht als neuer Geschäftsführer. Denn ohne die Handelsgepflogenheiten zu kennen, werde man leicht über den Tisch gezogen, so seine Befürchtung. Da setzte er sich lieber mit seiner Schwester Marli in den Beirat der GmbH und Co. KG – ein Kontrollgremium, an dem keiner der von außen bestellten Geschäftsführer vorbeikommt. Der Firmeneigentümer hält sich damit die Tagesarbeit vom Hals, bestimmt aber doch die große Linie der Schokofirma entscheidend mit.
Tschernobyl als Auslöser: Solarfirma gegründet
Als „interessierter Laie“ sei er dann Mitte der 80er-Jahre auf die erneuerbaren Energien gestoßen. Auslöser für seine unternehmerischen Aktivitäten war der GAU im Kernkraftwerk von Tschernobyl vor zwanzig Jahren: „Mir wurde dadurch klar, dass es so nicht weitergehen kann“, erinnert sich der Unternehmer. Zwei Jahre nach dem Atomunfall gründete er die Firma Paradigma, die thermische Solaranlagen und Holzpellets-Heizkessel entwickelt und baut. Bei Paradigma und deren Tochtergesellschaften in Europa arbeiten 400 Mitarbeiter. In China kommt ein Joint Venture hinzu, das weitere 800 beschäftigt. Auch bei der Schokoladenherstellung setzt Ritter auf ein eigenes Blockheizkraftwerk und Solaranlagen. Zurzeit wächst das Geschäft mit den regenerativen Energien bei Paradigma schneller als das Geschäft mit der Schokolade bei Ritter. Für sein Umweltengagement wurde Alfred Ritter früher oft belächelt, später bekam er Preise. Heute wollen andere Mittelständler von ihm wissen, wie man ökologisch wirtschaftet. Ritter glaubt, dass die bisherige Zurückhaltung der Unternehmen bei dem Thema historisch bedingt ist. „Früher diskutierten nur linke Kreise über Klimaschutz“, erinnert er sich. „Das war ein echtes Feindbild für die Unternehmer, damit wollten sie nichts zu tun haben.“ Ist er bekennender Grüner? „Nein, ich lasse mich nicht in solche Schablonen pressen“, sagt der Porsche-Fahrer.
Wie viel CO2 macht die Kuh für die Schokolade?
Was belastet die Umwelt mehr? Der Biss in eine Alpenmilch- oder eine Rum-Trauben-Nuss-Schokolade? Bei Ritter Sport im schwäbischen Waldenbuch stellt man sich genau diese Frage und versucht exakt zu ergründen, für welche der quadratischen Tafeln mehr Kohlendioxid (CO2) in die Atmosphäre geblasen wird. Um herauszufinden, an welchen Stellen sinnvoll CO2 eingespart werden kann, durchleuchtet das Unternehmen die gesamte Lieferantenkette bis zur Kuh auf der Weide. Und klärt, ob die Kuh, die Verpackung oder der Transport das größte Problem ist. Für Geschäftsführer Ritter ist nachhaltiges Wirtschaften entlang der gesamten Wertschöpfungskette schon lange ein Thema. Mit häufig genannten Einwänden hat sich der Unternehmer auch schon auseinandergesetzt: „Ich sehe zwischen Ökologie und Ökonomie nur einen Scheinkonflikt.“ Tatsächlich senke umweltschonendes Produzieren Kosten. „Als schwäbisches Unternehmen haben wir schon zu Zeiten meines Vaters nachhaltig gewirtschaftet, weil uns Verschwendung noch nie gefallen hat“, sagt Ritter. Verschwendung im Familienbetrieb muss ihm gewaltig gegen den Strich gegangen sein. Ende 2005 feuerte er den familienfremden Geschäftsführer Olaf Blank und übernahm selbst den Chefposten. Dem Vernehmen nach hatte Blank Ritter Sport zu sehr in Abhängigkeit fremder Kapitalgeber gebracht. „Wenn ein Manager eigenes Geld im Unternehmen hat, ist das gut, weil er damit Entscheidungen treffen kann, die langfristig orientiert sind. Zudem ist er dann – außer dem Unternehmen und den Mitarbeitern – niemandem gegenüber verpflichtet“, sagt Ritter gegenüber der Unternehmeredition. Dadurch sei die Identifikation seiner Mitarbeiter mit dem Schokoladenhersteller enorm gestiegen. Erst als 51-Jähriger in den Familienbetrieb heimgekehrt zu sein, bereut er nicht. „Dadurch konnte ich mich zuvor anderen Aufgaben zuwenden, die mir ebenfalls wichtig sind und viel Freude machen.“
Selbst in der Krise schwarze Zahlen
Seit fünf Jahren also ist Ritter Sport wieder ein reines Familienunternehmen und schreibt seitdem wieder schwarze Zahlen. Selbst im Krisenjahr 2009 erzielte der Schokoladenhersteller eine schwarze Null. Dafür ist das Unternehmen mit den deutschen Zahlen „nicht unzufrieden“ und hält am deutschen Tafelschokolademarkt einen Marktanteil von 17,3%. In Deutschland erwirtschaftet Ritter 70% des Umsatzes. Zu den weiteren wichtigen Auslandsmärkten zählen Österreich, Italien und Dänemark. Die Chefs der großen Nahrungsmittelkonzerne wie Hershey, Cadbury und Nestlé haben schon alle angeklopft, um Fabrik wie Marke zu übernehmen. Doch Ritter lehnte stets ab. Er setzt auf Qualität und fährt offenbar gut damit. Zum Beispiel bei den Haselnüssen. Üblich ist es in der Branche, die Nüsse vom Herbst erst im nächsten Sommer in eine Tafel zu packen. Dann sind sie schon alt. „Wir entwickeln mit unseren Lieferanten Lagermethoden, dass sie auch dann noch frisch sind“, erzählt Ritter.
Die Tafel für die Sportjackettasche
„Unsere Geschichte fängt da an, wo die meisten Liebesfilme aufhören: bei der Ehe“ – so stimmt Ritter Sport im Internet auf die Historie ein. Denn gerade im Jahr der Firmengründung, 1912, gaben sich Alfred und Clara Ritter das Jawort. Die Großeltern der heutigen Eigentümer starteten ihren Betrieb in Bad Cannstatt bei Stuttgart. Und dieser Ort gab auch der 1919 auf den Markt gebrachten ersten Ritter-Schokoladenmarke den Namen. Während die Alrika („Alfred Ritter Cannstatt“) heute allenfalls Schoko-Experten ein Begriff ist, machte „Ritter’s Sport Schokolade““ von 1932 an große Karriere. Das Erfolgsrezept formulierte Erfinderin Clara Ritter so: „Machen wir doch eine Schokolade, die in jede Sportjackettasche passt, ohne dass sie bricht, und das gleiche Gewicht hat wie die normale Langtafel.“
Thomas Grether
redaktion@unternehmeredition.de

Kurzprofil: Alfred Ritter GmbH & Co. KG
Gründungsjahr: 1912
Branche: Lebensmittel
Unternehmenssitz: Waldenbuch bei Stuttgart
Mitarbeiter: 800
Umsatz 2009: 274 Mio. EUR
Internet: www.ritter-sport.de

Autorenprofil

Thomas Grether ist Gastautor.

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