„Wir wollten Kalle aus dem Schattendasein im Großkonzern herausholen“ (Ausgabe 4/2010)

Interview mit Dr. Walter Niederstätter, Geschäftsführer, Kalle Holding GmbH

Die Kalle Holding ist einer der weltweit führenden Produzenten von industriell hergestellten Wursthüllen und damit ein wichtiger Partner der fleischverarbeitenden Industrie sowie des Metzgerhandwerks.

Die Kalle Holding ist einer der weltweit führenden Produzenten von industriell hergestellten Wursthüllen und damit ein wichtiger Partner der fleischverarbeitenden Industrie sowie des Metzgerhandwerks. 2009 übernahm der Finanzinvestor Silverfleet Capital für 212,5 Mio. EUR die Mehrheit an dem Wiesbadener Unternehmen. Im Interview spricht Kalle-Geschäftsführer Dr. Walter Niederstätter über seine Erfahrungen mit Private Equity.

Unternehmeredition: Herr Dr. Niederstätter, Kalle gehörte früher zum Hoechst-Konzern. Wie kam es dazu, dass Sie getrennte Wege gingen?
Niederstätter: Anfang der 90er Jahre beschloss der Hoechst-Vorstand eine Neuausrichtung. Das Unternehmen fokussierte sich auf Life Sciences – Kalle als Hersteller von Wursthüllen wurde damit zum Randgeschäft. Ich ergriff damals die Initiative und betrieb 1995 die Ausgründung in eine eigenständige GmbH. Investitionen in Innovation und Ausbau neuer Märkte war die Kernstrategie. Hoechst hatte nichts mehr in uns investiert. Wir wollten Kalle aus dem Schattendasein im Großkonzern herausholen. Es trifft übrigens häufig auf Randgeschäfte von großen Konzernen zu, dass zu wenig investiert und nicht das Potenzial solcher Tochterunternehmen ausgeschöpft wird.

Unternehmeredition: Wie kam es zum Erstkontakt mit Private Equity?
Niederstätter: Um einen Eigentümerwechsel herbeizuführen, sprach ich mit mehreren Private Equity-Gesellschaften. Im Laufe der Gespräche haben wir uns gemeinsam mit dem Alteigentümer Hoechst im Rahmen eines Management Buy-outs für CVC Capital Partners entschieden, da diese sich am stärksten mit unserer Strategie identifizierten. Mit CVC konnten wir in Wachstum investieren und unser Geschäft internationalisieren. Mitte der 90er Jahre hatte Kalle 70% Umsatzanteil im Inland, 30% im Ausland. Heute ist das Verhältnis umgekehrt. Im Laufe der Zeit wuchsen wir kräftig. Damals hatten wir 640 Mitarbeiter, heute sind es 1.320.

Unternehmeredition: Wie lange blieb CVC beteiligt?
Niederstätter: Bis 2004, dann verkaufte CVC seine Anteile an Montagu Private Equity. Damit machten wir einen weiteren wesentlichen Schritt, denn wir gingen die Markterschließung in den USA an. Gemeinsam mit Montagu investierten wir über 20 Mio. USD in den Bau einer Fabrik in der Nähe Chicagos. 2006 setzten wir in den USA noch 6 Mio. USD um, 2009 waren es 50 Mio. und 2010 sollen es rund 60 Mio. USD werden. Wir sind dort inzwischen Marktführer.

Unternehmeredition: Mit Silverfleet haben Sie nun mit dem dritten Private Equity-Haus zu tun …
Niederstätter: Ja, Montagu gab seine Anteile an Silverfleet ab – es war der einzige größere deutsche PE-Deal im Krisenjahr 2009. Den Ausschlag für Silverfleet gab deren klare Buy-and-Build-Strategie. Sie unterstützt einerseits unser internes Schlüsselwachstum durch ein jährliches Forschungs- und Entwicklungsbudget, das uns noch mehr Innovationen in neue Produkte und Prozesse ermöglicht. Das schlägt sich auch in konkreten Zahlen nieder: Von den rund 225 Mio. EUR Umsatz, die wir dieses Jahr erwarten, stammen ca. 15% aus neuen Produkten. Andererseits hat Silverfleet gesagt: Ja, wir haben die Mittel, um passende Firmen aus der Branche oder benachbarten Bereichen zuzukaufen.

Unternehmeredition: Wie sind Sie durch die Krise 2008/2009 gekommen?
Niederstätter: Wir hatten einen Einbruch unseres Geschäfts in Osteuropa. Aber unser Wachstum in den USA hat das mehr als wettgemacht. Insgesamt stieg unser Umsatz von 202 Mio. EUR 2008 auf 208 Mio. 2009. Unsere Produkte sind relativ konjunkturstabil. Die Finanzierung mit Silverfleet haben die Banken auch positiv zur Kenntnis genommen. Früher war das anders, da hieß es: Euer Geschäft ist nicht gerade sexy.

Unternehmeredition: Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Managern aus den PE-Gesellschaften?
Niederstätter: Das ist von Investor zu Investor unterschiedlich ebenso wie von Person zu Person. Entscheidend ist, dass die PE-Häuser nicht nur Finanzfachleute haben, sondern auch erfahrene Geschäftsleute. Silverfleet ist hier ein sehr angenehmer Partner, weil sie ein tiefes Verständnis für unsere Geschäftsstrategie entwickelt haben. Natürlich ist hierzu ein enger Dialog wichtig. Monatlich schreiben wir einen Businessreport mit allen wichtigen Kennzahlen und Details, den wir Silverfleet vorlegen. Das trägt mit dazu bei, dass wir an einem Strang ziehen können.

Unternehmeredition: Wenn Sie ein Fazit Ihrer Erfahrungen mit PE ziehen würden, wie sähe das aus?
Niederstätter: Das Wichtigste ist, dass wir mit Hilfe der PE-Häuser die Technologie-, Innovations- und Marktpotenziale von Kalle voll erschließen konnten. Unter dem Dach von Hoechst und ohne Investitionen hätte Kalle im Laufe der Zeit seine Wettbewerbsfähigkeit verloren und würde heute wahrscheinlich nicht mehr existieren. Auch die Führungsstrukturen sind gänzlich anders: Im Konzern haben Sie eine große Hierarchie mit langen Entscheidungswegen. PE-Häuser dagegen sind relativ klein mit flacher Hierarchie, kurzen Entscheidungswegen und mehr persönlicher Verantwortung – statt der Betonung auf Konferenzen, Karrieren und Politik wie in manchen Großkonzernen.

Unternehmeredition: Herr Dr. Niederstätter, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Bernd Frank.
redaktion@unternehmeredition.de

Zur Person: Dr. Walter Niederstätter
Dr. Walter Niederstätter (ceo@kalle.de) leitete schon zu Hoechst-Zeiten in den 90er Jahren die Geschäfte von Kalle und ist bis heute langjähriger Geschäftsführer der Kalle Holding GmbH. Mit gut 1.300 Mitarbeitern will das Unternehmen in diesem Jahr einen Umsatz von rund 225 Mio. EUR (2009: 208 Mio. EUR) erzielen. www.kalle.de

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