„Unternehmen leisten schlechte Arbeit bei der Anpassung ihrer Strategien an regionale Märkte“ (Ausgabe 5/2008)

Interview mit Prof. Pankaj Ghemawat, IESE-Business School

Pankaj Ghemawat lehrt als Professor für „Globale Strategie“ an der IESE-Business-School in Barcelona und berät Konzerne rund um den Globus. 1991 wurde er zum jüngsten Vollzeit-Dozenten der Harvard Business School ernannt. Im Interview spricht er über die Bedeutung der Globalisierung für deutsche Mittelständler und die Fehler, die sie am häufigsten bei der Expansion begehen.

Pankaj Ghemawat lehrt als Professor für „Globale Strategie“ an der IESE-Business-School in Barcelona und berät Konzerne rund um den Globus. 1991 wurde er zum jüngsten Vollzeit-Dozenten der Harvard Business School ernannt. Im Interview spricht er über die Bedeutung der Globalisierung für deutsche Mittelständler und die Fehler, die sie am häufigsten bei der Expansion begehen.

Unternehmeredition:
Prof. Ghemawat, wie beurteilen Sie die Expansion deutscher Mittelständler nach China und Indien?
Ghemawat:
Ich sehe die Expansion nach China und Indien für den deutschen Mittelstand durchaus kritisch. Diese Unternehmen sind häufig Technologieführer in ihrer Marktnische und glauben, dass man mit hochwertigen und einzigartigen Produkten gesunde Margen erwirtschaften kann. Sie verlieren also leicht ihre Kosten aus den Augen. In Ländern wie China und Indien, wo es viele Billigkonkurrenten gibt, kann das äußert verhängnisvoll sein.

Unternehmeredition: Ihr Buch „Redefining Global Strategy” steht im starken Widerspruch zu der Meinung von Tom Friedmann, dass die Welt ein globales Dorf sei. Inwiefern sind Grenzen immer noch von Bedeutung?
Ghemawat: Ich glaube, Grenzen haben in allen Bereichen, die man sich vorstellen kann, noch Bedeutung. Wenn Sie z. B. internationale Handelsströme nehmen, stellen Sie zwar fest, dass im Schnitt jede Volkswirtschaft 25% ihres Bruttoinlandsprodukts über internationale Geschäfte erwirtschaftet. Aber wenn Sie sich z. B. internationale Zahlungsströme ansehen, kommen Sie zu dem Schluss, dass weniger als 15% der Investitionen weltweit als Direktinvestitionen ins Ausland fließen. Ebenso bleiben 90% der Telefongespräche und des Internetverkehrs innerhalb der Landesgrenzen. Das spricht nicht gerade für ein hohes Globalisierungsniveau.

Unternehmeredition: Was sind die häufigsten Fehler, die Mittelständler bei der Expansion begehen?
Ghemawat: Ich glaube, Mittelständler begehen die gleichen Fehler wie Konzerne: Sie nehmen an, dass ein Geschäftsmodell, das zuhause funktioniert, auch im Ausland funktionieren muss. Anders ausgedrückt: Ich glaube, dass Unternehmen sehr schlechte Arbeit leisten, wenn es darum geht, ihre Strategie an regionale Märkte anzupassen. Märkte funktionieren nun einmal nach unterschiedlichen Regeln.

Unternehmeredition:
Was sollten Unternehmer, die sich in Asien engagieren, unbedingt bedenken?
Ghemawat: Sie müssen sich absolut im Klaren darüber sein, dass sich diese Märkte grundlegend von ihrem Heimatmarkt unterscheiden – und zwar in kultureller, politischer und wirtschaftlicher Hinsicht. Es ist maßgeblich, diese Unterschiede zu durchdenken und herauszufinden, welche davon für das eigene Geschäft wichtig sind. Und: Unternehmen sollten sich zwar an die regionalen Differenzen anpassen, aber sie sollten sie nicht nur als Widrigkeiten ansehen, sondern auch als Wertschöpfungspotenzial.

Unternehmeredition: Prof. Ghemawat, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Eva Brand.
eva.brand@unternehmeredition.de

Zur Person: Prof. Pankaj Ghemawat
Pankaj Ghemawat ist seit 2006 Professor für Globale Strategie an der IESE-Business-School in Barcelona. Der US-Ökonom mit indischen Wurzeln arbeitete als Berater für McKinsey & Company, bevor er 1983 seine Lehrtätigkeit an der Havard Business School aufnahm. Für Furore sorgte sein 2007 erschienenes Buch „Redefining Global Strategy. Crossing Borders in a World Where Differences Still Matter“, in dem er dem Publizisten Tom Friedmann Contra gibt: Friedmann vertritt die Ansicht, die Welt sei ein globales Dorf. www.ghemawat.org

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