Im Norden Berlins ist seit dem Jahr 2000 die Stadler Pankow GmbH beheimatet, die deutsche Tochter der Stadler Rail AG aus dem schweizerischen Bussnang. Stadler Rail gehört zu den führenden europäischen Herstellern von Nahverkehrszügen, Straßenbahnen und U-Bahnen und betreibt auch das urtypisch schweizerische Geschäft mit der Produktion von Zahnrad-Bergbahnen. Inhaber des Unternehmens ist der Schweizer Familienunternehmer Peter Spuhler, im Verwaltungsrat des Unternehmens sind u.a. der frühere CDU-Finanzexperte Friedrich Merz, Lufthansa-Chef Christoph Franz und Ex-Bundeswirtschaftsminister Werner Müller. Michael Daum, zugleich einer der fünf Stellvertreter von Firmeninhaber Peter Spuhler, spricht im Interview über den Nahverkehr in der Hauptstadtregion, Forderungen an das Eisenbahn-Bundesamt und die Unterschiede zwischen schweizerischem und hauptstädtischem Schienenverkehr.

Unternehmeredition: Herr Daum, spricht man über die beiden größten Peinlichkeiten in der Hauptstadtregion, so nennt man zuerst das Flughafendebakel und dann die winterlichen Pannenserien bei der Berliner S-Bahn. Wie beurteilen Sie als Bahn-Fachmann das S-Bahn-Desaster?

Daum: Es liegt mir fern, über die Vergangenheit zu reden. Das Image der Berliner S-Bahn ist eine Katastrophe für die Hauptstadtregion. Lassen Sie uns lieber in die Zukunft blicken: Wir haben gemeinsam mit Siemens ein Konsortium für die Ausschreibung der Berliner S-Bahn über die Lieferung, Wartung und Instandhaltung gebildet.

Unternehmeredition: Wie passt das zusammen, hier der inhabergeführte Familienbetrieb, dort der börsennotierte Weltkonzern?

Daum: Zunächst verbindet uns bereits eine verlässliche Zusammenarbeit beim Bau von S- Bahnzügen, wie zuletzt für die Schweizer Bundesbahn. Siemens verfügt über einen großen Erfahrungsschatz, unsere Stärke ist das mittelständische Denken und die kurzen Entscheidungswege. Siemens produziert nicht in der Region, liefert aber Komponenten, die wir dann in unsere Züge Made in Berlin einbauen. Zudem müssen auch Investitionskosten nicht nur für die Entwicklung, sondern auch für die spätere Wartung aufgebracht werden.

Unternehmeredition: Nun haben Sie gerade in der Region bei Ihren Lieferungen für die Ostdeutsche Eisenbahngesellschaft (ODEG) einen Imageschaden erlitten. Die Züge waren fertig, wurden aber durch das Eisenbahn-Bundesamt nicht zugelassen – trotz aller erforderlichen Gutachten, die Sie beigebracht haben.

Daum: Zunächst kann ich sagen, die ersten beiden Züge sind im regulären Betrieb, weitere folgen in Kürze. Sie sprechen in der Tat einen wunden Punkt an, der nicht nur Stadler, sondern die gesamte Bahnbranche betrifft. Der Entwicklungsprozess eines Zuges dauert inzwischen mehrere Jahre. Sie beginnen mit der Arbeit und plötzlich werden die Inhalte von Normen durch das Eisenbahn-Bundesamt geändert. Man stelle sich vor, ein Fußballspiel würde ab der 23. Minute plötzlich nach Handballregeln gespielt. Oder Sie bauen ein Haus, haben die Baugenehmigung und bei Abnahme sagt die Behörde plötzlich, dass die Fundamente doppelt so dick sein müssen, weil gerade irgendwo auf der Welt ein Erdbeben war und jetzt auch in Deutschland die Häuser erdbebensicher sein müssten. Da bekommen Sie einen dicken Hals. Für die Bahnindustrie stellt das ein extremes Risiko dar.

Unternehmeredition: Was kann da Abhilfe schaffen?

Daum: Rechtssicherheit. Die Politik muss klare Regeln schaffen und umsetzen, sonst vergeht den Herstellern eines Tages die Lust, Schienenfahrzeuge für den deutschen Markt zu produzieren. Die Zulassungsprozesse sind mittlerweile nicht mehr kalkulierbar. So wie es jetzt läuft, müssen wir uns mit den Kunden streiten, wer für das Desaster verantwortlich ist, und unter Umständen eine Vertragsstrafe zahlen. Und wer streitet sich schon gern mit seinen Kunden?

Unternehmeredition: Also ist die Hauptstadtregion als Bahntechnik-Standort gefährdet?

Daum: Auf keinen Fall. Wir halten unseren Heimatstandort nach wie vor für einen interessanten Markt. Das war übrigens auch eine der Ausgangsüberlegungen in den 90er Jahren für die Ansiedlung in der Region. Dazu kommt, dass rund ein Viertel aller Lieferanten aus der Region kommt, was wichtig für die kurzen Wege in der Produktentwicklung ist. Denn unsere – vor allem internationalen -– Kunden wollen, dass wir ihnen die Züge immer schneller nach ihren besonderen Wünschen liefern können. Sozusagen: Sonderzüge aus Pankow.

Unternehmeredition: Wenn schon nur sporadisch in der Hauptstadtregion, wo fahren die Züge aus Pankow dann?

Rund ein Viertel aller Lieferanten von Stadler Pankow stammt aus der Region Berlin-Brandenburg. Bild: Stadler Pankow GmbH

Daum: Zum Beispiel in London, wo wir im Vorfeld der Olympischen Spiele 2012 Straßenbahnen geliefert haben. In Norwegen, Frankreich, Österreich, nahezu in ganz Europa. Das größte Wachstumspotenzial sehen wir derzeit in Osteuropa. Da hilft uns natürlich der Standort Berlin.

Unternehmeredition: 2012 hat Peter Spuhler eine Beteiligung des Finanzinvestors Capvis über 20% zurückgekauft und sein Mitarbeiterbeteiligungsprogramm von aktuell 10 auf 15% des Aktienpaketes erhöht. Profitieren davon auch die Mitarbeiter in Berlin?

Daum: Auf jeden Fall. Unsere Mitarbeiter erhalten Boni bei hervorragender Arbeit. Insgesamt war das Engagement von Capvis seit 2006 durch ein hohes organisches Wachstum in der gesamten Stadler-Gruppe geprägt, wir konnten seither den Umsatz in der Gruppe von 786 Mio. CHF auf 2,4 Mrd. CHF erhöhen und die Gesamtbelegschaft von rund 2.000 auf 4.500 Mitarbeiter erhöhen.

Unternehmeredition: Die Schweiz unterhält das dichteste und, was Pünktlichkeit und Sauberkeit angeht, professionellste Schienenverkehrsnetz der Welt. Was kann die Hauptstadtregion in Sachen Nahverkehr von den Schweizern lernen?

Daum: Bahnverkehr ist eine Schweizer Tradition. Dort fahren Banker im Anzug und einfache Arbeiter wie selbstverständlich mit dem Zug. Die dortige Sicherheit und Sauberkeit ist das Resultat eines positiven Images. Hier muss man in der Hauptstadtregion ansetzen. Sicherlich hat Berlin aufgrund seiner Größe gewisse Schattenseiten im Gegensatz zur beschaulichen Schweiz, wo die Stadt Zürich gerade mal so groß ist wie der Stadtbezirk Pankow. Die Deutschen mögen eher ihre Autoindustrie und den Individualverkehr. Aber schauen sie sich an, wie günstig gerade die Preise für eine Fahrt in Berlin sind. Guter Nahverkehr sollte den Menschen auch etwas wert sein.

Unternehmeredition: Herr Daum, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Torsten Holler.
redaktion@unternehmeredition.de

Zur Person: Michael Daum

Michael Daum ist seit 2006 stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Bereichs Deutschland beim schweizerischen Schienenfahrzeughersteller Stadler Rail AG (www.stadlerrail.com). Außerdem ist er Vorsitzender der Geschäftsführung der deutschen Tochtergesellschaft Stadler Pankow GmbH. Das Unternehmen beschäftigt an vier Standorten der Hauptstadtregion 1.300 Mitarbeiter und erzielte 2012 einen Jahresumsatz von 400 Mio. EUR.