Der Fall der Berliner Mauer brachte nicht nur viele ostdeutsche Unternehmen, sondern auch Betriebe aus dem alten Westberlin in Schwierigkeiten. Der Wegfall der Berlin-Zulage übertünchte so manche Schwachstelle: nicht mehr zeitgemäße Produkte, Wegfall der Märkte im Osten. 1994 ging es auch Herbert Knauer so, dessen Unternehmen Flüssigkeitschromatografiesysteme und Osmometer für die Pharmazie und Lebensmittelbranche herstellte. Nach der Übernahme durch Knauers Tochter Alexandra ging es mit dem Unternehmen wieder bergauf. Im Interview sprechen Inhaberin Alexandra Knauer und Geschäftsführer Dr. Alexander Bünz über eine gelungene Unternehmensnachfolge, erfolgreiche Turnarounds und den Wert motivierter Mitarbeiter fürs Unternehmen.

Unternehmeredition: 2012, das fünfzigste Jahr des Bestehens der Knauer GmbH, war eines der besten Jahre für das Analytik-Unternehmen. Das war nicht immer so. Wie ist es Ihnen gelungen, heute wieder so gut dazustehen?


Knauer: Wir haben konsequent umstrukturiert, dem Einzelnen mehr Freiraum gegeben und ein neues Qualitätsmanagement im Unternehmen eingeführt. Bei der ersten Krise 1994 mussten wir einen drastischen Personalschnitt durchführen, haben die Belegschaft halbiert und die Produktion outgesourct. Das war hart, aber notwendig. Inzwischen haben wir aber die Produktion längst wieder im Haus.

Bünz: Für unsere Messgeräte gibt es die vielfältigsten Kundenanwendungen. Im Nahen Osten können damit Dopingkontrollen bei Kamelen durchgeführt werden. Es werden Umweltsünder enttarnt, Lebensmittelskandale verhindert oder das Reinheitsgebot fürs deutsche Bier überprüft. Deshalb ist es für uns das Wichtigste, die Produkte jedes Jahr auf die Kundenbedürfnisse anzupassen. In den letzten vier Jahren haben wir so drei neue Produktlinien aufgebaut, darunter eine OEM-Linie, mit der wir die Fremdproduktion für andere Unternehmen übernehmen. Mit den anderen beiden Linien stärken wir hingegen die Marke Knauer.

Unternehmeredition: Frau Knauer, Sie haben bereits mit 34 Jahren den Betrieb ihres Vaters als Alleininhaberin übernommen. Wie gestaltete sich dieser Prozess?

Knauer: Es war ein Abschied vom patriarchalischen Führungsstil. Wir haben uns einen Berater ins Unternehmen geholt, der die Emotionen geglättet und die Veränderungen begleitet hat.

Bünz: Dennoch ist Herr Dr. Herbert Knauer auch heute noch mit seinen Erfahrungen wertvoll für das Unternehmen. Er ist als Technologie-Scout in der Branche unterwegs und gibt viele Impulse für neue Produkte. Dabei werden auch seine Ideen wie die jedes anderen Mitarbeiters vom Team bewertet.

Unternehmeredition: Der Teamgedanke ist in den letzten Jahren stark in den Vordergrund gerückt. Wie motivieren Sie ihre Mitarbeiter?

Knauer: Unsere Innovationskraft und motivierte Mitarbeiter sind inzwischen das Erfolgsrezept unseres Unternehmens. Wir schütten beispielsweise 15% unseres Gewinns an unsere Mitarbeiter aus. Zudem haben die Mitarbeiter die Möglichkeit, sich nach ihren eigenen Vorstellungen weiterzubilden. Hier holen wir die verschiedensten Spezialisten ins Unternehmen. Wichtig ist uns allen, das Unternehmen so professionell wie möglich in allen Bereichen zu repräsentieren.

Bünz: Wir präsentieren der Belegschaft einmal im Quartal die aktuellen Zahlen des Unternehmens. Darüber hinaus blicken wir bei diesen Treffen auch in andere Bereiche, aus denen wir neue Impulse und Motivation schöpfen können. Beispielsweise aus dem Profisport. Auch in der Freistellung unserer Mitarbeiter für einen Tag für einen sogenannten „Social Day“ sehen wir eine Möglichkeit zur Mitarbeitermotivation. An diesem Tag betreuen unsere Mitarbeiter eine Gruppe von geistig behinderten Mitbürgern. Auch das öffnet neue Horizonte.

Unternehmeredition: Familienunternehmen gelten als verschwiegen. Dennoch geben Sie quartalsweise gegenüber den Mitarbeitern die Umsatzzahlen bekannt. Warum dieser Aufwand?

Knauer: Ich denke, für ein modernes Familienunternehmen ist Transparenz unerlässlich, um die Mitarbeiter zu motivieren. Nur so können die einzelnen Abteilungen – vom Einkauf über Produktentwicklung bis zum Vertrieb – ihre Abläufe zielgerichtet steuern. Immerhin sind wir stolz darauf, ein komplett mit Eigenkapital finanziertes Familienunternehmen zu sein. Neben der wirtschaftlichen Transparenz gehören aber noch weitere weiche Faktoren zu unserer Unternehmensphilosophie. Wir wurden unlängst als eines der familienfreundlichsten Unternehmen in Berlin-Brandenburg ausgezeichnet.

Bünz: Viele Unternehmen konzentrieren sich auf kurzfristiges Denken und schnellen Profit. Mitarbeiter bekämpfen sich und haben keine innere Verbundenheit mit dem Unternehmen. Wir hingegen denken langfristig und beziehen unsere Mitarbeiter aktiv in die Strategie- und Innovationsprozesse ein. Wir sind stolz auf ein außerordentlich gutes Betriebsklima und die sehr geringe Fluktuation in der Belegschaft. Damit bleiben wir und die Firma agil.

Unternehmeredition: Frau Knauer, Herr Dr. Bünz, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Torsten Holler.
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Zu den Personen: Alexandra Knauer und Dr. Alexander Bünz
Alexandra Knauer ist seit 1995 Geschäftsführerin, seit 2000 Alleineigentümerin der Wissenschaftliche Gerätebau Dr. Ing. Herbert Knauer GmbH (www.knauer.net), dem Unternehmen ihres Vaters. Sie verantwortet den kaufmännischen Bereich. Alexander Bünz wurde 2007 als neuer Geschäftsführer berufen und ist zuständig für die Entwicklungsprojekte und Innovationen. Das Unternehmen beschäftigt 115 Mitarbeiter und erzielte 2012 einen Umsatz von 20 Mio. EUR. Die Exportquote liegt bei 70%.