Vom Stuntman zum Unternehmer: Jochen Schweizer hat auf dem Motorrad die Sahara durchquert, sprang für den Willy-Bogner-Film „Fire, Ice & Dynamite“ am Bungee-Seil in die Tiefe und setzte im Extremsport neue Maßstäbe. 1985 gründete er seine erste Firma, brachte das Bungee-Springen nach Deutschland und machte sich als Spezialist für Action-Marketing einen Namen. Heute betreibt er unter der Marke Jochen Schweizer drei Unternehmen mit 300 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 46 Mio. EUR. Im Interview spricht er und über das Geschäft mit außergewöhnlichen Erlebnissen, die schwerste Krise der Unternehmensgeschichte sowie das weitere Wachstumspotenzial.

Unternehmeredition: Herr Schweizer, Sie selbst sind Ihr wichtigster Markenbotschafter und stehen mit Ihrem Namen für Ihr Unternehmen. Wie wichtig ist für Sie die Einheit von Person und Unternehmen?

Schweizer:
Mein Name hat sich zu einer Marke entwickelt. Diese Marke steht für außergewöhnliche Erlebnisse, für Freude, für perfekte Organisation und Sicherheit. Meine Person, meine Erfahrungen und meine persönlichen Überzeugungen stehen für diese Marke ein. Als Unternehmer kann ich Dinge bewegen, die mir ansonsten unmöglich wären. Unser Leitgedanke heißt „operative Exzellenz“. Jeder Mitarbeiter strebt danach, auch und gerade im Detail, sein Bestes zu geben. Das beginnt bei der Kommunikation mit unseren Kunden und geht bis zur Ordnung im Kühlschrank.

Unternehmeredition: Welches Geschäftsmodell verbirgt sich hinter Ihrem Unternehmen? Was ist Ihr USP?

Schweizer:
Wir haben das Erlebnis handelbar gemacht und damit eine ganz neue Kategorie von Geschenken geschaffen. Eine im Einzelhandel ganz neue Warengruppe ist entstanden. Gegenstände verlieren an Wert, man schreibt sie ab. Eine Hundeschlittenfahrt durch einen verschneiten Winterwald, ein Konzertdinner im Schloss oder ein Kunstflug im Doppeldecker bleiben für immer in Erinnerung. Das umsatzstärkste Unternehmen unserer Gruppe ist die vor sieben Jahren gestartete Jochen Schweizer GmbH, die Erlebnisgeschenk-Gutscheine – 2010 über 300.000 Stück – verkauft. Im Jahr 2009 haben wir zudem unsere Erlebnis-Geschenkbox für den Einzelhandel entwickelt. Mittlerweile bieten wir über 20 dieser nach Themen gegliederten Boxen an, die zwischen 29 EUR und 299 EUR kosten. Jede enthält einen Gutschein zum Einlösen einer von bis zu 85 möglichen Aktivitäten und eine detaillierte Beschreibung. Insgesamt bieten wir über 1.000 verschiedene Erlebnisangebote in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die an vielen tausend Orten eingelöst werden können. Diese vertreiben wir über derzeit mehr als 20 eigene Ladengeschäfte und über 4.000 Handelspartner, wie z.B. Thalia, Postbank oder A.T.U. Außerdem betreiben wir das Erlebnisgeschenke-Portal www.jochen-schweizer.de mit über 15 Mio. Unique Visitors pro Jahr. Daneben hat sich ein aufstrebender Business-to-Business-Bereich entwickelt, in dem wir maßgeschneiderte Firmenveranstaltungen, vom Corporate-Incentive-Programm über Team-Events bis hin zu diversen Prämiensystemen mittels Erlebnis-Geschenkboxen, anbieten. Größten Wert legen wir auf Sicherheit, Qualität und Kundenzufriedenheit, die wir permanent messen. So funktioniert Jochen Schweizer: Wir schaffen Erinnerungen, die bleiben.

Unternehmeredition: Welche Erlebnisprodukte werden am meisten nachgefragt?

Schweizer:
Der Topseller im Business-to-Consumer-Bereich ist der Fallschirm-Tandemsprung, gefolgt von der Wellness-Massage und dem Candle Light Dinner. Auf Platz 8 bis 15 kommen Klassiker wie Bungee Jumping, House Running oder Bodyflying – das Fliegen im Windtunnel. Unter den Top 50 haben wir etwa 15 Adrenalin- und 35 Wellness- & Lifestyle-Erlebnisse, romantische Hotels und Tagestourismus-Produkte. Besonders beliebt bei Unternehmen ist die Erlebnis-Geschenkbox „Welt der Weine“ mit beigefügter Weinfibel als Give-away für Kunden und Geschäftspartner. Hier kann der Beschenkte eines von 25 verschiedenen Weinpaketen auswählen und sich schicken lassen.

Unternehmeredition: Was ist Ihr Antrieb? Worin liegt die Faszination an der Gefahr?

Schweizer:
Ich suche immer nach besonderen Augenblicken. Es macht mir Freude, andere Menschen daran teilhaben zu lassen, ihnen Dinge zu ermöglichen, die ich selbst erlebt habe. Die Faszination liegt aber nicht in der Gefahr, sondern im Außergewöhnlichen. Ich tendiere dazu, Risiken soweit nur irgend möglich zu vermeiden. Ich habe mich persönlich aber schon sehr früh dafür entschieden, etwas mehr zu wagen, um Außergewöhnliches zu erleben.

Unternehmeredition: 1985 haben Sie mit der Gründung einer Werbeagentur den Grundstein Ihrer Unternehmensgruppe gelegt. Wie kamen Sie auf die Idee, als gelernter Logistiker, Stuntman und Weltenbummler Unternehmer zu werden?

Schweizer:
Es war nicht geplant. Nicht die Idee des Geldverdienens stand im Vordergrund – das Unternehmen hat sich aus dem Gedanken heraus entwickelt, anderen Menschen außergewöhnliche Erlebnisse zugänglich zu machen. Um das gut und sicher zu organisieren, braucht es eine unternehmerische Struktur. Bei der Auswahl der Produkte bin ich dabei anfangs meinen persönlichen Neigungen gefolgt. Später dann auch den Wünschen meiner Kunden. Der erste Meilenstein war die Gründung der Event-Werbeagentur, mit dem Ziel, Action-Marketing als Baustein integrierter Kommunikation zu etablieren. Wir alle unterliegen einer Reizüberflutung. Täglich werden tausende von Werbe-Botschaften an uns adressiert. Wir reagieren mit einem Schutzmechanismus: selektiver Wahrnehmung. Wahrgenommen wird nur noch das Besondere – bzw. Informationen, die hoch und spitz über der heute erhöhten Wahrnehmungsschwelle positioniert werden. Mit außergewöhnlichen Aktionen kann man diese Wahrnehmungsschwelle durchbrechen. Der zweite Meilenstein war sicher der Boom des Bungee-Jumpings, ausgelöst durch meinen Sprung als Stuntman in Willy Bogners Film „Feuer, Eis & Dynamit“ – in Folge habe ich das Bungee-Jumping als Geschäftsmodell in Deutschland gestartet.

Unternehmeredition: 2003 kam es durch einen tödlichen Unfall bei einem Bungee-Sprung zu einer schweren Unternehmenskrise. Wie sind Sie damit umgegangen?

Schweizer:
Nach 600.000 Sprüngen ist ein Seil gerissen. Das war eine unfassbare Katastrophe, die mich aus der Bahn geworfen hat. Ich empfinde großes Mitgefühl und bedaure den Unfall zutiefst. Ich fand es unerträglich, dass nach 600.000 Sprüngen ein System versagt hat, an das ich immer 100% geglaubt habe. Nach Monaten der Verzweiflung habe ich mich entschieden, wieder nach vorne zu schauen. Dabei weiß ich, dass nach so einer Katastrophe nichts wieder gut wird, nicht wieder gut werden kann, auch nicht im Erfolg.

Unternehmeredition: Wie schätzen Sie die weiteren Zukunftsaussichten Ihres Unternehmens ein?

Schweizer:
Wir sehen noch reichlich Wachstumspotenzial. Insbesondere das Geschäftsmodell der Erlebnis-Geschenkboxen ist stark skalierbar. Deswegen konnten wir in den vergangenen zwei Jahren unseren Gewinn jeweils verdoppeln, bei einem Umsatzwachstum von 25%. Der Marktführer in Belgien macht bei 10 Mio. Einwohnern einen Jahresumsatz von 50 Mio. EUR, also 5 EUR pro Einwohner. In Frankreich, wo es dieses Geschäftsmodell wie in Belgien schon länger gibt, realisiert der Marktführer 4,50 EUR per Kopf und Jahr der Bevölkerung. Wir erwirtschaften als Marktführer in Deutschland bei 80 Mio. Menschen 40 Mio. EUR Umsatz, also erst 0,50 EUR pro Einwohner. Demnach haben wir ein enormes Potenzial zu wachsen. Zudem können wir unser Geschäftsmodell auf fremde Märkte übertragen. Im Vertrieb sind wir durch unsere Multi-Channel-Distribution bestens für die Zukunft gerüstet. Nach einer aktuellen Studie von Deloitte zu den wichtigsten Vertriebskanälen in Deutschland wird bis 2014 Online-Distribution um 48%, vernetzter Multi-Channel-Vertrieb aber um 78% wachsen. Wir sind ein profitables, sehr gesundes Unternehmen und setzen auf Wachstum aus eigener Kraft. Künftig könnte ich mir durchaus vorstellen, auch durch Zukäufe zu wachsen. Dabei könnte ich mir unter gewissen Voraussetzungen auch vorstellen, Private Equity im Unternehmen zu akzeptieren.

Unternehmeredition: Was ist Ihr wichtigster Rat an Unternehmer im Umgang mit Krisensituationen?

Schweizer:
Die Krise beinhaltet immer auch eine Chance, etwas besser zu machen. Manchmal muss sich ein Unternehmen neu erfinden, um erfolgreich zu bleiben und langfristig zu überleben.

Unternehmeredition: Herr Schweizer, vielen Dank für das Gespräch!<

Das Interview führte Markus Hofelich.
markus.hofelich@unternehmeredition.de


Zur Person: Jochen Schweizer
Jochen Schweizer ist Gründer und Active Chairman der Jochen Schweizer Unternehmensgruppe in München. Die Jochen Schweizer GmbH verkauft Erlebnisgeschenke Business-to-Consumer, die Jochen Schweizer Events GmbH organisiert Corporate und Marketing Events und die Jochen Schweizer Projects AG realisiert überdimensionale Erlebnisprojekte, wie den Flying Fox XXL in Leogang, Österreich. Außerdem ist Schweizer u.a. Gastdozent an der Bayerischen Akademie für Werbung & Marketing sowie Autor des Buches „Warum Menschen fliegen können müssen“. www.jochen-schweizer.de