Die Nachfolge stellt eine der drängendsten Herausforderungen im deutschen Mittelstand dar. Gerade Familienunternehmen sind davon betroffen, da bei ihnen Führung und Eigentum in einer Hand liegen. In der schlimmsten Konsequenz steht das Lebenswerk auf dem Spiel. Im Interview spricht Herbert Reiß – bei dem Prüfungs- und Beratungsunternehmen Deloitte für den Bereich Mittelstand verantwortlich – über die häufigsten Formen des Generationswechsels, die aktuelle Finanzierungssituation des Mittelstands sowie die Erfolgsfaktoren einer gelungenen Nachfolge. 

Unternehmeredition: Herr Reiß, welche Bedeutung hat das Thema Nachfolge für Familienunternehmen?
Reiß:
Das Thema ist von großer Bedeutung und täglich in den Medien, der Politik und auf Unternehmerveranstaltungen präsent. Besonders brisant ist, dass 25% der Nachfolgefälle in Deutschland durch unvorhergesehene Ereignisse ausgelöst werden, wie Unfall, Krankheit, Tod. Das heißt, jeder Unternehmer muss sicherstellen, dass der Betrieb jederzeit auch ohne ihn weiterbestehen kann. Für weiteren Zündstoff sorgt Basel II. Bei der Kreditvergabe spielt der Generationswechsel eine große Rolle in der Risikobeurteilung der Banken – liegt kein klarer Plan vor, kostet das höhere Zinsen. Der schlimmste Einflussfaktor dabei ist die Erbschaftsteuer. So ist es heute schon allein aus finanziellen Gründen unverzichtbar, sich mit der Nachfolge auseinanderzusetzen. Dabei sprechen wir nicht von Kleingewerbetreibenden, sondern von Familienunternehmen in einer Größenordnung von 150 Mio. bis 400 Mio. EUR Jahresumsatz. Diese Firmen erzielten in den vergangenen zehn Jahren ein enormes Wachstum und zeichnen sich durch besondere Leitungs- und Besitzstrukturen aus.


Unternehmeredition: Welche Nachfolgeformen stehen derzeit bei deutschen Firmen im Vordergrund?
Reiß: Etwa die Hälfte der Unternehmen bleibt heute in Familienhand. Die andere Hälfte wird vollständig oder teilweise verkauft, an Strategen oder Finanzinvestoren. 8 bis 10% der Firmen müssen aufgrund einer fehlenden Nachfolgelösung sogar Insolvenz anmelden – doch dies betrifft eher Kleinstunternehmen, die maßgeblich von einer Person abhängen. Der Trend geht eindeutig dahin, Unternehmen von den Familien unabhängiger zu machen, auch hinsichtlich der Rechtsform. Aus dieser Sicht wird die klassische deutsche Mittelstandsrechtsform, die GmbH & Co. KG, ins Hintertreffen geraten, GmbHs oder AGs werden dagegen zunehmen. Außerdem steigt das Interesse an Stiftungen mit dem Ziel, das Vermögen des Unternehmens unangetastet zu lassen und damit eine Basis dauerhafter Erträge und Gewinnausschüttungen für die Eigentümerfamilie zu schaffen. Zudem stellt die Stiftung einen stabilen Ankergesellschafter dar. Will die Familie dagegen das Firmenvermögen verbrauchen, dann ist es das Beste, zu einem günstigen Zeitpunkt zu verkaufen und den Erlös unter den Gesellschaftern aufzuteilen. Die meisten Mittelständler ziehen den Erhalt ihrer Firma jedoch einer Zerschlagung vor, denn sie sehen darin die Bilanzierung ihres Lebenswerkes.