Papierkünstler vom Tegernsee

Die Gmunder Büttenpapierfabrik produziert ihre Ware auf einer Maschine aus dem vorletzten Jahrhundert. Dennoch gehört das Traditionsunternehmen zu den innovativsten und erfolgreichsten Produzenten der Branche. Oscarpreisträger halten die Umschläge in der Hand und auch der König von Jordanien ist Kunde.

Alte Maschine sorgt für neuen Trend

Über einige Stufen geht es im Nachbarhaus in die „heiligen Hallen“ der Gmunder Büttenpapierfabrik. In einem runden, großen Kessel werden die Zutaten für das Papier angerührt. Das Wasser stammt aus der eigenen Quelle. Dazu kommen Stärke, Kalk, Füll- und Zusatzstoffe wie etwa Biertreber, der dem Papier einen speziellen Charakter verleiht. Ein Stockwerk tiefer wird die milchbreiartige Masse dann dem Herzstück des Unternehmens zugeführt: Der Papierherstellungsmaschine aus dem Jahr 1883. Sie ist Europas älteste sich noch im Betrieb befindende Anlage. Chef Kohler nennt sie liebevoll „die Erfahrene“. Deutlich langsamer als die neuen, hochtechnologischen Maschinen läuft sie. Rund 30 Meter pro Minute bringt sie auf die Strecke. Moderne Maschinen sind fünfzigmal so schnell. Doch das ist nicht tragisch. Ganz im Gegenteil: „Aufgrund der Behäbigkeit und der offenen Bauweise lassen sich einzelne Teile einfach austauschen und auch schnell kleinere Mengen vor allem für kreative Produkte herstellen“, sagt Kohler. Auf ihr werden etwa Blöcke produziert, auf denen die Silhouette einzelner Berge am Tegernsee zu sehen ist. „Ein Kassenschlager“, so Kohler. Längst lockt „die Erfahrene“ Touristen an. Gmund bietet Führungen durch die Produktion und den hauseigenen Laden an. Die meisten davon sind ausgebucht.

Farbenspiel: Aus mehr als 100.000 Papiervarianten können Kunden wählen.
Farbenspiel: Aus mehr als 100.000 Papiervarianten können Kunden wählen.

Innovation und Kreativität sind es, die das Unternehmen auszeichnen. Kohler will nicht das fünfzigste Notizbuch neu auflegen, sondern Trends setzen. Sie erhalten das Unternehmen seit jeher am Leben. Es sind die Farben, die Muster und die Papiermacherkunst, die viele Kunden vom Produkt überzeugen. Im Kreativlabor entwickelten die Tegernseer zuletzt eine Kollektion aus 48 Farben, die kombinierbar sind und deren Haptik verschieden ist. Kunden können insgesamt aus 100.000 Papiervarianten wählen. Wenige davon sind noch handgeschöpft, die meisten werden maschinell produziert. Doch jedes Blatt Papier, das das Haus verlässt, wird gezählt und geprüft.

Gmund stemmt sich gegen den Markt

Mit dieser Strategie hängt Gmund vor allem große Anbieter ab. Als der Papiermarkt noch gut lief, hatten diese den Vorteil, große Mengen schnell produzieren zu können. Heute ist die Nachfrage nach Papier rückläufig. Hersteller unterbieten sich im Preis und kämpfen ums Überleben. Anders bei Gmund: Unterm Strich blieben immer schwarze Zahlen. „Wir machen zwar das schönste rote Papier der Welt. Allerdings hatten wir noch nie eine Bilanz, wo wir unterm Strich diese Farbe vorgefunden haben“, sagt Kohler und lacht. Das ist erstaunlich, in einem Umfeld, das von der Digitalisierungswelle überrollt wird. Kohler hat dafür eine einfache Erklärung: „Wir sprechen Menschen und Unternehmen an, die sich Gedanken darüber machen, wie sie kommunizieren.“ Dies sind Luxusartikler wie Yves Saint Laurent oder LVMH, aber auch Discounter wie Aldi. Für sie werden Einladungskarten, Verpackungen oder Kataloge produziert. Das Papier kostet ungefähr dreimal so viel wie herkömmliches. Doch soll es letztlich einen wichtigen Beitrag zur Kaufentscheidung eines Produktes leisten. Kohler glaubt sogar, dass er durch die Haptik seiner Papiere für Einladungskarten die Anzahl der Anmeldungen für Veranstaltungen steuern kann. Denn wer wirft schon Einladungskarten mit einem Kaschmiranteil, feinsten Silberpartikeln oder einem Anteil von Torf und Daunen weg?

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