„Wir sind für Raubkopierer ein hartnäckiger Gegner“ (Ausgabe 5/2008)

Interview mit Dr. Rüdiger Stihl, Beiratsmitglied der Stihl Holding AG & Co. KG

Produktpiraterie wird für immer mehr Unternehmen zum Problem, besonders bei der Expansion nach China. Dr. Rüdiger Stihl, Aufsichtsrat der Stihl AG, setzt sich seit Jahren erfolgreich dagegen zur Wehr, auch als Vorsitzender des Aktionskreises gegen Produkt- und Markenpiraterie.

Produktpiraterie wird für immer mehr Unternehmen zum Problem, besonders bei der Expansion nach China. Dr. Rüdiger Stihl, Aufsichtsrat der Stihl AG, setzt sich seit Jahren erfolgreich dagegen zur Wehr, auch als Vorsitzender des Aktionskreises gegen Produkt- und Markenpiraterie. Im Interview spricht er über die Herausforderungen der Produktpiraterie und wirksame Gegenmaßnahmen.

Unternehmeredition: Herr Dr. Stihl, wie bewerten Sie das Problem der Produktpiraterie bei der internationalen Expansion des deutschen Mittelstandes, insbesondere nach Indien und China?
Dr. Stihl: Die Produktpiraterie lässt sicherlich viele potenzielle Investoren zurückschrecken. Die Angst vor Verlust des geistigen Eigentums wirkt als eine Eintrittsbarriere und verhindert Wachstum und somit den Erfolg des Unternehmens.

Unternehmeredition: Welche Strategie verfolgt Stihl generell in Indien und China? Welche Erfahrungen haben Sie dort mit Produktpiraterie gemacht?
Stihl: Indien stellt für uns derzeit kein Problem dar. China dagegen ist absolut führend als Herstellerland für Plagiate von Stihl-Produkten. Dem entgegnen wir mit unseren eigenen Qualitätsprodukten und einem Bündel von Maßnahmen gegen Raubkopien.

Unternehmeredition
: Welche Maßnahmen haben Sie ergriffen, um das Problem in den Griff zu bekommen?
Stihl: Wir arbeiten ausschließlich mit bewährten Zulieferern zusammen und produzieren in China nur Produkte mit bereits bekannten Technologien. Des Weiteren melden wir unsere gewerblichen Schutzrechte auf allen wichtigen Märkten konsequent an. Dies umfasst die Wort- und Bildmarke „STIHL“, die wir auch in China geschützt haben. Daneben haben wir die Gestaltung unserer Verpackungen für Motorsägen und Bedienungsanleitungen durch ein Copyright geschützt. Seit geraumer Zeit schützen wir auch das Aussehen neuer Produkte durch Geschmacksmuster. Etwa 80% unserer Patente melden wir seit vielen Jahren auch in China an. Damit steigt die Zahl der Schutzrechte, mit denen wir uns direkt gegen die Hersteller der Nachahmungen zur Wehr setzen können. Außerdem hat Stihl Grenzbeschlagnahmeanträge bei verschiedenen Zollbehörden in der EU gestellt, insbesondere für Markenverletzungen. Die Verstöße gegen gewerbliche Schutzrechte werden durch Rechtsanwälte und Detektive, mit besonderem Nachdruck in China, verfolgt. Durch Vertriebspartner behalten wir das Marktgeschehen im Auge, schicken Mitarbeiter oder Detektive auf Messen und durchsuchen systematisch Internet und Fachzeitungen. Alle Schritte werden in der Unternehmenszentrale, bei den Vertriebstöchtern oder Importeuren durch Pirateriebeauftragte koordiniert.

Unternehmeredition: Wie wirkungsvoll waren diese Maßnahmen bisher?
Stihl: Mit diesem Bündel an Maßnahmen setzen wir uns erfolgreich gegen Produktpiraten zur Wehr. So wurden bereits in China, Russland und Polen Produkte an der Grenze beschlagnahmt und die Vernichtung der Plagiate veranlasst. Dank Patentanmeldungen bei Trennschleifern konnten wir durchsetzen, dass der Fälscher das Produkt mehrmals umbauen musste. Das Plagiat wurde dadurch deutlich schlechter und für den professionellen Anwender nicht mehr brauchbar. Zivil- und Strafverfahren sind eingeleitet worden, die unter anderem zur Abgabe von Unterlassungserklärungen, Schadensersatzzahlungen und Verkaufsverboten führten. In zwei Fällen konnten sogar Haftstrafen gegen Markenverletzer erwirkt werden. Wir sind für Raubkopierer ein hartnäckiger Gegner und werden uns auch in Zukunft mit allen rechtlich zur Verfügung stehenden Mitteln zur Wehr setzen.

Unternehmeredition: Seit Frühjahr 2008 sind Sie Vorsitzender des Aktionskreises Deutsche Wirtschaft gegen Produkt- und Markenpiraterie (APM). Welche Ziele verfolgt der APM?
Stihl: Neben der Öffentlichkeitsarbeit und der politischen Beratung unterstützen wir unsere Mitglieder beim Vorgehen gegen Schutzrechtsverletzungen. Wir bieten Hilfe im operativen Bereich an, z.B. durch Schulungen für Polizei und Zoll oder durch die Zusammenarbeit mit Detektiven. Ein ganz wichtiges Ziel besteht darin, die Öffentlichkeit wach­zurütteln. Wir möchten das Bewusstsein jedes Einzelnen schärfen und über die enormen weltweiten sozialen und wirtschaftlichen Folgen von Produkt- und Markenpiraterie aufklären. Denn nur durch ausreichende Informationen über Risiken und Hintergründe können Käufer sensibilisiert und der Markt für die Fälscher eingedämmt werden. Zur Verbraucheraufklärung haben wir eine Wander­ausstellung konzipiert, die Interessenten bei uns anfordern können.

Unternehmeredition: Liegt das Problem der Plagiate eher in lückenhafter Gesetzgebung, oder wird die Einhaltung bestehender Gesetze nur nicht vehement genug überwacht? Rechnen Sie, angesichts einer steigenden Zahl von Patenten chinesischer Unternehmen, mit einem größeren Problembewusstsein der chinesischen Regierung?
Stihl: Es gibt mehrere Gründe für das Problem. Zum einen ist in Ländern wie China, Indonesien und Osteuropa zum Teil Korruption und Lobbyismus anzutreffen. Zum anderen ist die Gesetzgebung in der EU im Hinblick auf die Käufer von Plagiaten lückenhaft. So kann der deutsche Zoll eine offensichtliche Fälschung nicht einziehen, wenn sie für private Zwecke eingeführt wird. Selbst bei vorsätzlichem Handeln ist es bei privater Einfuhr nicht möglich, den Kauf gefälschter Ware als Ordnungswidrigkeit zu ahnden. Des Weiteren fehlt in manchen Ländern den Behörden die Erfahrung bei der Durchsetzung eingetragener Schutzrechte. Die chinesische Gesetzgebung ist mit der europäischen durchaus zu vergleichen. Ist aber ein Fälscher der größte Arbeitgeber der Stadt, tun sich auch die Behörden schwer. Erst wenn chinesische Unternehmen selbst verstärkt unter Fälschungen leiden, zum Opfer werden und sich mit der Problematik auseinandersetzen müssen, besteht die Chance auf ein wachsendes Unrechtsbewusstsein.

Unternehmeredition: Was raten Sie deutschen Unternehmern im Umgang mit Produktpiraterie in Asien?
Stihl: In erster Linie müssen die Unternehmen ihre Hausaufgaben erledigen. Nur wenn Schutzrechte umfassend angemeldet werden, ist ein Vorgehen gegen Produktpiraten überhaupt möglich. Neben juristischen Mitteln ist zu prüfen, ob bei gefährdeten Teilen ein „eingebauter“ Kopierschutz oder eine fälschungssichere Produktkennzeichnung nützlich wäre. Die Produktion im Ausland sollte auf Gefahrenpotenziale analysiert werden. Wer sich im asiatischen Raum ansiedelt, muss sich vorher im Klaren sein, dass sein Know-how weitergegeben wird. Wichtig in Asien sind vor allem loyale Geschäftspartner und Mitarbeiter. Unverzichtbar sind eigene Marktkontrollen, Beobachtungen und Messebesuche. Der Kampf gegen Produkt- und Markenpiraterie ist sehr zeit- und kostenintensiv. Dennoch muss das Thema, unter Beteiligung aller Unternehmensbereiche, strategisch angepackt werden, angefangen bei der Produktentwicklung bis zum After Sales Service. Kurz gesagt: Das Thema Schutzrechtsmanagement ist „Chefsache“.

Unternehmeredition: Herr Dr. Stihl, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Markus Hofelich.

Zur Person: Dr. Rüdiger Stihl
Dr. Rüdiger Stihl ist Mitglied des Beirats der Stihl Holding AG & Co. KG und des Aufsichtsrats der Stihl AG (www.stihl.de) sowie Vorstandsvorsitzender des Aktionskreises gegen Produkt- und Mark
enpiraterie (www.markenpiraterie-apm.de). Der weltweit führende Hersteller von Motorsägen ist in rund 160 Ländern vertreten und erwirtschaftete 2007 einen Umsatz in Höhe von über 2 Mrd. Euro.

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