
Die GMH-Gruppe gehört bereits heute zu den klimafreundlichsten Stahlunternehmen Europas. Ihr ambitioniertes Ziel: Klimaneutralität bis 2039. Mit Investitionen im zweistelligen Millionenbereich in Anlagen, Effizienz und Digitalisierung will die Georgsmarienhütte beweisen, dass Industrietransformation kein Widerspruch zur Wettbewerbsfähigkeit ist. CDO und Gesellschafterin der GMH-Gruppe, Dr. Anne-Marie Großmann, erklärt, wie aus Schrott Stahl für anspruchsvolle Kunden entsteht und was die Branche zukunftsfähig macht.
Unternehmeredition: Frau Großmann, auf der GMH-Gruppe-Webseite werben Sie mit dem Slogan „Nachhaltig aus Leidenschaft“. Woher stammt diese grüne Haltung?
Dr. Großmann: Wir sind ein Familienunternehmen – und wenn man in Generationen denkt, denkt man automatisch nachhaltiger. Dazu kommt: Wir arbeiten seit Jahrzehnten mit Schrott. Wir sind im Kern ein Recyclingunternehmen, das aus alten Materialien neuen Stahl macht. Diese Kreislauflogik ist bei uns tief verankert. Und ich bin damit groß geworden – meine Eltern waren Unternehmer, Verantwortung gehörte immer dazu.
Mit Schrottrecycling über die Stahlerzeugung mit geringen CO2-Emissionen in einem geschlossenen Wertstoffkreislauf möchten Sie Ihren Beitrag für eine nachhaltige Zukunft für nachfolgende Generationen leisten. Also Überzeugung und nicht Reaktion auf Markttrends?

Ganz klar: Überzeugung. Dass Nachhaltigkeit heute ein Markttrend ist, hilft uns natürlich – aber wir haben das schon gemacht, als es noch niemanden interessiert hat. Elektrostahl spart rund 80 % CO₂ im Vergleich zur klassischen Hochofenroute. Das ist kein „Trendprodukt“, sondern eine strukturelle Stärke. Und inzwischen sehen wir: Kunden fragen genau das nach. Insofern passt unsere Überzeugung heute hervorragend zum Markt.
Wann genau hat bei Ihnen diese Transformation zur vollständig grünen Stahlproduktion begonnen und vor welchem Hintergrund?
Wenn man ehrlich ist: Die Transformation hat bei uns nicht erst vor ein paar Jahren begonnen, sondern schon eine Generation früher. Mein Vater, Dr. Jürgen Großmann, hat mit dem Management-Buy-out der Georgsmarienhütte aus dem Klöckner-Konzern die Grundlage gelegt. Und vor allem mit der Umstellung der Metallurgie vom Hochofen auf den Gleichstrom-Elektrolichtbogenofen – damals der erste in Europa – hat er diesen Weg konsequent eingeschlagen.
Das war zu der Zeit keine „grüne Agenda“, sondern vor allem unternehmerischer Mut und der Wille, Dinge anders und besser zu machen. Rückblickend war es genau das, was wir heute Transformation nennen.
Was sich seitdem verändert hat, ist die Dimension und die Dringlichkeit. Heute treiben wir das Thema noch systematischer voran – mit Investitionen in Anlagen, Effizienz und Digitalisierung. Aber der Kern ist gleich geblieben: Wir glauben daran, dass Elektrostahl und Kreislaufwirtschaft der richtige Weg sind – ökologisch und ökonomisch.
Apropos ökonomisch: Viele Unternehmen zögern bei Nachhaltigkeitsinvestitionen wegen unklarer Rendite. Wie bewerten Sie den Zusammenhang von Nachhaltigkeit und ROI?
Ich verstehe die Frage, aber ich glaube, sie ist ein bisschen zu kurz gedacht. Nachhaltigkeit ist kein „Nice-to-have“, sondern ein Teil der wirtschaftlichen Zukunftsfähigkeit. Natürlich müssen Investitionen sich rechnen. Aber sie rechnen sich oft anders: durch geringere Risiken, stabilere Kundenbeziehungen und langfristige Wettbewerbsfähigkeit. Und ganz ehrlich: Wenn ich heute nicht investiere, habe ich morgen kein Geschäftsmodell mehr.
Die Stahlindustrie war vor zwölf Jahren noch fest in Männerhand – Sie sind dennoch als CDO bei der GMH-Gruppe eingestiegen. Was hat Sie damals angetrieben? Gab es Hindernisse, die Sie überwinden mussten?
Mich hat vor allem das Unternehmertum gereizt – und die Verantwortung. Ich bin in einem Unternehmerhaushalt groß geworden; das prägt. Mein Vater war Unternehmer in der Stahlindustrie – und meine Mutter, Dagmar Sikorski, war als Musikverlegerin ebenfalls in einer Branche unterwegs, die lange stark männlich geprägt war. Von ihr habe ich früh gelernt, dass man sich als Frau nicht fragen sollte, ob man „darf“, sondern wie man seine Ziele erreicht.
Klar, die Stahlindustrie war – und ist in Teilen immer noch – stark männlich geprägt. Aber ich habe das nie als Hindernis gesehen, sondern eher als Realität, mit der man umgehen muss. Am Ende zählt: Liefert man Ergebnisse? Und kann man Menschen überzeugen? Wenn ja, dann spielt das Geschlecht eine immer kleinere Rolle. Und in meiner Position kann ich heute dazu beitragen, dass die Stahlindustrie auch deutlich weiblicher wird.
Aufgrund der aktuellen wirtschaftlichen Unsicherheit und schwankender Energiemärkte verschieben einige Unternehmen ihre Investitionen oder stellen diese infrage. Sie halten an Ihrem Investitionskurs fest. Welche Überlegungen stehen dahinter?
Wir halten daran fest, weil Stillstand in unserer Industrie schlichtweg keine Option ist. Wir denken langfristig – das ist ein großer Vorteil von Privateigentum und können antizyklisch investieren, während andere zögern. Natürlich beobachten wir Energiepreise und geopolitische Risiken sehr genau. Aber wenn wir jetzt aufhören, zu investieren, verlieren wir genau das, was uns stark macht: unseren technologischen Vorsprung, unsere Wettbewerbsfähigkeit und unsere industrielle Basis.
21,5 Mio. EUR für Ihre neuen Einzelstabvergütungsanlagen (EVA 1 und 2) in den letzten zwei Jahren. Wie finanzieren Sie solche Projekte?

Sehr klassisch und sehr diszipliniert. Wir investieren aus einer Kombination aus Eigenmitteln und langfristiger Finanzierung. Und im Falle der EVAs haben wir auch eine – wenn auch kleine – Förderung durch das Bundeswirtschaftsministerium und die EU bekommen. Wichtig ist: Wir schauen uns jedes Projekt sehr genau an. Passt es strategisch? Steigert es unsere Effizienz? Verbessert es unsere Produkte? Wir investieren nicht, um zu wachsen, sondern um besser zu werden.
Unter dem Dach der GMH-Gruppe vereinen Sie mehr als 15 mittelständische Produktionsunternehmen. Wie gelingt es, diese Vielfalt strategisch und operativ zu bündeln?
Indem wir zwei Dinge kombinieren: klare strategische Leitplanken und unternehmerische Freiheit vor Ort. Wir haben eine integrierte Wertschöpfungskette – vom Schrott bis zum fertigen Bauteil. Das gibt uns enorme Stabilität und Nähe zum Kunden. Gleichzeitig bleiben unsere einzelnen Unternehmen mittelständisch geprägt. Diese Mischung macht uns stark.
Sie bedienen Branchen von Automotive über Energie bis Aerospace. Wie schaffen Sie es, die unterschiedlichen Anforderungen eines so breiten und anspruchsvollen Kundenstamms zu erfüllen?
Durch Spezialisierung und Nähe zum Kunden. Wir entwickeln unsere Werkstoffe und Produkte sehr gezielt weiter – oft gemeinsam mit unseren Kunden. Ob Automotive, Energie oder Aerospace: Am Ende geht es immer um Qualität, Zuverlässigkeit und technische Kompetenz. Und da haben wir über Jahrzehnte ein enormes Know-how aufgebaut.
Als CDO treiben Sie Innovationen voran. Mit dem neu gegründeten Start-up ProMateria gehen Sie in Richtung digitale Fertigung und personalisierte Metallteile, etwa für maßgeschneiderte Golfschläger. Wie wurde dieses Projekt finanziert – und planen Sie weitere dieser Art?

ProMateria ist ein gutes Beispiel dafür, wie wir Innovation denken: unternehmerisch, pragmatisch und nah am Markt. Und bei dem Start-up geht es ja nicht nur um die Fertigung von maßgeschneiderten Golfschlägern: Es geht um die individuelle Produktion von Bauteilen mittels additiver Fertigung – sozusagen 3D-Druck mit Metall. Hier liegt eine weite Bandbreite an Potenzialen – von der Medizintechnik bis hin zur Ersatzteilfertigung. Die Finanzierung erfolgt aus eigenen Mitteln und gezielten Investitionen – wir glauben an digitale Fertigung und Individualisierung. Und ja, wir schauen uns kontinuierlich weitere Projekte an. Es muss aber zu uns passen und echten Mehrwert bringen.
Ihr Ziel: Klimaneutralität bis 2039. Was sind die nächsten konkreten Schritte auf diesem Weg, wo sehen Sie die größten Hebel?
Der größte Hebel ist und bleibt Strom aus erneuerbaren Quellen, denn hier haben wir den größten Verbrauch. Nicht umsonst zählen wir zur energieintensiven Industrie. Elektrostahl ist unsere Basis, aber ohne Strom zu international wettbewerbsfähigen Preisen funktioniert das schlicht nicht. Wir brauchen Strompreise in einer Größenordnung von etwa 50 EUR pro MWh – aktuell liegen wir in Deutschland deutlich darüber. Ähnlich beim Gas: Ein wettbewerbsfähiges Niveau wäre etwa 20 EUR pro MWh; auch das sehen wir derzeit nicht.
Das ist für mich der entscheidende Punkt: Wir können technologisch sehr viel, wir investieren, wir treiben Effizienz und Innovation voran – aber wenn die Energiepreise nicht stimmen, verlieren wir international an Wettbewerbsfähigkeit.
Parallel investieren wir weiter in moderne Anlagen, Effizienz und Digitalisierung. Wir machen unsere Prozesse „wasserstoffready“, auch wenn Wasserstoff heute noch nicht industriell einsetzbar ist. Und wir arbeiten jeden Tag an Verbesserungen in unseren Werken – Transformation ist für uns kein Projekt, sondern ein Dauerprozess.
Frau Dr. Großmann, vielen Dank für die interessanten Einblicke!
👉 Dieser Beitrag erscheint auch in der nächsten Magazinausgabe der Unternehmeredition 2/2026.
UNTERNEHMENSPROFIL
GMH Gruppe SE & Co. KG
Gründungsjahr: 1856 als Georgs-Marien-Bergwerks- und Hüttenverein
Branche: Stahl- und Schwerindustrie, Stahlerzeugung und -verarbeitung
Firmensitz: Georgsmarienhütte, Niedersachsen
Mitarbeiterzahl: rund 6.000
Umsatz: circa 2 Mrd. EUR
https://www.gmh-gruppe.de/unternehmen/
ZUR INTERVIEWPARTNERIN

Dr. Anne-Marie Großmann ist Gesellschafterin und Mitglied der Geschäftsführung der GMH Gruppe SE & Co KG. Die promovierte Volkswirtin verantwortet HR, Beteiligungen und Real Estate und leitet seit 2025 die Familienholding VirMagnus SE & Co. KG. Zuvor war sie Beraterin bei Bain & Company und Geschäftsführerin der Windhoff Bahn- und Anlagentechnik GmbH. Sie engagiert sich für Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit der industriellen Wertschöpfung in Deutschland.








