Mittelständler − Verlierer im Rüstungsboom?

Warum Rüstungsdeals den Mittelstand herausfordern

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Der Aufschwung in der Verteidigungsindustrie eröffnet mittelständischen Unternehmen neue Chancen. Doch Rüstungsdeals sind kein normales Wachstumsgeschäft. Staatliche Auftraggeber, politische Risiken und hohe Vorfinanzierung können schnell zur Belastungsprobe werden.

Europa rüstet auf. Der Krieg in der Ukraine und globale Spannungen haben die Verteidigungsausgaben so stark steigen lassen wie nie zuvor. Davon profitieren längst nicht nur große Rüstungskonzerne. Auch mittelständische Unternehmen aus Maschinenbau, Metallverarbeitung, Elektronik, Sensorik, Software oder Spezialkomponenten prüfen, ob ihre Produkte neben zivilen auch militärischen Zwecken dienen können.

Dem jüngsten Bericht von SIPRI(Stockholm International Peace Research Institute) zufolge erreicht das Geschäft mit Rüstungsprodukten wieder das Volumen vom Ende des Kalten Krieges 1989: Europa war zwischen 2021 und 2025 die größte Importregion für schwere konventionelle Waffen; Deutschland  zählt zu den größten Exporteuren weltweit.

Für viele Unternehmen klingt das, mitten in der Wirtschaftsflaute, nach einer willkommenen Perspektive: neue Absatzmärkte, hohe Investitionsbereitschaft und der politische Wille „europäisch zu kaufen“.

Defence ist kein klassisches Industriegeschäft

Doch im Verteidigungsgeschäft ist Vorsicht geboten: Wer hier einsteigt, übernimmt nicht nur technische Aufgaben, sondern bewegt sich in einem Umfeld, in dem Politik, Finanzierung, Lieferfähigkeit und Vertragsrisiken eng miteinander verbunden sind.

So laufen Rüstungsprojekte häufig über viele Jahre. Zahlungen sind oft an Meilensteine, technische Abnahmen oder politische Freigaben gekoppelt. Verzögert sich ein Projekt, verschieben sich auch die Zahlungsströme. Für große Konzerne ist das ärgerlich, aber für Mittelständler kann es kritisch werden: Material ist beschafft, Personal aufgebaut, Kapazität reserviert, aber das Geld kommt später oder muss aufwendig eingefordert werden.

Joint Ventures im Ausland

Paradoxerweise müssen sich Europas Rüstungsunternehmen, während sie ihre Aktivitäten ins Inland verlagern, häufig zugleich ins Ausland wagen – was politische Risiken birgt. So verlangen viele Schwellenländer beim Import von Verteidigungsgütern eine lokale Beteiligung vom Hersteller. Indien etwa forderte ausländische Hersteller dazu auf, Joint Ventures einzugehen oder lokale Tochtergesellschaften zu gründen.

So kommt es, dass ein deutsches Unternehmen mit einem Staatsbetrieb in Indien – oder in Märkten wie dem Nahen Osten und Asien – kooperiert oder dort ein Werk errichtet, um Aufträge zu gewinnen. Das eröffnet große Absatzchancen, setzt das Vermögen des Unternehmens aber zugleich dem politischen Klima des Gastlandes aus.

Liste der Risiken ist lang

Wer in fremde Märkte eintritt, sollte sich einer langen Liste von Risiken bewusst sein. So müssen Rüstungsinvestoren im Ausland mit Instabilität im Gastland, abrupten Rechtsänderungen oder gar der vollständigen Konfiszierung ihrer Geschäftstätigkeit rechnen. Politische Umbrüche oder sich verschlechternde Beziehungen können durchaus zur Folge haben, dass ausländische Anlagen beschlagnahmt, geschlossen oder zur Aufgabe gezwungen werden.

Darüber hinaus ist es in Zeiten geopolitischer Spannungen nicht unwahrscheinlich, dass Verträge unerwartet gebrochen werden. Somit können auch deutsche Unternehmen plötzlich in Schieflage geraten und auf den Kosten sitzen bleiben, die sie im Ausland verursacht haben.

Quelle: Willis Report: Neue wirtschaftliche Risiken im Verteidigungssektor managen
(Februar 2026)

Staaten sind besondere Vertragspartner

Notwendigerweise kommt es im Rüstungsgeschäft auch zu Vertragsschließungen mit staatlichen Partnern. Doch hohe Verteidigungsausgaben stellen auch Regierungen vor finanzielle Herausforderungen. Nicht immer stehen deshalb politische Zusagen auf einem sicheren Fundament. Doch was passiert, wenn ein Staat einen (Rüstungs-)Vertrag bricht oder schlicht nicht zahlen kann oder will?

Auch Abhängigkeiten in der langen Rüstungs-Wertschöpfungskette sind ein wachsendes Risiko: Moderne Waffen- und Luftfahrtplattformen benötigen Spezialmetalle und Seltene Erden für Elektronik, Sensoren und Legierungen. Europa bezieht einen Großteil dieser Vorprodukte aus dem Ausland, oft von einem einzigen Lieferanten: China. Weitere kritische Vorprodukte wie Kobalt – etwa für Batterien – oder Titan stammen häufig aus politisch instabilen Regionen in Zentralafrika oder aus Russland.

Das Risiko: Jedes Ausfuhrverbot, jeder Schritt in Richtung eines „Ressourcennationalismus“ und jeder Konflikt in diesen Gebieten bedroht die Versorgung. Zumindest kurzfristig müssen Rüstungsfirmen und ihre Zulieferer heute eine fragile Lieferkette steuern, in der Politik unmittelbar über die Verfügbarkeit zentraler Materialien entscheidet.

Für Mittelständler ist das besonders relevant. Sie haben oft weniger Einkaufsmacht als große Systemhäuser, können Lagerbestände nur begrenzt aufbauen und Preissteigerungen nicht immer weitergeben. Wer Festpreise zugesagt hat, aber Vorprodukte teurer einkaufen muss, verliert schnell Marge oder Liquidität.

Komplexitäten auch in Europa

Langfristig mag es möglich sein, die Lieferkette kalkulierbarer aufzustellen und Abhängigkeiten zu reduzieren. Aber auch in Europa stehen Unternehmen vor Herausforderungen. Die europäische Zusammenarbeit unter den Rüstungsherstellern wird komplexer, denn es wachsen die Spannungen zwischen europäischen und nationalen Interessen. Das Scheitern des Rüstungsprojekts FCAS (Future Combat Air System) zeigt, welche unkalkulierbaren Risiken auch europäische Defence-Vorhaben mit sich bringen.

Riskant sind außerdem Konsortialmodelle, bei denen sich mehrere Unternehmen zusammentun, um für einen großen Auftrag zu bieten: Konsortialpartner können sich untereinander nicht gegen Insolvenz oder Vertragsbruch absichern.

Wie Unternehmen sich absichern können

Viele der genannten Faktoren – Auslandsengagements, volatile Lieferketten und eine unwägbare Geopolitik – haben den Bedarf an politischer Risikoversicherung im Verteidigungssektor erhöht.

  • Die Political Risk Insurance (PRI) schützt Unternehmen vor Verlusten infolge politischer Ereignisse. Sie deckt ein Spektrum willkürlicher staatlicher Eingriffe und Instabilitäten ab und bietet damit ein Sicherheitsnetz für Geschäfte in oder mit Hochrisikoländern.
  • Für Rüstungshersteller, die über Joint Ventures oder Werke im Ausland investieren, ist der Enteignungsschutz entscheidend. Diese Versicherung leistet, wenn eine Gastregierung die Betriebslizenz entzieht, Vermögenswerte beschlagnahmt oder einen Betrieb ohne angemessene Entschädigung verstaatlicht.
  • Ebenso wichtig ist die Absicherung politischer Risiken bei Exportgeschäften im Verteidigungsbereich. Neben den staatlichen Exportkreditgarantien des Bundes, so genannten Hermes-Deckungen, gibt es über 60 private Anbieter, die maßgeschneiderte Versicherungskonzepte anbieten.

In der Praxis zeigt sich: Technische Risiken werden meist sehr genau geprüft. Politische, vertragliche und finanzielle Risiken kommen dagegen oft erst spät auf den Tisch. Genau hier setzt spezialisierte Beratung an: Sie analysiert einzelne Projektrisiken, strukturiert passende Absicherungslösungen und schafft Zugang zu internationalen Versicherungsmärkten.

Standard bei Regierungsaufträgen: Sicherheitsanforderungen

Ein zunehmend wichtiges Instrument sind Avale, also Bürgschaften und Garantien, die ein unabhängiger Dritter – üblicherweise ein Versicherer oder eine Bank – ausstellt. Sie geben Auftraggebern die Sicherheit, dass Projekte vertragsgemäß durchgeführt werden. Versichereravale, sogenannte Surety-Lösungen wie Bietungs-, Vertragserfüllungs- oder Gewährleistungsavale, helfen, große Projekte professionell abzusichern, ohne dass Auftragnehmer ihre Banklinien unnötig belasten.

Für Mittelständler kann das entscheidend sein: Wer Sicherheiten ausschließlich über Banklinien stellt, reduziert genau jene Liquidität, die operativ für Material, Personal und Produktion benötigt wird. Surety-Lösungen können deshalb ein wichtiger Baustein sein, um Auftraggeberanforderungen an die Vertragssicherung und Wachstumskapazitäten in Einklang zu bringen.

Fazit: Chancen nutzen, Risiken kennen

Gerade im Defence-Sektor zeigt sich, wie komplex und vielschichtig Risikoabsicherung geworden ist. Insbesondere mittelständische Zulieferer unterschätzen zuweilen die finanziellen Risiken, die mit dem Rüstungs-Boom verbunden sind.

Damit volle Auftragsbücher am Ende nicht zur existenziellen Bedrohung werden, ist es wichtig, potenzielle Risikoszenarien und ihre Auswirkungen auf die Geschäftstätigkeit zu (er)kennen und sich davor zu schützen.

Quelle: Willis Report: Neue wirtschaftliche Risiken im Verteidigungssektor managen (Februar 2026)
Autorenprofil
Silja-Leena Stawikowski
Senior Account Manager Special Risk bei Willis at  | Website

Silja-Leena Stawikowski ist Senior Account Manager Special Risk bei Willis, einem Geschäftsbereich von WTW. Sie ist spezialisierte Maklerin für politische Risiken, Einzelrisiken und maßgeschneiderte Absicherungslösungen für komplexe internationale Projekte. Sie berät Finanzinstitute, mittelständische Unternehmen ebenso wie große Konzerne, die in politisch sensiblen Märkten investieren, exportieren oder mit staatlichen Auftraggebern zusammenarbeiten.

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