Management-Buy-out nach 21 Monaten Eigenverwaltung

Das neue Führungsteam bei J.G. Weisser: v.l.: Marc Asel, Janik Dorer, Ansgar Lienert, Hannes Beck

Nach einer Dauer von 21 Monaten hat das Traditionsunternehmen J.G. Weisser Söhne GmbH & Co. KG das Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung durch einen Management-Buy-Out abgeschlossen. Ein Konsortium aus vier langjährigen Führungskräften übernimmt den Geschäftsbetrieb des St. Georgener Maschinenbauers. Die vertragliche Vereinbarung wurde Anfang Juli 2026 notariell beurkundet. Das Unternehmen firmiert künftig unter dem Namen J.G. Weisser GmbH. Nach Angaben der Beteiligten sichert die Erwerberlösung die verbliebenen 156 Arbeitsplätze am Standort St. Georgen. Ein weiterer Abbau von Stellen ist im Sanierungskonzept nicht vorgesehen. Dem Betrieb liegen weiterführende Aufträge aus dem In- und Ausland vor, was eine hohe Planungssicherheit bietet.

Insolvenz der Muttergesellschaft als Krisenauslöser

Die Ursprünge der Insolvenz lagen vor allem in externen Störungen. Während der Corona-Pandemie litt der Betrieb stark unter gerissenen Lieferketten. Zudem stiegen die Preise für Rohstoffe und Materialien drastisch an. Im Sommer 2024 geriet die US-amerikanische Muttergesellschaft Hardinge in schweres Fahrwasser. Der Mutterkonzern stellte in den USA einen Insolvenzantrag nach Chapter 11. Damit entfiel die finanzielle Absicherung für den deutschen Standort schlagartig. Im September 2024 stellte die Geschäftsführung beim Amtsgericht Villingen-Schwenningen folgerichtig einen Antrag auf ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung. Der Geschäftsbetrieb wurde seitdem unter gerichtlicher Aufsicht ohne Unterbrechung fortgeführt.

Die Rolle der Sanierer

Markus Fauser, Anchor Rechtsanwälte
Markus Fauser, Anchor Rechtsanwälte

Federführend bei dem komplexen Sanierungsprozess war der Anchor-Partner Markus Fauser. Er übernahm als Generalbevollmächtigter die rechtliche und strategische Steuerung des Verfahrens. Unter seiner Führung erarbeitete das Sanierungsteam tragfähige Fortführungsszenarien für den Maschinenbauer. Er steuerte den Restrukturierungsprozess gemeinsam mit Tobias Wahl und David Blum von Anchor Rechtsanwälte. Die juristische Aufsicht lag bei Marc-Philippe Hornung von der Kanzlei SZA Schilling Zutt & Anschütz. Als gerichtlich bestellter Sachwalter überwachte Marc-Philippe Hornung das Verfahren im Gläubigerinteresse. Unterstützt wurde die Überwachung von der Insolvenzrechtsexpertin Katja Schmitt. Die rechtliche M&A-Beratung auf Verkäuferseite verantwortete Dr. Hendrik Boss von der Sozietät Taylor Wessing. Für die betriebswirtschaftliche Sanierungsberatung sowie die Restrukturierung im Insolvenzzeitraum zeichnete Ansgar Lienert von der WCG Consulting GmbH und Lars Steinhagen von allea consult verantwortlich. Den weltweiten M&A-Prozess begleiteten Christoph Burckhart und Philipp Broscheid von Roland Berger. Nach der notariellen Beurkundung zeigte sich Markus Fauser über den Ausgang der Verhandlungen hochzufrieden: „Es herrscht eine enorme und absolut berechtigte Freude im gesamten Team. Nach einer so langen Phase der Ungewissheit wurde eine nachhaltige Lösung gefunden.“ Die anspruchsvolle Fortführung des Geschäftsbetriebes unter Insolvenzbedingungen erstreckte sich über 21 Monate.

Teamwork macht Lösung möglich

Der Sanierungsexperte hob die außergewöhnlichen Umstände während des Eigenverwaltungsverfahrens hervor: „In dieser anspruchsvollen Zeit hielten viele Kunden dem Unternehmen unentwegt die Treue. Und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben trotz aller Belastungen jeden Tag vollen Einsatz gezeigt.“ Nach seiner Einschätzung war das Erreichen dieser Sanierungslösung kein Selbstläufer: „Nur durch eine ganz besondere Teamleistung aller Akteure war dieses hervorragende Ergebnis möglich.“ Der Sanierungsexperte drückte allen Beteiligten seinen tiefen und ausdrücklichen Dank aus und erklärt: „Mein großer Dank gilt den Mitarbeitern, den Kunden, den Lieferanten und den Gläubigern.“ Die Gläubiger hätten den anspruchsvollen Sanierungsweg über den gesamten Zeitraum hinweg konstruktiv mitgetragen. „Wir haben hier ein hervorragendes Ergebnis unter schwersten Rahmenbedingungen erzielt. Das Marktumfeld im internationalen Maschinenbau war während der Restrukturierung extrem volatil. Wir haben zu keinem Zeitpunkt den Glauben an die Sanierungsfähigkeit dieses Betriebs verloren“, erklärt Fauser weiter.

Sanierung aus eigener Kraft

Die Verhandlungserfolge des Restrukturierungsteams schufen das Fundament für die spätere Managementübernahme. Parallel zur Betriebsfortführung leiteten die beauftragten M&A-Berater einen weltweiten Investorenprozess ein. Nach Angaben von CRO Ansgar Lienert meldeten sich zu diesem Zeitpunkt zahlreiche nationale und internationale Kaufinteressenten. Besonders aus dem chinesischen Raum stießen die Bearbeitungs-Maschinen und das Know-How von J.G.Weisser auf großes Interesse. Eine schnelle Einigung zeichnete sich in den Verhandlungen jedoch jeweils nicht ab.

Im Sommer 2025 schwenkte sein Management-Team aus diesem Grund auf eine Sanierung in eigener Regie um – ohne einen neuen Investor. Der Gläubigerausschuss, der Sachwalter, der Betriebsrat und die Gewerkschaft IG Metall stimmten dem Restrukturierungsplan zu. Der Plan beinhaltete einen tiefen Einschnitt bei den Personalressourcen. Die Belegschaft musste von ursprünglich rund 280 auf etwa 160 Beschäftigte verkleinert werden. Diese Maßnahme passte die Kapazitäten an den gesunkenen Umsatz an. Durch die Senkung der Fixkosten wurde die betriebswirtschaftliche Tragfähigkeit wiederhergestellt.

Herausforderung Auftragseingang

Produktionshalle bei J.G. Weisser

Die rechtliche Beendigung der Insolvenz war für die künftige Gewinnung von langfristigen Aufträgen von einer zentralen Bedeutung. Industrielle Auftraggeber zögern bei der Vergabe von langfristigen Projekten an insolvente Unternehmen. Im Sondermaschinenbau erfordern Herstellung und Montage oft Zeiträume von über einem Jahr. Kunden scheuen das wirtschaftliche Risiko von Lieferausfällen während eines laufenden Insolvenzverfahrens. Ohne einen rechtlich vollzogenen Neuanfang blieben viele wertvolle Großprojekte in der Schwebe. Das Aussteigen aus dem Insolvenzrahmen schuf nun wieder die notwendige Rechtssicherheit für Einkäufer.

Viele Anfragen von Kunden

Es lagen bereits zahlreiche konkrete Anfragen und Angebote für Folgeaufträge vor. Viele Stammkunden machten den rechtlichen Abschluss der Insolvenz zur ausdrücklichen Bedingung. Erst die neue Eigentümerstruktur ermöglichte die formale Erteilung dieser wartenden Großaufträge. Die gesicherte Eigenständigkeit stärkt die Verhandlungsposition des Unternehmens im internationalen Wettbewerb. Durch den MBO-Vollzug konnte der Maschinenbauer den drohenden Verlust wichtiger Kundenaufträge abwenden. Der Beendigung des Verfahrens folgte unmittelbar eine spürbare Belebung im operativen Neugeschäft.

Bestandteil des Finanzierungspakets für den MBO bei J.G. Weisser war auch eine Sale & Lease-Back-Lösung von den Experten von NIV Leasing aus Hamburg. „Uns hat das Sanierungskonzept sofort überzeugt. Außerdem ist die Auftragspipeline bei diesem Maschinenbauexperten gut gefüllt. Für uns war eine Zusammenarbeit mit dem neuen Management-Team von J. G. Weisser quasi ein No-Brainer“, sagt Michael Ludwig, Geschäftsführer bei NIV-Leasing. Ein motiviertes Team, hohe technologische Kompetenz im Maschinenbau und eine Vielzahl von interessierten Kunden ist nach seiner Ansicht eine grundsolide Basis. „Moderne Sale & Lease-Back Lösungen können eine gutes alternatives Finanzierungstool sein – auch in einem gesunden Mix mit anderen Komponenten. Es kommt immer darauf an, für den individuellen Bedarf die beste Kombination zu finden“, so Ludwig weiter.

 

Struktur des Management-Buy-outs

Die Reduzierung der Kosten durch das Sanierungskonzept schuf die Basis für eine Fortführung in Eigenregie. Im zweiten Quartal 2026 erarbeitete das vierköpfige Führungsteam ein Konzept für eine MBO-Lösung. Das Erwerberkonsortium besteht aus vier erfahrenen Führungskräften. Janik Dorer verantwortet den Bereich Entwicklung und Konstruktion. Marc Asel leitet die Produktion und Operation. Hannes Beck führt die Bereiche Verwaltung, IT und Personalwesen. Ansgar Lienert übernimmt die Funktion des CEO und CRO. Jeder Manager hält Anteile im Umfang von genau einem Viertel am Stammkapital. Nach Angaben von Ansgar Lienert brachten die Gesellschafter eigenes Kapital ein. Der Gläubigerausschuss stimmte dem MBO-Modell als bester Lösung für den Erhalt des Standorts zu. Ansgar Lienert, nunmehr auch Investor, unterstrich die Marktposition des Traditionsbetriebs. Er erklärte: „Der wirtschaftliche Kern von J.G. Weisser ist auf den internationalen Märkten weiterhin stark gefragt.“ Ansgar Lienert betonte: „Das Know-how in unseren Köpfen bildet eine exzellente Basis für die kommenden Jahre.“

Kundenbeziehungen als Vertrauensbasis

Die Loyalität der Kunden bildete das Fundament für die Sanierung. Nahezu alle Kunden hielten dem Betrieb während der gesamten Insolvenz die Treue. Im Sondermaschinenbau dauern die Fertigungsprozesse in der Regel zwischen zwölf und 14 Monaten. Ansgar Lienert schilderte die Haltung der Auftraggeber. Er meinte: „Die Kunden wollten uns Aufträge erteilen, sobald wir aus der Insolvenz raus sind.“ Die Kunden hätten großes Vertrauen in die Qualität und die Leistung der Belegschaft geäußert. Die hohe Motivation des Teams überraschte viele Marktteilnehmer. Ansgar Lienert erläuterte die Entwicklungsziele. Er erklärte: „Wir wollen das Unternehmen gezielt weiterentwickeln.“ Ansgar Lienert ergänzte: „Unsere Innovationskraft im Bereich der Automatisierung wollen wir stärken.“ Er hob hervor: „Wir bleiben ein verlässlicher Partner für unsere weltweite Kundschaft.“ Ansgar Lienert stellte fest: „Wir haben das gesamte verbliebene Team geschlossen hinter uns.“

Strategische Ausrichtung und Zukunftsperspektiven

Ansgar Lienert

Das Portfolio des Herstellers umfasst multifunktionale Drehbearbeitungszentren und Automatisierungslösungen. Das Unternehmen beliefert Kunden aus Automobilbau, Luftfahrt, Schifffahrt, Energiewirtschaft, Wehrtechnik und Medizintechnik. Durch eine breitere Branchenaufstellung soll das Risiko künftig besser gestreut werden. Das Management strebt die zügige Beendigung der Kurzarbeit am Standort St. Georgen an. Ansgar Lienert betonte die Zielsetzung für den Betrieb: „Unser Ziel ist es, den Standort wieder unter Vollauslastung zu bringen. Unsere Unternehmensplanung ist auf 160 Mitarbeiter ausgerichtet.“ Nach seiner Einschätzung sollen bei positiver Entwicklung wieder neue Arbeitsplätze entstehen. Ansgar Lienert dankte den Beschäftigten erneut. Er betonte: „Besonders hervorheben möchte ich den Dank an die Belegschaft.“ Die Belegschaft habe den Betrieb durch vorbildlichen Einsatz durch die schwierige Phase getragen. Das Traditionsunternehmen blickt nun eigenständig in eine gesicherte Zukunft.

Autorenprofil

Als Redakteur der Unternehmeredition berichtet Alexander Görbing regelmäßig über Unternehmen und das Wirtschaftsgeschehen. Zu seinen Schwerpunkten gehören Restrukturierungen, Insolvenzen, M&A-Prozesse, Finanzierungen und Unternehmensnachfolgen.

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