KI versus Tech-Tools in der Unternehmensnachfolge

Wo liegt die Grenze zwischen Künstlicher Intelligenz und Tech-Tools?

Der Einsatz von KI und herkömmlichen Tech-Tools revolutioniert die M&A-Branche, indem verschiedene Tools entlang einer Transaktion eingesetzt werden.
Foto: © DealCircle

Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) und herkömmlichen Tech-Tools revolutioniert die M&A-Branche. So kommen entlang einer M&A-Transaktion, je nach Prozessschritt, verschiedene Tools zum Einsatz. Sie reichen von reinen Tech-Tools bis hin zu echter KI, die branchenspezifisch entwickelt wurde und deutlich über reine Datenanalysen hinausgeht. Oft greifen dabei Tech und KI nahtlos ineinander oder werden fälschlicherweise synonym verwendet. Doch inwieweit können diese Technologien den menschlichen Berater bereits ersetzen?

Schritt 1: Marktscreening und Käuferselektion

Der erste Schritt einer M&A-Transaktion ist die Marktanalyse. Hier dominieren Big-Data-Analysen, bei denen enorme Datenmengen verarbeitet werden, um Marktchancen zu erkennen. Meist handelt es sich hierbei um reine Tech-Tools. Allerdings werden diese besonders in letzter Zeit um KI-Funktionen erweitert, die Muster erkennen und Prognosen erstellen können. Das wohl bekannteste KI-Tool in diesem Zusammenhang ist ChatGPT. Mit Hilfe des Chatbots können M&A-Berater und -Professionals relevante Informationen aus einer Flut von Daten filtern und individuell anpassen.

Nach Abschluss des Marktscreenings helfen Tech-Tools wie das von DealCircle bei der Käuferselektion. Sie greifen auf große Datenbanken mit relevanten Informationen zu und ermöglichen somit eine zielgerichtete Suche anhand vorab definierter Kriterien. Tech-Tools sparen somit vor allem langwierige Recherchearbeiten, so dass M&A-Berater mehr Zeit für die Deal-Vorbereitung bleibt.

Schritt 2: Informationsmemorandum

Sind Marktscreening und Käuferselektion abgeschlossen, geht die M&A-Transaktion in die nächste Phase über. In dieser werden die Informationsmemoranden für potenzielle Käufer erstellt, die präzise und detaillierte Informationen über das Zielunternehmen erfordern. KI-Tools wie StrategyBridgeAI revolutionieren diesen Prozess. Sie beschaffen die notwendigen Daten nicht nur schneller, sondern liefern außerdem tiefgreifende Analysen, die die Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken eines Unternehmens umfassend darstellen. Diese Werkzeuge generieren Berichte, die nicht nur auf historischen Daten basieren, sondern auch zukunftsorientierte Einsichten bieten. Denn sie integrieren Marktrends, Wettbewerbsanalysen und potenzielle Wachstumschancen.

Für M&A-Berater und -Professionals bieten KI-gestützte Analyse-Tools zahlreiche Vorteile. Sie ermöglichen eine erhebliche Zeitersparnis: Traditionell kann die manuelle Datensammlung und -analyse Wochen oder Monate in Anspruch nehmen. Durch die neuen Anwendungen lässt sich der Zeitaufwand auf Tage oder sogar Stunden reduzieren. Darüber hinaus erhöht die tiefergehende Analysefähigkeit dieser Tools die Genauigkeit und Zuverlässigkeit der Bewertungen und Empfehlungen. Dies führt zu besseren Entscheidungen und kann die Erfolgsquote von M&A-Transaktionen signifikant steigern.

Schritt 3: Unternehmensbewertung

Ist das Informationsmemorandum erstellt, ist die Unternehmensbewertung für Käufer und Verkäufer der nächste essenzielle Schritt. Sie entscheidet über Erfolg oder Misserfolg der Transaktion. Dabei gilt: Je gründlicher die Unternehmensbewertung von beiden Seiten erfolgt, desto besser ist die eigene Ausgangslage in der späteren Preisverhandlung. Da genau diese Zeit oft allen Parteien fehlt, helfen hier Tech-Tools wie Valutico, das genau diese Prozesse vereinfacht und automatisiert. Nutzt man zusätzlich KI-Tools, die auch zukünftige Planspiele mit den gewonnenen Daten ermöglichen, können auch diese Prognosen in die Unternehmensbewertung mit einfließen –und diese wesentlich genauer und zukunftssicherer machen. Die dadurch gewonnene Zeit kann auf beiden Seiten genutzt werden, um die übrigen Aspekte der Transaktion vorzubereiten, bei denen KI und Tech nicht unterstützen können. Dazu zählt neben der Verhandlungsführung auch die persönliche Analyse des Gegenübers.

Schritt 4: Due Diligence

Nachdem der potenzielle Käufer im besten Fall gefunden ist, geht es in die Due Diligence-Prüfung (DD). Entscheidend bei der Financial DD ist, dass große Datenmengen verarbeitet werden, während KI-Tools ein effektives Benchmarking ermöglichen. In der Legal DD spielt KI hingegen bei der Analyse umfangreicher Vertragswerke eine größere Rolle. Sie identifiziert Muster und Risiken, was aufgrund der schieren Datenmenge durch menschliche Arbeit nicht möglich wäre. Dies verdeutlicht erneut, dass KI in den Bereichen ihren Mehrwert entfaltet, wo es um die Interpretation komplexer Informationen und nicht nur die simple Verarbeitung großer Datenmengen geht.

Schritt 5: Abschluss der Transaktion

Im letzten Transaktionsschritt unterstützen die detaillierten Analysen der KI-Tools die finale, strategische Entscheidungsfindung auf höherer Ebene. Sie ermöglichen es Entscheidungsträgern, fundierte Einschätzungen über die strategische Ausrichtung und das Potenzial von Akquisitionen zu treffen. Die Fähigkeit, komplexe Szenarien und die potenzielle Auswirkung verschiedener Strategien zu simulieren, bietet einen unschätzbaren Vorteil in der schnelllebigen M&A-Landschaft.

Tech-Tools hingegen helfen im letzten Schritt der Transaktion. Nämlich indem sie Zeitaufwände erheblich reduzieren und den finalen Abschluss des Deals sicherstellen. Da nicht jede Transaktion vom Käufer selbst finanziert wird, kann die Suche nach dem passenden Finanzierungspartner im schlimmsten Fall das Closing gefährden. Grund ist die Vielzahl der Anbieter im Markt, die den letzten Transaktionsschritt schnell langwierig und komplex macht. Hier unterstützen Tech-Tools wie DealCircle den Käufer bei der Wahl des optimalen Finanzierungspartners und helfen so, die Transaktion sicher und zügig abzuschließen.

Ebenso sinnvoll kann eine Stapled Finance (SF) sein, denn sie erhöht die Chancen eines erfolgreichen Unternehmensverkaufs. Diese Fremdfinanzierung durch Banken, Leasing-, Factoring- und Mezzaninegeber strukturiert die Akquisitionsfinanzierung sinnvoll und verringert das Risiko der Finanzierungsabwicklung. Entscheidend ist, dass die SF bereits zu Beginn eines M&A-Prozesses von der Unternehmensverkäuferseite initiiert wird und potenzielle Erwerbsinteressente sie zusammen mit dem sogenannten Informationsmemorandum, unverbindlich erhalten.

Fazit: Eine symbiotische Beziehung

Trotz der beeindruckenden Fortschritte und Vorteile, die Tech- und KI-Tools im M&A-Prozess bieten, sind sie begrenzt anwendbar. Einer der Hauptgründe: Die Urteilskraft des Menschen ist komplex, ebenso wie seine Fähigkeit, Kontext zu verstehen und emotionale Intelligenz anzuwenden. Während KI hervorragend darin ist, Muster zu erkennen und Daten zu analysieren, fehlt ihr die Fähigkeit, die Nuancen menschlicher Beziehungen, kulturelle Aspekte und ethische Überlegungen, die in Geschäftsentscheidungen eine Rolle spielen, zu erfassen und zu bewerten.

Zudem sind Tech- und KI-Systeme auf die Qualität und Vollständigkeit der Daten angewiesen, die ihnen zur Verfügung gestellt werden. Fehlinformationen, Verzerrungen in den Daten oder unvollständige Datensätze können zu irreführenden Schlussfolgerungen und Analysen führen. Menschen hingegen können Informationen aus verschiedenen Quellen kritisch hinterfragen und in einen breiteren Kontext stellen, um eine ganzheitlichere Sichtweise zu gewinnen.

Ein weiterer Aspekt ist die Kreativität und strategische Weitsicht, die in den Verhandlungs- und Entscheidungsfindungsprozessen von M&A-Transaktionen unerlässlich sind. Menschen sind in der Lage, innovative Lösungen für komplexe Probleme zu entwickeln, die über das hinausgehen, was durch algorithmische Logik erreichbar ist. Sie können unvorhergesehene Entwicklungen antizipieren und Strategien flexibel anpassen, was bei der dynamischen Natur von M&A-Aktivitäten entscheidend ist.

Letztlich ergänzen und verstärken Tech- und KI-Tools menschliche Fähigkeiten, indem sie zeitaufwendige Aufgaben automatisieren und tiefgreifende Analysen ermöglichen. Sie tragen dazu bei, die Entscheidungsgrundlage zu erweitern und zu vertiefen. Aufgrund von Urteilsvermögen, emotionaler Intelligenz und der Fähigkeit strategisch zu denken, bleibt der Mensch im M&A-Prozess jedoch unersetzlich. Die symbiotische Beziehung zwischen Mensch und Maschine führt somit zu optimierten Prozessen in der Unternehmensnachfolge – ohne die zentrale Bedeutung des menschlichen M&A-Beraters zu mindern.

Podcast-Hinweis:

Wer noch mehr über den Einsatz von KI-Tools im M&A-Prozess erfahren möchte, dem empfiehlt Kai Hesselmann Episode 50 seines Podcasts 🤝Close the Deal🤝. Dort hat er mit Louis Flach und Deniz Schütz, Founder von StrategyBridgeAI, den Einsatz von KI im M&A-Umfeld diskutiert.

Jetzt reinhören:

Der Einsatz von KI und herkömmlichen Tech-Tools revolutioniert die M&A-Branche, indem verschiedene Tools entlang einer Transaktion eingesetzt werden.
Foto: © Kai Hesselmann Podcast
Autorenprofil
Kai Hesselmann

Kai Hesselmann ist Co-Founder und Managing Partner von DealCircle, einer ganzheitlichen Technologielösung mit der weltweit größten Datenbank von Such- und Kaufprofilen. Vor der Gründung von DealCircle war Kai Hesselmann Partner eines Mid-Cap Private Equity Investors mit Fokus auf Transaktionen im Segment Industrials sowie Berater für M&A-Transaktionen.

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