Laut einer neuen Untersuchung des Open-Source-Anbieters Red Hat verfügen viele Unternehmen in Deutschland weiterhin nur eingeschränkt über zentrale Voraussetzungen für eine unabhängige und resiliente Nutzung von Künstlicher Intelligenz. Red Hat hat nach eigenen Angaben im Rahmen der Studie jeweils 100 IT-Entscheiderinnen und IT-Entscheider in Deutschland, Frankreich, dem Vereinigten Königreich, Italien und den Niederlanden befragt. Im Mittelpunkt standen dabei Fragen zur KI-Souveränität, zu Governance-Strukturen sowie zur Abhängigkeit von externen Anbietern. Die Ergebnisse deuten insgesamt auf eine noch nicht vollständig geschlossene Lücke zwischen strategischem Anspruch und operativer Umsetzung hin.
Fehlende Exit-Strategien und Risiken für die Geschäftskontinuität
Ein zentrales Ergebnis der Studie betrifft die Abhängigkeit von einzelnen KI-Anbietern. Laut Red Hat geben in Deutschland nur 57 % der befragten Unternehmen an, über eine definierte Exit-Strategie zu verfügen, falls der Zugang zu einem primären KI-Anbieter eingeschränkt wird. Gleichzeitig wird von 37 % dieser Unternehmen erwartet, dass ein solcher Anbieterwechsel moderate bis erhebliche Auswirkungen auf die Geschäftskontinuität hätte. Die Studienautoren verweisen darauf, dass diese Kombination auf eine strukturelle Abhängigkeit von einzelnen Plattformen hindeutet, die im Ernstfall operative Risiken verstärken kann.
Teilweise fehlende Transparenz bei Datenverarbeitung
Ein weiterer Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf der Transparenz über Datenflüsse. Demnach haben 46 % der deutschen Unternehmen laut Studie nur teilweise Einblick in die Frage, wo Daten gespeichert, verarbeitet und potenziell zugänglich sind. 51 % der Befragten geben hingegen an, diese Prozesse vollständig nachvollziehen zu können. Lediglich 3 % berichten über erhebliche Lücken. Insgesamt bewerten die Studienautoren Deutschland im europäischen Vergleich dennoch als relativ transparent, auch wenn weiterhin Unsicherheiten bestehen.
Governance-Strukturen im Bereich Agentic AI noch im Aufbau
Im Bereich sogenannter Agentic AI zeigen sich laut Red Hat deutliche Entwicklungsunterschiede. Nur 30 % der deutschen Unternehmen verfügen demnach über ausgereifte Governance-Strukturen für entsprechende KI-Anwendungen. Weitere 29 % geben an, dass zwar erste Regelwerke vorhanden seien, diese jedoch Lücken aufweisen. 27 % beschreiben ihre Governance lediglich als grundlegend. Länderübergreifend verfügen 64 % der Unternehmen über zumindest teilweise oder umfassende Strukturen. Die Studie kommt daher zu dem Schluss, dass die Governance-Entwicklung mit der schnellen technologischen Verbreitung von Agentic AI nicht Schritt hält.
Bedeutung von Open Source und politische Erwartungen
Mit Blick auf zukünftige Entwicklungen sehen viele der Befragten Open Source als zentralen Hebel für mehr KI-Souveränität. Insgesamt 69 Prozent der IT-Entscheider in Deutschland geben an, dass offene Entwicklungsmodelle entscheidend seien, um mehr Kontrolle über KI-Systeme zu erhalten.
Zudem sprechen sich 72 Prozent der Befragten dafür aus, dass der Gesetzgeber Open-Source-Prinzipien wie Transparenz, Prüfbarkeit und geeignete Lizenzmodelle stärker regulatorisch verankern sollte. Nach Einschätzung der Studienautoren wird Open Source insbesondere mit Blick auf Anpassbarkeit, Nachvollziehbarkeit und Betrieb von KI-Systemen als strategischer Vorteil bewertet.
Gregor von Jagow, Senior Director und Country Manager Deutschland bei Red Hat, wird mit der Aussage zitiert, dass zwischen der Nutzung von KI und der tatsächlichen Kontrolle darüber eine deutliche Lücke bestehe. Open-Source-Ansätze ermöglichten es Unternehmen seiner Einschätzung nach, Abhängigkeiten zu reduzieren und gleichzeitig flexibel verschiedene KI-Modelle und Infrastrukturen zu kombinieren.
Auch Hans Roth, Senior Vice President und General Manager EMEA bei Red Hat, hebt laut Studie hervor, dass sich die Diskussionen auf Führungsebene zunehmend von ersten Experimenten hin zu Fragen der Souveränität, Sicherheit und Regulierung verlagerten. Unternehmen suchten demnach weniger geschlossene Systeme, sondern vielmehr flexible Kombinationen verschiedener Technologien unter eigener Kontrolle.
Methodik der Untersuchung
Die Studie wurde durch das Marktforschungsunternehmen Censuswide durchgeführt. Befragt wurden insgesamt 500 IT-Entscheiderinnen und IT-Entscheider ab 25 Jahren in fünf europäischen Ländern, darunter jeweils 100 Personen in Deutschland, Frankreich, dem Vereinigten Königreich, Italien und den Niederlanden.
Die Datenerhebung fand im Zeitraum vom 20. März 2026 bis zum 25. März 2026 statt. Censuswide ist Mitglied verschiedener Branchenverbände und verpflichtet sich nach eigenen Angaben zur Einhaltung internationaler Qualitäts- und Ethikstandards in der Marktforschung.







