Im Gespräch mit Andreas Grünewald, Gründer und Vorstand der FIVV AG, über die aktuelle Lage der Weltwirtschaft und an den Kapitalmärkten.

Unternehmeredition: Herr Grünewald, ungeachtet niedriger Zinsen und hoher Immobilienpreise scheuen sich nach wie vor viele Anleger, in Aktien zu investieren. Wie erklären Sie sich dieses Verhalten?


Grünewald: Seit Jahren spielt die Psychologie in Verbindung mit der weltweit zunehmenden Vernetzung den Anlegern hierzulande einen Streich. Die Aktienmärkte sind im Höhenflug, doch viele Anleger stehen an der Seitenlinie und verpassen die Hausse. Sie sehen nur die Krisen dieser Welt – und diese gilt es auch nicht kleinzureden oder wegzudiskutieren. Aber es gibt weltweit eine große Vielfalt an normalen oder sogar positiven Faktoren, die die Weltwirtschaft vorantreiben. Doch diese werden im täglichen Strom der Negativschlagzeilen kaum wahrgenommen.

Woher nehmen Sie trotz Brexit, Handelsstreit und Flüchtlingskrise Ihren Optimismus für die Aktienmärkte?

Die Welt ist doch wesentlich vielschichtiger als diese prominenten Schlagzeilen. Hunderte Millionen junger und immer besser ausgebildeter Menschen befeuern mithilfe von Technologiesprüngen die Weltwirtschaft. Für global agierende Unternehmen sind die Rahmenbedingungen hervorragend. Es gilt mehr denn je, Aktien dividendenstarker Weltmarktführer zu favorisieren. Viel bedeutsamer als aufsehenerregende Krisen ist für den Anleger der Blick auf das Gesamtbild. Die Weltbevölkerung und deren Lebenserwartung nehmen zu. Allein in Asien leben mittlerweile mehr als vier Mrd. Menschen und in Afrika nochmals gut eine Milliarde. Hunderte von Millionen junger Menschen, die immer besser ausgebildet sind und deren Kaufkraft entsprechend steigt, wachsen dort in den nächsten Jahren in den Konsum hinein und befeuern die Weltwirtschaft. Denken Sie nur an China.

Wären angesichts dieser Einschätzung auch Investitionen in chinesische Titel sinnvoll?

Sofern eine breite Titelstreuung vorgenommen wird, grundsätzlich ja. Profiteure sind aber nicht nur lokale Unternehmen in China, sondern hauptsächlich global aufgestellte Konzerne, deren Markenprodukte bei den jungen Käuferschichten als Statussymbole heiß begehrt sind. Global agierende Unternehmen finden somit beste Rahmenbedingungen vor: weltweit betrachtet eine steigende Kaufkraft, historisch niedrige Refinanzierungskosten sowie beschleunigte Innovationen. Es ergibt sich ein erfreuliches Bild der Weltwirtschaft: Das jährliche Wachstum liegt bei rund drei Prozent, und dieses Niveau ist geradezu ideal – nicht zu gering für die Gewinne der Unternehmen und nicht so hoch, dass es eine Lohn-Preis-Spirale auslösen könnte.

Sind Ihrer Meinung nach Aktien mittlerweile nicht zu teuer – schließlich notieren die Indizes praktisch auf Allzeithochs?

Angesichts entfallender Guthabenzinsen müssen sich Anleger ohnehin nach Alternativen umsehen. Gepaart mit einer fairen – in Teilsegmenten sogar günstigen – Unternehmensbewertung ist es auch weiter ein gutes Umfeld für Aktien. Beispielsweise beträgt beim DAX das Kurs-Gewinn-Verhältnis zwölf und die Dividendenrendite lukrative drei Prozent. Zum Vergleich: Bei Immobilien in guter Lage wird mittlerweile nicht selten das 30-Fache der Jahreskaltmiete als Kaufpreis aufgerufen. Oder blicken wir zum Anleihenmarkt: Zehnjährige deutsche Staatsanleihen weisen aktuell eine Verzinsung von 0,4 Prozent per annum sowie ein unglaubliches Anleihen-KGV von 250 auf.


Zur Person

Andreas Grünewald
Gründer und Vorstand, FIVV AG

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